Eine Hand hält eine schwarze Geldbörse, aus der aus Geldscheinen gefaltete Schmetterlinge fliegen. Dahinter ist ein schwarzer Lederhintergrund.

Wie finanzielle Gesundheit dein Stresslevel senkt

Wirtschafts­psychologin Katharina Gangl über Geld­sorgen, die psychisch krank machen, und Strategien, um finanzielle Angst zu überwinden.

Format:
Interview
Autor:
Christina Hiptmayr
zuletzt geändert:
03.02.2026
Lesezeit:
3 Minuten

IN DIESEM ARTIKEL ERFÄHRST DU, ...

  • dass finanzielle Sorgen Stress und Angst auslösen können.
  • dass man drei Monatsausgaben als Puffer für Notfälle haben sollte.
  • dass die Schuldenberatung eine wertvolle Hilfe sein kann.

Jeder Mensch hat irgendwann Geld­sorgen. Aber wie viel finanzielle Unsicher­heit braucht es, damit finanzielle Angst entsteht – und wann wird sie gefährlich?

Von finanzieller Angst spricht man, wenn die Sorge um Geld dauerhaft Stress verursacht und den Alltag beeinflusst. Wenn man ständig darüber nachdenkt, wie man die Rechnungen zahlen soll, und die Geld­sorgen schlaflose Nächte verursachen. In meiner Forschung habe ich mich mit dem Konzept der „finanziellen Vulnerabilität“ beschäftigt. Die typische Frage ist: Könntest du spontan 2.000 bis 3.000 Euro aufbringen, ohne dir etwas leihen zu müssen? Wer diesen Not­groschen nicht hat, lebt finanziell in höchster Gefahr. Denn da muss nur eine Kleinig­keit schiefgehen, und man weiß nicht mehr, wie man weiter­machen soll. Das kann Stress auslösen. In Österreich sind es rund 35 Prozent, die sagen, diesen Betrag haben sie nicht. In Deutschland und den USA sind die Zahlen ähnlich hoch.

Bedeutet das, dass nur Menschen mit wenig Geld unter finanzieller Angst leiden?

Nein, überhaupt nicht. Finanzielle Angst ist subjektiv. Ich habe Interviews mit Millionär:innen geführt, die gemeint haben, sie sind arm. Sie denken das deshalb, weil sie sich mit anderen vergleichen, die mehr haben. Dieser soziale Vergleich ist oft der eigentliche Angstauslöser. Denn auch vermögende Menschen haben Abstiegs­ängste. Umgekehrt gibt es Menschen, die nichts haben, aber trotzdem keine Angst empfinden.

Wissen

Zur Person

Katharina Gangl ist Wirtschafts- und Sozial­psychologin mit Spezialisierung auf Verhaltens­ökonomie. Sie ist Direktorin für Studien am Nürnberg Institut für Markt­entscheidungen und Senior Research Fellow an der Universität Wien.

Porträtfoto von einer Frau mit kinnlangen braunen Haaren in schwarzem Sakko und mit verschränkten Armen
© Charlie McKee

Warum sparen manche Menschen exzessiv, während andere gar nicht sparen, selbst wenn sie es dringend sollten?

Menschen, die Ersparnisse haben, sparen oft weiter, weil sie gelernt haben, dass Sparen wichtig ist. Wer nichts hat, sagt sich dagegen: „Es bringt eh nichts.“ Das ist eine Mischung aus Verdrängung und Tunnel­blick: Man konzentriert sich nur auf die nächsten Tage und denkt nicht daran, sich für die Zukunft etwas auf­zu­bauen. Dieses kurz­fristige Denken ist grund­sätzlich kein Fehler, sondern oft ein Schutz­mechanismus. Das Gehirn reduziert Stress, indem es das große Ganze ausblendet.

Wie hoch sollte der Notgroschen sein, damit man nicht in Existenzängste verfallen muss?

Drei Monats­ausgaben als Puffer. Wenn man 1.500 Euro im Monat braucht, wären das rund 4.500 Euro. Das deckt typische Notfälle wie Job­verlust oder kaputte Haushalts­geräte ab. Alles darüber hinaus sollte man lang­fristig investieren und nicht bloß auf das Spar­buch legen.

Finanzielle Not kann auch zu körperlichen und psychischen Problemen führen …

Ja, etwa Schlaf­störungen, Kopf­schmerzen, Depressionen. Studien sehen hier einen Zusammen­hang. Häufig ist die finanzielle Not auch ein Trennungs­grund, wenn in der Beziehung wegen der kleinsten Ausgabe Streit entsteht, weil einfach die Ressourcen so knapp sind. Und es gibt Studien, die zeigen: Nach schweren finanziellen Schocks sinkt die kognitive Kapazität, aber es ist unklar, ob aus Stress oder als Verdrängungs­mechanismus. Das konnte man etwa bei indischen Bauern untersuchen, die Ernte­ausfälle zu verkraften hatten. Das bedeutet aber auch, Menschen sind nicht unbedingt selbst schuld, wenn sie schlechte Entscheidungen treffen. Sie sind schlicht überlastet.

Was sollte man tun, wenn man merkt, es wird finanziell eng?

Sofort zur Schulden­beratung! Viele kommen erst, wenn am nächsten Tag die Delogierung droht – viel zu spät. Das ist fatal. Beratungs­stellen können Stundungen organisieren, mit Banken sprechen und Lösungen schaffen, die man allein oft gar nicht kennt. Je früher man hingeht, desto besser!

Finanzbegriffe einfach erklärt

Ein aus einem 500-Euro-Geldschein gefalteter Schmetterling auf weiß-hellblauem Hintergrund
© Shutterstock

Was bedeutet Financial Wellbeing?

Financial Wellbeing ist der Zustand, in dem eine Person finanziell abgesichert ist, ihre Finanzen im Alltag gut im Griff hat, über einen Not­groschen für unerwartete Ausgaben verfügt und in der Lage ist, für zukünftige Ziele wie Wohnen, Ausbildung oder Pensions­vorsorge Geld zu sparen.

Was ist Financial Stress?

Financial Stress beschreibt das subjektive Gefühl der Sorge oder gar Angst in Bezug auf finanzielle Angelegen­heiten. Unabhängig davon, wie hoch die tatsächlichen Schulden oder Ausgaben sind. 

Was ist Financial Strain?

Financial Strain beschreibt die tatsächliche finanzielle Belastung und ist objektiv messbar, etwa anhand der monatlichen Ausgaben im Verhältnis zum Einkommen. 

Was bedeutet Financial Anxiety?

Financial Anxiety ist die dauerhafte, psychisch belastende Angst, die das Verhalten und die Lebens­qualität beeinflussen kann.

Und was kann man tun, um langfristig finanziell stabiler zu werden?

Ein paar Tricks helfen wirklich. Zuallererst: Die wichtigste Geld­entscheidung ist und bleibt die Berufs­wahl. Ein stabiler Beruf ist die beste finanzielle Absicherung – und eine Ausbildung zahlt sich fast immer langfristig aus. Ganz praktisch gesehen kann ein simples Kassa­buch, in dem man alle Ein- und Aus­gaben notiert, ein Game­changer sein. Da erkennt man schnell: Es gibt eine Systematik, die man beeinflussen kann. Hilfreich ist auch, wenn man sich vorstellt, die Person in Geld­nöten ist nicht man selbst, sondern eine Freundin. Dann sieht man vieles viel klarer, weil die Emotion wegfällt. In der Experimentellen Psychologie gab es Versuche, wie man junge Leute zum Sparen bringen kann. Man hat von ihnen Fotos gemacht und sie darauf 30 Jahre altern lassen. So konnten sie für ihr zukünftiges Ich Empathie entwickeln, was die Bereitschaft erhöht hat, heute auf etwas zu verzichten, um für die Pension zu sparen.

Warum ist das Thema Geld, besonders Schulden, so ein Tabu?

Weil wir in einer Leistungs­gesellschaft leben. Erfolg wird oft mit Einkommen oder Vermögen gleichgesetzt. Wer Schulden hat, bekommt schnell das Gefühl, versagt zu haben. Dazu kommt, dass Fehler im Umgang mit Geld ungleich wirken: Vor ein paar Jahren gab es viele Fälle, wo sich junge Menschen mit Handy­verträgen verschuldet haben. Stammt man aus einem wohl­habenden Eltern­haus, schimpfen die Eltern und bezahlen die Schulden. Hat man Pech und die Eltern sind nicht reich, kann eine einzige Fehl­entscheidung sofort massive Konsequenzen haben. Viele schämen sich dafür – obwohl sie oft gar nichts dafür können.

Was können Gesellschaft und Politik tun, um das finanzielle Stresslevel zu senken?

Wir brauchen Finanz­bildung von klein auf. In Öster­reich ist das seit heuer Lehr­fach. Und ich hoffe wirklich, dass es kein abstraktes Ausbildungs­konzept bleibt, sondern die Lehr­kräfte an Alltags­beispielen üben. Aber auch für Erwachsene braucht es Finanz­bildungs­angebote. Das sollten wir uns als Gesellschaft leisten. Denn Menschen, die ihre Steuern und Sozial­abgaben zahlen, verursachen insgesamt weniger Folge­kosten und haben bessere Chancen.

Zahlen und Fakten zur finanziellen Gesundheit

Ein aus einem Geldschein gefalteter Schmeterling mit dreieckigen Flügeln auf weißem und hellblauem Hintergrund
© Shutterstock

Für 44 Prozent der österreichischen Millennials und 27 Prozent der Gen Z ist die Deckung der Lebenshaltungs­kosten die größte Sorge.

21,6 Prozent der Klient:innen der Schulden­beratung sind unter 30 Jahren (Stand: 2024).

Laut Daten der OECD konnten in Österreich während der Pandemie 66 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 29 Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten als depressiv eingestuft werden, bei jenen ohne finanzielle Schwierigkeiten waren es 46 Prozent.

Der Berufs­verband der Österreichischen PsychologInnen (BÖP) wiederum hat erhoben, dass 18,5 Prozent der Menschen im untersten Einkommens­fünftel an Depressionen leiden, während es im obersten Einkommens­fünftel nur 3 Prozent sind. 

Wenn es finanziell eng wird, bietet die Schulden­beratung rasch und unkompliziert Hilfe.