Eine Collage mit zwei Menschen, die sich lächelnd umarmen vor einem gelb-lila Hintergrund. Sie drücken Nähe und Freude aus.

Respect! Woher kommt unser Bedürfnis nach Anerkennung?

Anerkennung ist mehr als Freund­lichkeit: Sie ist psychische Nahrung. Barbara Strohschein zeigt, wie Aner­kennung das Leben positiv verändert.

Format:
Interview
Autor:
Waltraud Hable
zuletzt geändert:
17.02.2026
Lesezeit:
4 Minuten

Frau Strohschein, Sie sagen: Aner­kennung löst Probleme, Abwehr hingegen schafft nur Probleme. Warum hat Aner­kennung so eine Kraft?

Weil wir als Menschen im Grunde alle dasselbe wollen: Wir wollen gesehen, gehört, wahrge­nommen und verstanden werden. Wir sind soziale Wesen und brauchen ein Gegen­über als Spiegel und in Resonanz mit uns. Und wenn wir den anderen Menschen und uns selbst wirklich wahr­nehmen, zuhören und verstehen, dann ist das oben­drein ein hoch­kreativer Prozess, in dem etwas Neues entsteht. Man geht zusammen auf eine Entdeckungs­reise. 

Trotzdem mangelt’s oft an Aner­kennung im Alltag. Warum?

Zum einen fehlen echte Begegnungen und ein Miteinander. Wir erleben eine zunehmende Verein­samung vor den Bild­schirmen. Auch im Beruflichen wird oft nur das Aller­nötigste kommuni­ziert, man sieht hinter den Leistungen kaum mehr den Menschen. Gleich­zeitig erleben wir ein „Zuviel“ von allem: zu viele Informa­tionen, zu viel Stress, zu hohe Anfor­derungen an uns selbst. „Ich bin nicht so gut, wie ich sein müsste.“: Diesen Satz höre ich immer wieder, auch von einfluss­reichen Menschen. All diese Faktoren führen zu einem Abwehr­verhalten als Schutz­reaktion auf die ständige Über­forderung – mit der immer­währenden Sehnsucht nach Anerkennung.

Wie kann ich lernen, mich wieder zu öffnen und wert­schätzender zu agieren?

Eine große Rolle spielt Empathie – also die Fähigkeit, wahr­zunehmen, was im anderen vorgeht, und auch sich selbst gegen­über mitfühlend zu sein. Vielen fällt das schwer, weil sie das in der Kindheit oft selbst nicht erfahren haben. Genauso wichtig ist aber auch, Selbst­wirksamkeit zu erleben: Was kann ich gut? Welche Fähigkeiten und Interessen habe ich? Und: Wir sollten fehler­freundlicher sein, denn wir machen immer Fehler. 

Wissen

Zur Autorin:

Psychologin und Philosophin Barbara Strohschein ist Autorin des Buchs „Aner­kennung ändert alles“ (Kneipp Verlag). In ihrem „PURPOSE Institut Aner­kennung“ unter­stützt sie Paare, Eltern, Unter­nehmen und politische Organi­sationen dabei, die Kraft der Aner­kennung gezielt zu nutzen. 

Eine Frau mit kinnlangen blonden Haaren trägt ein dunkles Oberteil mit weißem Rand und eine Perlenkette.
© Kirsten Hense

Gibt es einen „magischen“ Satz gegen Abwehr und für mehr Anerkennung?

Ja, zu fragen: „Was beschäftigt dich gerade?“ Echtes Interesse löst Widerstand.

Was ist eigentlich der Unter­schied zwischen Aner­kennung und Lob?

Anerkennung ist begründet. Lob oft nicht.  „Das hast du toll gemacht.“ oder „Du siehst super aus.“ … Das sagt man schnell, aber so ein Lob kann auch nach hinten losgehen. Denn oft glaubt das Gegen­über das nicht: Ich soll so toll sein? Kann gar nicht stimmen. Oder denkt: Der sagt das nur, weil er oder sie irgend­etwas von mir will.

Wie macht man’s besser und zeigt echte Anerkennung?

Indem man immer einen Kontext herstellt und etwa sagt: „Ich habe gesehen, was du da geleistet hast und welche Mühe dahinter­steckt. Das finde ich aus diesen und jenen Gründen gut.“ Aner­kennung heißt dabei nicht, auto­matisch kritiklos zu sein. Man kann aber auf eine liebe­volle Weise Kritik üben.

„Aner­kennung heißt nicht, auto­matisch kritiklos zu sein. Man kann aber auf eine liebe­volle Weise Kritik üben.“
Barbara Strohschein

Gibt es Mikro-Gesten der Aner­kennung, die sofort wirken?

Ja, ein Lächeln, ein Nicken, eine einladende Geste, das bewusste In-die-Augen-Sehen. Das spürt jeder Mensch sofort, auch wenn es non­verbal ist. Es signalisiert: „Ich höre dir zu, ich sehe dich.“

Und welche Sätze sollten mehr gesagt werden, um ein positives Umfeld zu schaffen?

Da gibt’s einige: „Ich bin neugierig auf dich.“, „Ich will wissen, was dich beschäftigt.“, „Ich möchte mit dir sprechen.“, „Ich will wissen, wer du bist, damit wir gemein­sam ein Ziel an­streben können.“

Wie kann man im Job oder in der Familie mehr Aner­­kennung zeigen?

Das Prinzip ist auch hier: sich für den Menschen zu interessieren – und nicht nur für die Sache. Ich begleite viele Unter­nehmen und sehe, dass im Berufs­leben wenig gefragt wird: „Was brauchst du, um deine Aufgabe besser leisten zu können?“ „Was wünscht du dir, damit der Kommunika­tions­prozess besser funktio­niert?“ Das hat nichts mit Gut­menschen­tum zu tun. Wenn wir den menschlichen Aspekt dauerhaft zu kurz kommen lassen, kostet das unglaublich viel Zeit, Kraft und Gesund­heit. Menschen sind keine Maschinen, die mit Knopfdruck funktionieren und zu bedienen sind. 

Inwiefern kann sich mangelnde Anerkennung negativ auswirken?

Wenn sich Menschen nicht gesehen fühlen, werden sie krank. Wenn sie sich nicht verstanden fühlen, werden sie wütend. Das wiederum erzeugt Stress und eine Kette von anderen Reaktionen. Menschen, die keine Aner­kennung bekommen, tendieren z.­B. dazu, andere schneller abzu­werten, mit hinterhältigen Bemerkungen und sogar Mobbing. Im Extremfall kann es bis zu Gewalt­taten gehen, weil mangelnde Aner­kennung durch Macht­ausübung kompensiert wird.

Und Anerkennung kann das stoppen?

Durchaus. Ich sehe sie als Schlüssel für glückliche Bezie­hungen, funktionierende Teams und eine friedliche Gesellschaft.

Eine junge Frau im beigen Pullover mit dunklen, hochgesteckten Haaren lächelt und hält beide Hände auf ihr Herz.
Anerkennung ist Balsam für die Seele. Jeder Mensch hat das Bedürfnis, von anderen gesehen und verstanden zu werden.
© Shutterstock/Wayhome Studio

Hat Anerkennung auch Grenzen?

Ja. Man sollte nicht anerkennen, was zum Beispiel in der Politik und Unter­nehmen und im Privatleben zerstörend, abwertend und entwertend wirkt. Aner­kennung betrifft ja nicht nur den privaten und beruf­lichen Bereich. Sie ist auch ein politi­sches und gesell­schaftliches Thema – und sie impli­ziert Inte­grität und eine bestimmte Ethik. Wenn wir zum Beispiel eine falsche Politik oder Gewalt­taten als Lösung für Konflikte anerkennen, dann führt das weltweit nur zu Katastrophen.

Was wäre Ihre wichtigste Bot­schaft für ein friedliches, aner­­kennendes Miteinander?

„Haltet zusammen und bekämpft euch nicht. Geht in den Dialog, gerade, wenn ihr verschie­dener Meinung seid.“ Das ist das Aller­wichtigste. Gemein­sam mit einem Wissen­schaftler habe ich Menschen für ein Forschungs­projekt befragt, die das Klimathema entschieden skeptisch sehen. Und uns wurde prophezeit, dass diese sich auf keine Diskussion einlassen. Wir hatten überhaupt keine Probleme, weil wir uns für ihr Leben und nicht nur für ihre Meinungen interessiert haben. Wir fragten: „Woher kommt die Skepsis und der Widerstand gegen Klima­schutz?“, „Wie würden Sie das begründen?“ und „Was sind Ihre Werte, auf denen Sie Ihre Über­zeugungen aufbauen?“ Und so haben wir ihr Herz gewonnen. Das war ein Schlüssel­erlebnis für mich.

Vier Methoden, um wertschätzend zu kommunizieren

Philosophin und Psychologin Barbara Strohschein erklärt vier Wege, um Anerkennung zu üben.

1. Nachdenken, wahrnehmen, vordenken.

Frage dich: Woher kommt der Konflikt? Was ist der eigentliche Anlass? Welche Gefühle tauchen bei mir und bei anderen auf? Was will ich lang­fristig in dieser Beziehung erreichen?

2. Fokussiere dich.

Was willst du sagen? Wie kannst du bei dir bleiben? Wie verlierst du deinen eigenen Stand­punkt nicht aus den Augen? Vermeide Recht­fertigungen, sie führen oft nur zu Widerspruch.

3. Finde die passende Gesprächsart.

Überlege, wie Anerkennung ankommen kann. Braucht es ein sachliches Gespräch? Ein klares Auf­rütteln? Worte, die emotional berühren? Ent­scheide je nach Situation, ob es sinn­voller ist, aktiv oder passiv im Gespräch zu sein. 

4. Sei klar, wie du Anerkennung zeigst.

Formuliere Anerkennung konkret und sachlich, nicht überschwänglich. Erkläre, was du wahr­genommen hast und warum. Frag nach, wenn du unsicher bist, um Miss­verständ­nisse zu vermeiden.