Frugalismus-Tipps: Man darf das Leben ruhig genießen
Frugalismus gilt als radikales Sparprogramm – 70 Prozent des Einkommens zurücklegen, früh in Pension gehen. Ökonomin Claudia Müller sieht das differenzierter.
IN DIESEM ARTIKEL ERFÄHRST DU, …
- warum Frugalismus nicht Verzicht, sondern Freiheit bedeutet.
- wieso du höhere Geldbeträge nie einfach so auf dem Konto liegen lassen solltest.
- wie die Vier-Prozent-Regel funktioniert.
Frau Müller, leben Sie selbst frugal?
Nicht im strengen Sinne. Ich finde den Ansatz wertvoll, aber würde mich eher als „Mittel-Frugalistin“ bezeichnen. Für mich geht es weniger um Verzicht als um bewusstes Entscheiden: Was brauche ich wirklich – und was glaube ich nur zu brauchen, weil es gesellschaftlich erwartet wird? Frugalismus ist kein Selbstzweck. Er ist ein Werkzeug, das ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.
Frugalismus klingt für viele nach Verzicht.
Das ist ein Missverständnis. Die Idee ist ja nicht finanzielle Enthaltsamkeit, sondern Freiheit. Wer weniger besitzt, ist beweglicher. Manche sagen: Ich kann mein ganzes Leben in drei Koffer packen und jederzeit gehen. Das hat etwas Befreiendes. Aber ich finde auch: Man darf das Leben ruhig genießen. Ich möchte zum Beispiel eine Wohnung haben, in die ich Freund:innen einladen kann. Dafür kann ich gut auf ein Auto verzichten. Es geht also nicht um Extreme, sondern um bewusste Prioritäten. Herauszufinden, was mir persönlich wichtig ist.
Viele Frugalist:innen sparen extrem, um mit 40 in Rente zu gehen. Ist das realistisch – oder überhaupt wünschenswert?
Für die meisten ist das schlicht nicht erreichbar. Und selbst wenn: Es hat auch Tücken. Wir sind soziale Wesen. Wenn ich mit 40 aufhöre zu arbeiten, aber mein Umfeld nicht, dann fehlt mir etwas. Arbeit ist ja nicht nur Einkommen, sondern auch Struktur, Sinn, Zugehörigkeit. Viele merken erst nach dem Ausstieg, dass sie sich neu definieren müssen: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeite?
Also lieber gar nicht erst aussteigen?
Doch, aber anders denken. Für mich ist das Ziel nicht, nie wieder zu arbeiten, sondern wählen zu können. Vielleicht arbeite ich später weniger, vielleicht nur noch an Projekten, die mir wirklich wichtig sind. Finanzielle Freiheit heißt für mich: Ich könnte aufhören – muss es aber nicht. Im Idealfall arbeite ich etwas weniger. Mit 60 auszusteigen, halte ich für ein realistischeres Ziel als mit 40.
Was ist Frugalismus?
International spricht man meist von der FIRE-Bewegung („Financial Independence, Retire Early“), also finanzielle Unabhängigkeit und früher Ruhestand. Frugalismus beschreibt dabei den Weg dorthin: bewusst konsumieren, viel sparen und investieren, um langfristig unabhängiger zu werden. Der Begriff leitet sich vom lateinischen frugalis ab, was so viel bedeutet wie „sparsam“, „genügsam“ oder „einfach lebend“. Im Kern geht es darum, Ausgaben kritisch zu hinterfragen, unnötigen Konsum zu vermeiden und einen großen Teil des Einkommens zu sparen und dann zu investieren.
Dahinter steckt die berühmte Vier-Prozent-Regel (siehe unten): Man lebt von seinem Vermögen.
Die sollte man nicht zu wörtlich nehmen. Erstens gelten die vier Prozent vor Steuern. Zweitens gab es lange Börsenphasen, in denen das schwierig gewesen wäre. Zwischen 2001 und 2013 war der längste Bärenmarkt (Anm.: also anhaltend sinkende Kurse), den wir hatten; nachdem die Aktienkurse sich 2007 wieder erholt hatten, kam 2008 die Finanzkrise direkt hinterher. Wer knapp kalkuliert, geht ein Risiko ein. Ein Puffer ist wichtig.
Und gleichzeitig soll man das Leben nicht auf später verschieben?
Genau. Es geht um Balance zwischen dem heutigen und dem zukünftigen Ich. Das heutige Ich möchte Geld ausgeben, das zukünftige alles sparen. Beide haben recht. Viele Extreme im Frugalismus vernachlässigen die Gegenwart zu stark. Aber wir wissen ja nicht, wie fit wir später noch sind. Wer immer nur aufschiebt, verpasst unter Umständen das Leben.
Was ist für Sie der größte Vorteil dieses Lebensstils?
Freiheit. Wer weniger fixe Kosten hat, ist unabhängiger. Ein großes Haus, ein teures Auto – das bindet nicht nur Kapital, sondern erzeugt laufende Kosten. Wer schlanker lebt, kann entspannter auf Krisen reagieren. Jobverlust, wirtschaftliche Veränderungen – all das trifft einen weniger hart, wenn man Rücklagen hat und weniger braucht. Als Regel gilt: Man sollte von seinem Notgroschen drei bis sechs Monate leben können.
Trotzdem: Viele können kaum sparen.
Das stimmt, und deshalb sollte man Frugalismus nicht als Alles-oder-nichts-Konzept verstehen. Der Perspektivwechsel ist entscheidend. Statt zu sagen: „Ich kann mir das nicht leisten“, sagt man: „Ich will das nicht kaufen.“ Das ist ein Unterschied zwischen Mangel und Entscheidung. Und selbst kleine Beträge können langfristig viel bewirken.
Stichwort Investieren: Viele setzen einfach auf einen Welt-ETF. Reicht das?
Für den Anfang absolut. Das Problem ist, dass viele gar nicht investieren. Sie lassen ihr Geld auf dem Konto liegen. Wichtig ist aber, zu verstehen, was man tut. Wer blind investiert, wird bei Marktschwankungen nervös. Finanzwissen schafft Ruhe.
Sie kommen selbst aus der Finanzwelt.
Ich habe bei der Bundesbank gearbeitet, im Bereich nachhaltige Geldanlage. Irgendwann habe ich gemerkt: Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie eine Geldanlage funktioniert. Also habe ich angefangen, Finanzbildung zu vermitteln – vor allem an Frauen, die in diesem Bereich oft unterrepräsentiert sind. Wir arbeiten deshalb viel mit Arbeitgeber:innen zusammen, die solche Bildungsangebote finanzieren. So erreichen wir auch diejenigen, die sich sonst vielleicht nie mit dem Thema beschäftigen würden.
Haben Sie selbst ein konkretes Ziel vor Augen?
Ja. Spätestens mit 65 möchte ich finanziell unabhängig sein und ein Café eröffnen. Aber nicht, um davon leben zu müssen – sondern aus Freude. Zwei Tage die Woche Kuchen backen, den Rest der Zeit Kaffee trinken und mit Menschen sprechen. Deshalb sage ich auch nicht Altersvorsorge, sondern Altersvorfreude. So fällt mir das Sparen leichter: Ich weiß, damit rücke ich meinem Traum ein Stück näher.
Vermögen anlegen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um von seinem Vermögen zu leben, z.B. eine Versicherungslösung mit lebenslanger Rentenzahlung. Einige Lebensversicherungen bieten auch eine ETF-Option.
Was ist die Vier-Prozent-Regel?
Der US-Finanzberater William P. Bengen entwarf sie in den 1990er-Jahren für Menschen, die die finanzielle Freiheit erreichen wollen: Sie besagt, dass du jährlich etwa vier Prozent deines angelegten Vermögens entnehmen kannst, ohne dass dieses langfristig aufgebraucht wird. Wer diese Frugalismus-Tipps nutzt, rechnet hoch: Wenn du also beispielsweise eine Million Euro angelegt hast, könntest du rund 40.000 Euro pro Jahr davon frei verwenden. Diese Regel basiert auf historischen Börsendaten und soll eine Orientierung bieten, ist jedoch keine Garantie – insbesondere Steuern, Inflation und schwankende Märkte sollten zusätzlich berücksichtigt werden.