Bunte Collage, auf der eine junge Frau mit Kopfhörern und Smartphone auf einer übergroßen Hand sitzt, die goldene Münzstapel und eine gelbe Blume hält.

Frugalis­mus-Tipps: Man darf das Leben ruhig genießen

Frugalis­mus gilt als radikales Sparprogramm – 70 Prozent des Einkommens zurücklegen, früh in Pension gehen. Ökonomin Claudia Müller sieht das differenzierter.

Format:
Interview
Autor:
Karin Cerny
zuletzt geändert:
19.08.2026
Lesezeit:
3 Minuten

IN DIESEM ARTIKEL ERFÄHRST DU, …

  • warum Frugalis­mus nicht Verzicht, sondern Frei­heit bedeutet.
  • wieso du höhere Geld­beträge nie einfach so auf dem Konto liegen lassen solltest. 
  • wie die Vier-Prozent-Regel funktioniert.

Frau Müller, leben Sie selbst frugal?

Nicht im strengen Sinne. Ich finde den Ansatz wert­voll, aber würde mich eher als „Mittel-­Frugalistin“ bezeichnen. Für mich geht es weniger um Ver­zicht als um bewusstes Ent­scheiden: Was brauche ich wirklich – und was glaube ich nur zu brauchen, weil es gesell­schaftlich erwartet wird? Frugalis­mus ist kein Selbst­zweck. Er ist ein Werk­zeug, das ein selbst­bestimmtes Leben ermöglicht.

Frugalismus klingt für viele nach Verzicht.

Das ist ein Missver­ständnis. Die Idee ist ja nicht finanzielle Enthalt­samkeit, sondern Frei­heit. Wer weniger besitzt, ist beweglicher. Manche sagen: Ich kann mein ganzes Leben in drei Koffer packen und jeder­zeit gehen. Das hat etwas Befreiendes. Aber ich finde auch: Man darf das Leben ruhig genießen. Ich möchte zum Bei­spiel eine Wohnung haben, in die ich Freund:innen einladen kann. Dafür kann ich gut auf ein Auto ver­zichten. Es geht also nicht um Extreme, sondern um bewusste Priori­täten. Herauszu­finden, was mir persönlich wichtig ist. 

Viele Frugalist:innen sparen extrem, um mit 40 in Rente zu gehen. Ist das realis­tisch – oder überhaupt wünschenswert?

Für die meisten ist das schlicht nicht erreich­bar. Und selbst wenn: Es hat auch Tücken. Wir sind soziale Wesen. Wenn ich mit 40 aufhöre zu ar­beiten, aber mein Umfeld nicht, dann fehlt mir etwas. Arbeit ist ja nicht nur Ein­kommen, sondern auch Struktur, Sinn, Zugehörig­keit. Viele merken erst nach dem Aus­stieg, dass sie sich neu defi­nieren müssen: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeite? 

Also lieber gar nicht erst aussteigen?

Doch, aber anders denken. Für mich ist das Ziel nicht, nie wieder zu arbeiten, sondern wählen zu können. Vielleicht arbeite ich später weniger, vielleicht nur noch an Projekten, die mir wirklich wichtig sind. Finanzielle Frei­heit heißt für mich: Ich könnte aufhören – muss es aber nicht. Im Ideal­fall arbeite ich etwas weniger. Mit 60 auszu­steigen, halte ich für ein realis­tischeres Ziel als mit 40. 

Was ist Frugalismus?

International spricht man meist von der FIRE-Bewegung („Financial Independence, Retire Early“), also finanzielle Unabhängigkeit und früher Ruhestand. Frugalismus beschreibt dabei den Weg dorthin: bewusst konsumieren, viel sparen und investieren, um langfristig unabhängiger zu werden. Der Begriff leitet sich vom lateinischen frugalis ab, was so viel bedeutet wie „sparsam“, „genügsam“ oder „einfach lebend“. Im Kern geht es darum, Ausgaben kritisch zu hinterfragen, unnötigen Konsum zu vermeiden und einen großen Teil des Einkommens zu sparen und dann zu investieren. 

Dahinter steckt die berühmte Vier-Prozent-Regel (siehe unten): Man lebt von seinem Vermögen.

Die sollte man nicht zu wört­lich nehmen. Erstens gelten die vier Prozent vor Steuern. Zweitens gab es lange Börsen­phasen, in denen das schwierig gewesen wäre. Zwischen 2001 und 2013 war der längste Bären­markt (Anm.: also an­haltend sinkende Kurse), den wir hatten; nach­dem die Aktien­kurse sich 2007 wieder er­holt hatten, kam 2008 die Finanz­krise direkt hinter­her. Wer knapp kalku­liert, geht ein Risiko ein. Ein Puffer ist wichtig. 

Und gleichzeitig soll man das Leben nicht auf später verschieben?

Genau. Es geht um Balance zwischen dem heutigen und dem zu­künftigen Ich. Das heutige Ich möchte Geld aus­geben, das zu­künftige alles sparen. Beide haben recht. Viele Extreme im Frugalis­mus vernachlässigen die Gegen­wart zu stark. Aber wir wissen ja nicht, wie fit wir später noch sind. Wer immer nur auf­schiebt, ver­passt unter Um­ständen das Leben.

Was ist für Sie der größte Vorteil dieses Lebensstils?

Freiheit. Wer weniger fixe Kosten hat, ist unab­hängiger. Ein großes Haus, ein teures Auto – das bindet nicht nur Kapital, sondern er­zeugt laufende Kosten. Wer schlanker lebt, kann ent­spannter auf Krisen reagieren. Job­verlust, wirt­schaftliche Ver­änderungen – all das trifft einen weniger hart, wenn man Rück­lagen hat und weniger braucht. Als Regel gilt: Man sollte von seinem Not­groschen drei bis sechs Monate leben können. 

Trotzdem: Viele können kaum sparen.

Das stimmt, und deshalb sollte man Frugalis­mus nicht als Alles-oder-nichts-Konzept verstehen. Der Perspektiv­wechsel ist ent­scheidend. Statt zu sagen: „Ich kann mir das nicht leisten“, sagt man: „Ich will das nicht kaufen.“ Das ist ein Unter­schied zwischen Mangel und Ent­scheidung. Und selbst kleine Beträge können lang­fristig viel be­wirken.

Portrait einer lächelnden Frau mit schulterlangen Haaren in einer knallpinken Bluse, die sich an eine Glasscheibe lehnt.
Öko­nomin Claudia Müller leitet seit 2017 das von ihr ge­gründete Female Finance Forum, das Frauen im Um­gang mit Geld und nach­haltigen Investi­tionen schult. Sie ist zudem Autorin zahlreicher Sach­bücher, darunter „Finanzen – Freiheit – Vorsorge. Der Weg zur finan­ziellen Unab­hängigkeit – nicht nur für Frauen“ (2020) und „Meine Finanzen meistern für Dummies“ (2024). 
© Businessfotografie Frau Winkelmann
Buchcover des Sachbuchs „Finanzen – Freiheit – Vorsorge“ von Claudia Müller mit der Autorin und einem Geldbaum-Motiv.
© Springer

Stichwort Investieren: Viele setzen einfach auf einen Welt-ETF. Reicht das?

Für den Anfang absolut. Das Pro­blem ist, dass viele gar nicht inves­tieren. Sie lassen ihr Geld auf dem Konto liegen. Wichtig ist aber, zu ver­stehen, was man tut. Wer blind inves­tiert, wird bei Markt­schwankungen nervös. Finanz­wissen schafft Ruhe.

Sie kommen selbst aus der Finanzwelt.

Ich habe bei der Bundes­bank gearbeitet, im Bereich nachhaltige Geld­anlage. Irgend­wann habe ich gemerkt: Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie eine Geld­anlage funktioniert. Also habe ich ange­fangen, Finanz­bildung zu ver­mitteln – vor allem an Frauen, die in diesem Bereich oft unter­repräsentiert sind. Wir arbeiten deshalb viel mit Arbeit­geber:innen zusammen, die solche Bildungs­angebote finanzieren. So erreichen wir auch die­jenigen, die sich sonst vielleicht nie mit dem Thema be­schäftigen würden.

Haben Sie selbst ein konkretes Ziel vor Augen?

Ja. Spätestens mit 65 möchte ich finanziell unab­hängig sein und ein Café eröffnen. Aber nicht, um davon leben zu müssen – sondern aus Freude. Zwei Tage die Woche Kuchen backen, den Rest der Zeit Kaffee trinken und mit Menschen sprechen. Deshalb sage ich auch nicht Alters­vorsorge, sondern Alters­vorfreude. So fällt mir das Sparen leichter: Ich weiß, damit rücke ich meinem Traum ein Stück näher. 

Wissen

Vermögen anlegen

Es gibt ve­rschiedene Möglich­keiten, um von seinem Ver­mögen zu leben, z.B. eine Versicherungs­lösung mit lebens­langer Renten­zahlung. Einige Lebens­ver­sicherungen bieten auch eine ETF-Option.

Was ist die Vier-Prozent-Regel?

Der US-Finanz­berater William P. Bengen entwarf sie in den 1990er-Jahren für Menschen, die die finanzielle Freiheit erreichen wollen: Sie besagt, dass du jährlich etwa vier Pro­zent deines angelegten Ver­mögens entnehmen kannst, ohne dass dieses lang­fristig aufgebraucht wird. Wer diese Frugalismus-Tipps nutzt, rechnet hoch: Wenn du also beispiels­weise eine Million Euro angelegt hast, könntest du rund 40.000 Euro pro Jahr davon frei verwenden. Diese Regel basiert auf historischen Börsen­daten und soll eine Orientierung bieten, ist jedoch keine Garantie – insbesondere Steuern, Infla­tion und schwankende Märkte sollten zusätzlich berück­sichtigt werden.