Ein kleines Baby schläft angelehnt an einen mondförmigen gelben Polster. Es trägt eine lila Haube. Das Bild ist von einem lila Kreis umgeben, dahinter eine goldfarbene Oberfläche mit lila Punkt.

Schreibaby – was tun?

Warum hören manche Säuglinge nicht auf zu schreien? Wie kann man sie beruhigen? Wir haben zwei Expertinnen der Schrei­ambulanz Ottakring gefragt.

Format:
Im Fokus
Autor:
Waltraud Hable
zuletzt geändert:
10.03.2026
Lesezeit:
2 Minuten

Das Baby schreit stunden­lang. Herum­tragen, füttern, Windeln wechseln: Nichts hilft. Auf Eltern­seite stellen sich da schnell Erschöpfung und Zweifel ein: Ist das noch normal? Machen wir etwas falsch?

Schreien ist die Sprache des Säug­lings, um zu sagen: Ich brauche dich, damit du mir hilfst, mich zu regulieren“, sagen Kinder­fachärztin Astrid Ladurner-Mittnik und Entwicklungs­psychologin Christine Sonn-Rankl von der Schrei­ambulanz der Klinik Ottakring. Der Hinter­grund: Babys haben ein noch unreifes Nerven­system und müssen erst lernen, Reize wie Müdig­keit, Hunger oder Über­stimulation zu verarbeiten. „12 bis 15 Prozent aller Kinder reagieren dabei besonders sensibel und schreien deutlich mehr als andere. Sie gelten als Schrei­babys“, erklärt Sonn-Rankl.

Schon in den 1950ern versuchte der US-Kinderarzt Morris A. Wessel dieses Phänomen anhand der so­genannten Dreier-Regel zu beschreiben: Als Schrei­baby gilt demnach ein Kind, das mindestens 3 Stunden pro Tag, an 3 Tagen pro Woche, über mindestens 3 Wochen hinweg schreit. Diese Definition dient heute nur als grobe Orientierung. Sie zeigt, wie viel ein Schrei­baby schreit – sagt aber wenig darüber aus, warum.

Ursache Schrei­baby: fehlender Tages­schlaf

„In fast allen Fällen fehlt Schrei­babys vor allem eines: nämlich Tagesschlaf“, erklärt Sonn-Rankl. „Fakt ist: In den ersten Lebens­wochen werden Säuglinge nach etwa 90 Minuten müde und sie brauchen ein Nickerchen. Passiert das nicht, kippen sie aus Über­lastung ins Schreien.“ Auch zwischen dem Stillen bzw. Füttern sollten Pausen von rund 1,5 Stunden liegen. Das Trinken beruhige zwar kurz­fristig, „aber bei normalem Gewicht ist ein Schnuller sinn­voller als Dauer­füttern, denn Saugen ist ein natürlicher Regulations­mechanismus“, so Sonn-Rankl.

Schreibaby beruhigen: Wie enger Körper­kon­takt helfen kann

Obendrein helfe enger Körper­kontakt. „Schrei­babys wirken in Rücken­lage mitunter instabil. In aufrechter Position und eng am Körper gehalten, etwa im Trage­tuch, fühlen sie sich besser reguliert“, so Sonn-Rankl. „Körper­kontakt kann beruhigen, wenn sich das Baby noch schwer­tut, in seine Mitte zu kommen, aber manchen reicht auch die Anwesenheit – nicht unbedingt permanente Nähe“, ergänzt Astrid Ladurner-Mittnik.

Die gute Nachricht für Eltern: Das exzessive Schreien ist in den allermeisten Fällen zeitlich begrenzt. Die Schrei-Phase beginnt meist ab der 2. Lebens­woche, erreicht ihren Höhepunkt um die 6. Woche und beruhigt sich zwischen Woche 9 und 12 wieder, wenn die Fähig­keit zur Selbst­regulation aus­gereift ist. 

Eine Frau mit schulterlangen braunen Haaren trägt eine beige Bluse und eine lange Kette. Sie neigt den Kopf etwas zur Seite und lächelt.
Christine Sonn-Rankl von der Schrei­ambulanz Ottakring (Teil der Psycho­somatischen Ambulanz) rät Eltern, sich früh Hilfe zu holen.
© privat
Porträtfoto einer Frau mit schulterlangen braunen Haaren, in einem dunkelblauen ärmellosen Shirt, mit Hängeohrringen.
Astrid Ladurner-Mittnik leitet die Tages­klinische Station für Säuglings­psychosomatik in Ottakring.
© privat
„12 bis 15 Prozent aller Kinder gelten als Schreibabys.“
Christine Sonn-Rankl

Wann ärztlich abklären?

Bessert sich das über­mäßige Schreien trotz Nähe und trotz der 1,5-Stunden-Rhythmen bei Schlaf und Fütterung in den ersten Lebens­wochen nicht, sollte genauer hin­geschaut werden. Unter Eltern werden oft die Drei-Monats-Koliken oder Reflux als Ursachen diskutiert. „Reflux­kinder erkennt man daran, dass sie häufig spucken“, so Sonn-Rankl. „Koliken können ein Begleit­symptom von Schreien sein. Schreien fördert die Koliken, denn beim Schreien schlucken die Kinder Luft, aber manche haben einfach mehr Bauch­schmerzen und der Darm muss erst ausreifen, beides ist möglich“, so Ladurner-Mittnik. Außerdem ist darauf zu achten: Passen die motorischen Fähig­keiten und die Gewichts­zunahme, lässt vielleicht Hunger die Kinder unruhig werden? Und: „Schreien ohne merkliche Beruhigungs­phasen sollte auf jeden Fall abgeklärt werden. Sofortiger Handlungs­bedarf besteht, wenn das Kind sich im Wesen verändert, schrill schreit, berührungs­empfindlich reagiert, Fieber hat oder die Haut verfärbt wirkt“, sagt Kinder­fachärztin Ladurner-Mittnik.

Hilfe bei Schreibabys: Wie Schrei­ambu­lanzen unter­stützen

Schrei­ambulanzen bieten Eltern Unterstützung, den Rhythmus ihres Kindes besser zu verstehen – u. a. mit Tages­proto­kollen zu Schlaf­zeiten, Schrei­phasen und Fütterungen. Und: Es gibt Verständnis für die psychische Belastung, unter der auch die Bindung zum Kind leidet. „Wichtig ist, sich Hilfe zu holen – auch über Familie und Freunde, die das Kind herum­tragen oder für einen kochen“, so die Entwicklungs­psychologin. „Rund 15 Prozent aller Mütter entwickeln eine postpartale Depression. Trifft ein Säugling auf Eltern, die erschöpft oder depressiv sind, verstärkt sich die Dynamik gegenseitig.“

Checkliste: Das hilft bei Schreibabys

Tipp 1: 1,5-Stunden-Regel

  • Nach ca. 90 Minuten Wachzeit brauchen Säuglinge wieder Schlaf. Ein schreiendes Baby lässt sich schwer beruhigen, daher Über­müdung möglichst vermeiden.

Tipp 2: Enger Körperkontakt

  • Viele Babys beruhigt es, in Trage­tuch oder Baby­trage eng am Körper getragen zu werden – unterwegs und daheim. Lockeres Pucken ist manchmal hilfreich.
  • S-Formel: Schlafen, Saugen, Sch-Laute – neben Schlaf und Saugen am Schnuller beruhigen auch monotone Sch-Laute.

Tipp 3: Hilfe holen

  • Eltern müssen das nicht allein schaffen!
     

Filmtipp: Für seine einfühlsame Dokumentation „Cry, Baby, Cry“ (2017), hat der Wiener Regisseur Antonin Svoboda drei Schreibabys und deren Eltern über einen längeren Zeitraum begleitet. Der Film kann auf MUBI gestreamt werden. 

Das Buchcover zeigt eine Mutter mit zusammengebundenen braunen Haaren, die ein Baby im Arm hält, das in ein weißes Tuch eingewickelt ist.
Buchtipp: „So beruhige ich mein Baby: Tipps aus der Schrei­ambulanz“ von Christine Rankl (Patmos Verlag).
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