Eine Hand in einem blau-weiß gemusterten Ärmel lässt von oben drei Euro-Münzen in die geöffnete Hand einer anderen Person fallen, die einen grün-weiß karierten Pullover trägt. Im Zentrum befindet sich ein großer, hellblauer Kreis. Als Hintergrund ist ein Ausschnitt einer 10-Euro-Banknote zu sehen.

„Jeder Euro zählt“ – kleine Beträge smart investieren

Finanzexperte Wilhelm Kindlinger erklärt, wie du schon mit 25 bis 50 Euro monatlich Vermögen aufbaust – und welche Fehler du vermeiden solltest.

Format:
Interview
Autor:
Arndt Müller
zuletzt geändert:
03.03.2026
Lesezeit:
3 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …

  • wie du den Schnee­ball ins Rollen bringst, um lang­fristig Vermögen aufzubauen.
  • ob sich Spar­plan oder Einmal­anlage besser für dich eignen.
  • welche Anfänger­fehler du beim Investieren vermeiden solltest – von fehlender Streuung bis zu un­realistischen Rendite­erwartungen.
     

Viele glauben, dass sich Investieren erst ab ein paar Tausend Euro lohnt. Wie sehen Sie das?

Das ist ein Mythos aus der Vergangen­heit, als Geld­anlegen mit hohen Kosten verbunden war. Heute kann man schon 50 Euro zu sehr geringen Kosten investieren. Wenn die Kosten niedrig sind, fließt fast der gesamte Betrag in die Veranlagung: Jeder Euro zählt.

Was hindert uns also daran, zu investieren?

Ich bin lange als Berater tätig und höre immer wieder von negativen Erfahrungen. Jemand hat Geld verloren, und das sitzt tief. Menschen sind risikoavers – das ist gut erforscht. Verluste schmerzen uns doppelt so stark, wie uns ein entsprechender Gewinn Freude bereitet. Wir leiden, wenn wir ein Minus sehen.

Die zweite Hürde ist das fehlende Wissen. Der Kapital­markt ist komplex. Ich mache das Geschäft seit über 10 Jahren, aber ich dachte vor 15 Jahren noch mehr, ich hätte den Markt verstanden als heute. Doch: Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Besonders in Zeiten, in denen die Inflation höher ist als die Zinsen am Bank­konto. Wichtig ist: Sich informieren und un­ab­hängig beraten lassen!

Gibt es Beträge, die wirklich „zu klein“ zum Investieren sind?

Ich bleibe dabei: Jeder Euro zählt. Aber man braucht ein Umfeld, in dem man sicher sein kann, dass man nicht kurz­fristig auf veranlagte Gelder zugreifen muss. Das Giro­konto sollte gedeckt und ein Not­groschen verfügbar sein, der unerwartete Ausgaben decken kann, wie eine neue Wasch­maschine oder eine Reparatur am Auto. Denn kurz­fristig können Investments in alle Richtungen gehen. Das Wichtigste ist, dass man sich mit seinem Not­groschen wohl­fühlt. Manche brauchen mehrere Tausend Euro Puffer, andere mehrere Zehn­tausend. Das ist eine individuelle Ent­scheidung.

Porträtbild eines jungen Mannes mit Brille, schwarzem Anzug und Krawatte. Er hat kurzes Haar und lächelt.
Wilhelm Kindlinger ist seit über 10 Jahren Geschäfts­­leiter der WIKIFINIA Finanz­­management GmbH, einem öster­reichi­schen konzessionierten Wert­papier­­unternehmen, das auf Honorar­beratung spezialisiert ist.
© peterberger.photography

Welche Anlageformen eignen sich besonders gut für kleine Beträge?

Es gibt zwei wichtige Mäntel (siehe Factbox Wissen, Anm.) auf oberster Ebene: Wert­papier­depots, auf denen man selbst Fonds, ETFs oder Aktien kauft, oder fonds­gebundene Lebens­versicherungen, bei denen über eine Versicherungs­lösung in den Kapital­markt investiert wird.

Beim Depot fallen, neben Trans­aktions­kosten, beim Verkauf 27,5 Prozent KESt (Kapital­ertrags­steuer, Anmerkung) auf alle Gewinne an. Zusätzliche Depot­gebühren, wie sie früher oft ver­rechnet wurden, sind heut­zutage nicht mehr zeit­gemäß und sollten daher vermieden werden. Bei der fonds­gebundenen Lebens­versicherung ist es umgekehrt: Höhere laufende Kosten und der Staat bekommt vier Prozent Versicherungs­steuer auf die Einzahlungen. Dafür entfällt bei der Aus­zahlung die KESt. Welche Strategie besser ist, hängt von der finanziellen Situation und den persönlichen Zukunfts­plänen ab.

Sparplan oder Einmalanlage: Was ist besser?

Finanz­mathe­matisch war der beste Zeit­punkt zum Einstieg gestern, der zweit­beste ist heute. Je schneller und lang­fristiger man investiert, desto höher die Wahr­schein­lich­keit, erfolgreich Vermögen aufzubauen. Aber das Leben ist nicht immer vorher­seh­bar. Man sollte hinter­fragen, ob man so flexibel ist, dass man mal finanziell nach­schießen kann, oder ob es wahr­scheinlich ist, auch mal etwas raus­nehmen zu müssen. Man sollte bei höheren Summen immer mehrere Asset­klassen nutzen, um in jeder Lebens- und Markt­lage flexibel reagieren zu können.

 

Porträtbild eines jungen Mannes mit Brille, schwarzem Anzug und Krawatte. Er hat kurzes Haar und lächelt.
„Vermögens­aufbau ist wie ein Schnee­ball, der ins Tal rollt. Je größer er wird, desto mehr Schnee nimmt er auf.“
Wilhelm Kindlinger
© peterberger.photography

Was sind typische Anfängerfehler beim Investieren kleiner Summen?

Zu viel zu erwarten. Als Anfänger:in hat man keine eigenen Erfahrungs­werte, sieht aber Werbungen von zum Teil unseriösen Anbietern und erwartet hohe Renditen. Am besten schaut man, solange die Summen noch niedrig sind, auf die prozentuelle Entwicklung, nicht auf die absoluten Euro­beträge.

Ein zweiter Fehler: Man wird zu schnell zu gierig oder zu ängstlich. Gerade als Klein­anleger:in hat man aber eine wunder­schöne Situation. Spart man zum Beispiel laufend 50 Euro im Monat an und der Markt steigt, kann man sich freuen. Fällt der Markt oder gibt es sogar einen Crash, kann man sich dank des Durch­schnitts­kosten­effekts sogar noch mehr freuen. Man verliert ja nur einen Teil der eingesetzten 50 Euro, kauft aber schon im nächsten Monat zu niedrigeren Kursen nach.

Wie funktioniert eigentlich der Zinseszinseffekt?

Der Effekt besagt, dass man mit jedem Jahr nicht nur Zinsen auf das Kapital bekommt, sondern auch auf die Zinsen, die vorher erwirtschaftet wurden. Das heißt: Der Zinses­zins­effekt führt über die Zeit zu einem exponentiellen Vermögens­wachstum. Griffiges Beispiel: Vermögens­aufbau ist wie eine Schnee­kugel, die ins Tal rollt. Je größer der Schnee­ball wird, desto mehr Schnee nimmt er auf.

Zu Beginn zahlt man die 50 Euro pro Monat selbst ein, die Kraft kommt nur von einem selbst. Aber wenn dann mal 10.000 Euro zusammen­gekommen sind, mit einer Rendite von sechs Prozent, was am Kapital­markt nichts Ungewöhn­liches ist, kommt der Schnee­ball schon auch spürbar aus eigener Kraft ins Rollen. Bei 100.000 Euro ist die Kraft des Schnee­balls schon zehn­mal so groß wie die, die man selbst aufwendet.

Studioaufnahme einer Hand, die zwei Euromünzen in eine grüne Spardose wirft, die wie ein kleines Haus aussieht
Früh übt sich, wer einmal ein Haus besitzen will.
© gettyimages/We Are

Wie kann man seine Sparrate steigern, ohne auf Lebensqualität zu verzichten?

Es gibt nur zwei Wege: Einkommen erhöhen und Kosten senken. Das passiert bei jungen Menschen oft ganz natürlich durch Gehalts­erhöhungen. Wichtig ist, nicht mit jeder Erhöhung auch den Lebens­stil nach oben anzupassen. Mein Tipp für Klein­anleger:innen: 50 Prozent einer Gehaltserhöhung ins Sparen und Investieren umleiten.

Wie schützt man sich vor zu riskanten Produkten oder versteckten Kosten?

Man muss sich leider mit der Thematik beschäftigen. Es gibt viele Produkte, bei denen es hohe Kosten und/oder Risiken gibt. Zum Beispiel sollten bei Beteiligungs­konstruktionen über Nach­rang­darlehen, geschlossenen Fonds oder Crowd-Investing-Verträgen mögliche hohe Kosten und Risiken hinterfragt werden. Je mehr Seiten die Verträge haben, die man zur Unterschrift bekommt, desto intensiver muss man sich damit beschäftigen, um das Risiko einschätzen zu können. Heute kauft man oft über Apps etwas, ohne die Komplexität zu bemerken. In Werbungen muss zwar angegeben werden, wie hoch das Verlust­risiko sein kann. Das passiert aber leider oft in grauer Schrift auf grauem Hinter­grund.

Was unterscheidet erfolgreiche Sparer:innen von denen, die nie anfangen?

Man muss zumindest grund­sätzlich verstehen, wie die eigenen Investments funktionieren, und Spaß am Investieren haben. Man sollte nur mit Summen starten, mit denen man sich wohl­fühlt, und nur so viel Risiko eingehen, wie für einen persönlich okay ist. Das Portfolio soll der eigenen Strategie und den eigenen Werten entsprechen. Und: Nicht alle Eier in denselben Topf legen. Streuung macht enorm Sinn! Man verliert im Verlust­fall weniger und steigert die Aussichten auf Gewinne. So kann man technisch sauber Vermögen aufbauen.

Wissen zum Vermögens­aufbau


Was bedeutet risikoavers? 

Risikoavers bedeutet im Zusammen­hang mit Vermögens­aufbau: Manche Menschen mögen Verluste nicht und gehen deshalb eher auf Nummer sicher – oft sogar zu sehr.

Was ist ein finanzieller Mantel? 

Der Mantel eines Versicherungs- oder Finanz­produkts ist die rechtliche Hülle einer Geld­anlage: Eine fonds­gebundene Lebens­versicherung ist rechtlich eine Lebens­versicherung, investiert werden die Spar­prämien der Kund:innen aber am Kapital­markt. Der Mantel bezeichnet also, wie du investierst, nicht, worin du investierst.