„Jeder Euro zählt“ – kleine Beträge smart investieren
Finanzexperte Wilhelm Kindlinger erklärt, wie du schon mit 25 bis 50 Euro monatlich Vermögen aufbaust – und welche Fehler du vermeiden solltest.
IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …
- wie du den Schneeball ins Rollen bringst, um langfristig Vermögen aufzubauen.
- ob sich Sparplan oder Einmalanlage besser für dich eignen.
- welche Anfängerfehler du beim Investieren vermeiden solltest – von fehlender Streuung bis zu unrealistischen Renditeerwartungen.
Viele glauben, dass sich Investieren erst ab ein paar Tausend Euro lohnt. Wie sehen Sie das?
Das ist ein Mythos aus der Vergangenheit, als Geldanlegen mit hohen Kosten verbunden war. Heute kann man schon 50 Euro zu sehr geringen Kosten investieren. Wenn die Kosten niedrig sind, fließt fast der gesamte Betrag in die Veranlagung: Jeder Euro zählt.
Was hindert uns also daran, zu investieren?
Ich bin lange als Berater tätig und höre immer wieder von negativen Erfahrungen. Jemand hat Geld verloren, und das sitzt tief. Menschen sind risikoavers – das ist gut erforscht. Verluste schmerzen uns doppelt so stark, wie uns ein entsprechender Gewinn Freude bereitet. Wir leiden, wenn wir ein Minus sehen.
Die zweite Hürde ist das fehlende Wissen. Der Kapitalmarkt ist komplex. Ich mache das Geschäft seit über 10 Jahren, aber ich dachte vor 15 Jahren noch mehr, ich hätte den Markt verstanden als heute. Doch: Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Besonders in Zeiten, in denen die Inflation höher ist als die Zinsen am Bankkonto. Wichtig ist: Sich informieren und unabhängig beraten lassen!
Gibt es Beträge, die wirklich „zu klein“ zum Investieren sind?
Ich bleibe dabei: Jeder Euro zählt. Aber man braucht ein Umfeld, in dem man sicher sein kann, dass man nicht kurzfristig auf veranlagte Gelder zugreifen muss. Das Girokonto sollte gedeckt und ein Notgroschen verfügbar sein, der unerwartete Ausgaben decken kann, wie eine neue Waschmaschine oder eine Reparatur am Auto. Denn kurzfristig können Investments in alle Richtungen gehen. Das Wichtigste ist, dass man sich mit seinem Notgroschen wohlfühlt. Manche brauchen mehrere Tausend Euro Puffer, andere mehrere Zehntausend. Das ist eine individuelle Entscheidung.
Welche Anlageformen eignen sich besonders gut für kleine Beträge?
Es gibt zwei wichtige Mäntel (siehe Factbox Wissen, Anm.) auf oberster Ebene: Wertpapierdepots, auf denen man selbst Fonds, ETFs oder Aktien kauft, oder fondsgebundene Lebensversicherungen, bei denen über eine Versicherungslösung in den Kapitalmarkt investiert wird.
Beim Depot fallen, neben Transaktionskosten, beim Verkauf 27,5 Prozent KESt (Kapitalertragssteuer, Anmerkung) auf alle Gewinne an. Zusätzliche Depotgebühren, wie sie früher oft verrechnet wurden, sind heutzutage nicht mehr zeitgemäß und sollten daher vermieden werden. Bei der fondsgebundenen Lebensversicherung ist es umgekehrt: Höhere laufende Kosten und der Staat bekommt vier Prozent Versicherungssteuer auf die Einzahlungen. Dafür entfällt bei der Auszahlung die KESt. Welche Strategie besser ist, hängt von der finanziellen Situation und den persönlichen Zukunftsplänen ab.
Sparplan oder Einmalanlage: Was ist besser?
Finanzmathematisch war der beste Zeitpunkt zum Einstieg gestern, der zweitbeste ist heute. Je schneller und langfristiger man investiert, desto höher die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich Vermögen aufzubauen. Aber das Leben ist nicht immer vorhersehbar. Man sollte hinterfragen, ob man so flexibel ist, dass man mal finanziell nachschießen kann, oder ob es wahrscheinlich ist, auch mal etwas rausnehmen zu müssen. Man sollte bei höheren Summen immer mehrere Assetklassen nutzen, um in jeder Lebens- und Marktlage flexibel reagieren zu können.
„Vermögensaufbau ist wie ein Schneeball, der ins Tal rollt. Je größer er wird, desto mehr Schnee nimmt er auf.“
Was sind typische Anfängerfehler beim Investieren kleiner Summen?
Zu viel zu erwarten. Als Anfänger:in hat man keine eigenen Erfahrungswerte, sieht aber Werbungen von zum Teil unseriösen Anbietern und erwartet hohe Renditen. Am besten schaut man, solange die Summen noch niedrig sind, auf die prozentuelle Entwicklung, nicht auf die absoluten Eurobeträge.
Ein zweiter Fehler: Man wird zu schnell zu gierig oder zu ängstlich. Gerade als Kleinanleger:in hat man aber eine wunderschöne Situation. Spart man zum Beispiel laufend 50 Euro im Monat an und der Markt steigt, kann man sich freuen. Fällt der Markt oder gibt es sogar einen Crash, kann man sich dank des Durchschnittskosteneffekts sogar noch mehr freuen. Man verliert ja nur einen Teil der eingesetzten 50 Euro, kauft aber schon im nächsten Monat zu niedrigeren Kursen nach.
Wie funktioniert eigentlich der Zinseszinseffekt?
Der Effekt besagt, dass man mit jedem Jahr nicht nur Zinsen auf das Kapital bekommt, sondern auch auf die Zinsen, die vorher erwirtschaftet wurden. Das heißt: Der Zinseszinseffekt führt über die Zeit zu einem exponentiellen Vermögenswachstum. Griffiges Beispiel: Vermögensaufbau ist wie eine Schneekugel, die ins Tal rollt. Je größer der Schneeball wird, desto mehr Schnee nimmt er auf.
Zu Beginn zahlt man die 50 Euro pro Monat selbst ein, die Kraft kommt nur von einem selbst. Aber wenn dann mal 10.000 Euro zusammengekommen sind, mit einer Rendite von sechs Prozent, was am Kapitalmarkt nichts Ungewöhnliches ist, kommt der Schneeball schon auch spürbar aus eigener Kraft ins Rollen. Bei 100.000 Euro ist die Kraft des Schneeballs schon zehnmal so groß wie die, die man selbst aufwendet.
Wie kann man seine Sparrate steigern, ohne auf Lebensqualität zu verzichten?
Es gibt nur zwei Wege: Einkommen erhöhen und Kosten senken. Das passiert bei jungen Menschen oft ganz natürlich durch Gehaltserhöhungen. Wichtig ist, nicht mit jeder Erhöhung auch den Lebensstil nach oben anzupassen. Mein Tipp für Kleinanleger:innen: 50 Prozent einer Gehaltserhöhung ins Sparen und Investieren umleiten.
Wie schützt man sich vor zu riskanten Produkten oder versteckten Kosten?
Man muss sich leider mit der Thematik beschäftigen. Es gibt viele Produkte, bei denen es hohe Kosten und/oder Risiken gibt. Zum Beispiel sollten bei Beteiligungskonstruktionen über Nachrangdarlehen, geschlossenen Fonds oder Crowd-Investing-Verträgen mögliche hohe Kosten und Risiken hinterfragt werden. Je mehr Seiten die Verträge haben, die man zur Unterschrift bekommt, desto intensiver muss man sich damit beschäftigen, um das Risiko einschätzen zu können. Heute kauft man oft über Apps etwas, ohne die Komplexität zu bemerken. In Werbungen muss zwar angegeben werden, wie hoch das Verlustrisiko sein kann. Das passiert aber leider oft in grauer Schrift auf grauem Hintergrund.
Was unterscheidet erfolgreiche Sparer:innen von denen, die nie anfangen?
Man muss zumindest grundsätzlich verstehen, wie die eigenen Investments funktionieren, und Spaß am Investieren haben. Man sollte nur mit Summen starten, mit denen man sich wohlfühlt, und nur so viel Risiko eingehen, wie für einen persönlich okay ist. Das Portfolio soll der eigenen Strategie und den eigenen Werten entsprechen. Und: Nicht alle Eier in denselben Topf legen. Streuung macht enorm Sinn! Man verliert im Verlustfall weniger und steigert die Aussichten auf Gewinne. So kann man technisch sauber Vermögen aufbauen.
Wissen zum Vermögensaufbau
Was bedeutet risikoavers?
Risikoavers bedeutet im Zusammenhang mit Vermögensaufbau: Manche Menschen mögen Verluste nicht und gehen deshalb eher auf Nummer sicher – oft sogar zu sehr.
Was ist ein finanzieller Mantel?
Der Mantel eines Versicherungs- oder Finanzprodukts ist die rechtliche Hülle einer Geldanlage: Eine fondsgebundene Lebensversicherung ist rechtlich eine Lebensversicherung, investiert werden die Sparprämien der Kund:innen aber am Kapitalmarkt. Der Mantel bezeichnet also, wie du investierst, nicht, worin du investierst.