Schreibaby – was tun?
Warum hören manche Säuglinge nicht auf zu schreien? Wie kann man sie beruhigen? Wir haben zwei Expertinnen der Schreiambulanz Ottakring gefragt.
Das Baby schreit stundenlang. Herumtragen, füttern, Windeln wechseln: Nichts hilft. Auf Elternseite stellen sich da schnell Erschöpfung und Zweifel ein: Ist das noch normal? Machen wir etwas falsch?
„Schreien ist die Sprache des Säuglings, um zu sagen: Ich brauche dich, damit du mir hilfst, mich zu regulieren“, sagen Kinderfachärztin Astrid Ladurner-Mittnik und Entwicklungspsychologin Christine Sonn-Rankl von der Schreiambulanz der Klinik Ottakring. Der Hintergrund: Babys haben ein noch unreifes Nervensystem und müssen erst lernen, Reize wie Müdigkeit, Hunger oder Überstimulation zu verarbeiten. „12 bis 15 Prozent aller Kinder reagieren dabei besonders sensibel und schreien deutlich mehr als andere. Sie gelten als Schreibabys“, erklärt Sonn-Rankl.
Schon in den 1950ern versuchte der US-Kinderarzt Morris A. Wessel dieses Phänomen anhand der sogenannten Dreier-Regel zu beschreiben: Als Schreibaby gilt demnach ein Kind, das mindestens 3 Stunden pro Tag, an 3 Tagen pro Woche, über mindestens 3 Wochen hinweg schreit. Diese Definition dient heute nur als grobe Orientierung. Sie zeigt, wie viel ein Schreibaby schreit – sagt aber wenig darüber aus, warum.
Ursache Schreibaby: fehlender Tagesschlaf
„In fast allen Fällen fehlt Schreibabys vor allem eines: nämlich Tagesschlaf“, erklärt Sonn-Rankl. „Fakt ist: In den ersten Lebenswochen werden Säuglinge nach etwa 90 Minuten müde und sie brauchen ein Nickerchen. Passiert das nicht, kippen sie aus Überlastung ins Schreien.“ Auch zwischen dem Stillen bzw. Füttern sollten Pausen von rund 1,5 Stunden liegen. Das Trinken beruhige zwar kurzfristig, „aber bei normalem Gewicht ist ein Schnuller sinnvoller als Dauerfüttern, denn Saugen ist ein natürlicher Regulationsmechanismus“, so Sonn-Rankl.
Schreibaby beruhigen: Wie enger Körperkontakt helfen kann
Obendrein helfe enger Körperkontakt. „Schreibabys wirken in Rückenlage mitunter instabil. In aufrechter Position und eng am Körper gehalten, etwa im Tragetuch, fühlen sie sich besser reguliert“, so Sonn-Rankl. „Körperkontakt kann beruhigen, wenn sich das Baby noch schwertut, in seine Mitte zu kommen, aber manchen reicht auch die Anwesenheit – nicht unbedingt permanente Nähe“, ergänzt Astrid Ladurner-Mittnik.
Die gute Nachricht für Eltern: Das exzessive Schreien ist in den allermeisten Fällen zeitlich begrenzt. Die Schrei-Phase beginnt meist ab der 2. Lebenswoche, erreicht ihren Höhepunkt um die 6. Woche und beruhigt sich zwischen Woche 9 und 12 wieder, wenn die Fähigkeit zur Selbstregulation ausgereift ist.
„12 bis 15 Prozent aller Kinder gelten als Schreibabys.“
Wann ärztlich abklären?
Bessert sich das übermäßige Schreien trotz Nähe und trotz der 1,5-Stunden-Rhythmen bei Schlaf und Fütterung in den ersten Lebenswochen nicht, sollte genauer hingeschaut werden. Unter Eltern werden oft die Drei-Monats-Koliken oder Reflux als Ursachen diskutiert. „Refluxkinder erkennt man daran, dass sie häufig spucken“, so Sonn-Rankl. „Koliken können ein Begleitsymptom von Schreien sein. Schreien fördert die Koliken, denn beim Schreien schlucken die Kinder Luft, aber manche haben einfach mehr Bauchschmerzen und der Darm muss erst ausreifen, beides ist möglich“, so Ladurner-Mittnik. Außerdem ist darauf zu achten: Passen die motorischen Fähigkeiten und die Gewichtszunahme, lässt vielleicht Hunger die Kinder unruhig werden? Und: „Schreien ohne merkliche Beruhigungsphasen sollte auf jeden Fall abgeklärt werden. Sofortiger Handlungsbedarf besteht, wenn das Kind sich im Wesen verändert, schrill schreit, berührungsempfindlich reagiert, Fieber hat oder die Haut verfärbt wirkt“, sagt Kinderfachärztin Ladurner-Mittnik.
Hilfe bei Schreibabys: Wie Schreiambulanzen unterstützen
Schreiambulanzen bieten Eltern Unterstützung, den Rhythmus ihres Kindes besser zu verstehen – u. a. mit Tagesprotokollen zu Schlafzeiten, Schreiphasen und Fütterungen. Und: Es gibt Verständnis für die psychische Belastung, unter der auch die Bindung zum Kind leidet. „Wichtig ist, sich Hilfe zu holen – auch über Familie und Freunde, die das Kind herumtragen oder für einen kochen“, so die Entwicklungspsychologin. „Rund 15 Prozent aller Mütter entwickeln eine postpartale Depression. Trifft ein Säugling auf Eltern, die erschöpft oder depressiv sind, verstärkt sich die Dynamik gegenseitig.“
Checkliste: Das hilft bei Schreibabys
Tipp 1: 1,5-Stunden-Regel
- Nach ca. 90 Minuten Wachzeit brauchen Säuglinge wieder Schlaf. Ein schreiendes Baby lässt sich schwer beruhigen, daher Übermüdung möglichst vermeiden.
Tipp 2: Enger Körperkontakt
- Viele Babys beruhigt es, in Tragetuch oder Babytrage eng am Körper getragen zu werden – unterwegs und daheim. Lockeres Pucken ist manchmal hilfreich.
- S-Formel: Schlafen, Saugen, Sch-Laute – neben Schlaf und Saugen am Schnuller beruhigen auch monotone Sch-Laute.
Tipp 3: Hilfe holen
- Eltern müssen das nicht allein schaffen!
Filmtipp: Für seine einfühlsame Dokumentation „Cry, Baby, Cry“ (2017), hat der Wiener Regisseur Antonin Svoboda drei Schreibabys und deren Eltern über einen längeren Zeitraum begleitet. Der Film kann auf MUBI gestreamt werden.
Hilfe bei Schreibabys in Österreich
Wien:
Klinik Favoriten, Klinik Ottakring und Eltern-Austauschgruppe Nanaya in Wien 7
Oberösterreich:
Salzkammergut Klinikum Vöcklabruck
Salzburg:
Ambulanz für Schrei-, Schlaf- und Fütterungsprobleme
Tirol:
Universitäts-Klinik für Pädiatrie in Innsbruck
Kärnten:
Landeskrankenhaus Villach