Respect! Woher kommt unser Bedürfnis nach Anerkennung?
Anerkennung ist mehr als Freundlichkeit: Sie ist psychische Nahrung. Barbara Strohschein zeigt, wie Anerkennung das Leben positiv verändert.
Frau Strohschein, Sie sagen: Anerkennung löst Probleme, Abwehr hingegen schafft nur Probleme. Warum hat Anerkennung so eine Kraft?
Weil wir als Menschen im Grunde alle dasselbe wollen: Wir wollen gesehen, gehört, wahrgenommen und verstanden werden. Wir sind soziale Wesen und brauchen ein Gegenüber als Spiegel und in Resonanz mit uns. Und wenn wir den anderen Menschen und uns selbst wirklich wahrnehmen, zuhören und verstehen, dann ist das obendrein ein hochkreativer Prozess, in dem etwas Neues entsteht. Man geht zusammen auf eine Entdeckungsreise.
Trotzdem mangelt’s oft an Anerkennung im Alltag. Warum?
Zum einen fehlen echte Begegnungen und ein Miteinander. Wir erleben eine zunehmende Vereinsamung vor den Bildschirmen. Auch im Beruflichen wird oft nur das Allernötigste kommuniziert, man sieht hinter den Leistungen kaum mehr den Menschen. Gleichzeitig erleben wir ein „Zuviel“ von allem: zu viele Informationen, zu viel Stress, zu hohe Anforderungen an uns selbst. „Ich bin nicht so gut, wie ich sein müsste.“: Diesen Satz höre ich immer wieder, auch von einflussreichen Menschen. All diese Faktoren führen zu einem Abwehrverhalten als Schutzreaktion auf die ständige Überforderung – mit der immerwährenden Sehnsucht nach Anerkennung.
Wie kann ich lernen, mich wieder zu öffnen und wertschätzender zu agieren?
Eine große Rolle spielt Empathie – also die Fähigkeit, wahrzunehmen, was im anderen vorgeht, und auch sich selbst gegenüber mitfühlend zu sein. Vielen fällt das schwer, weil sie das in der Kindheit oft selbst nicht erfahren haben. Genauso wichtig ist aber auch, Selbstwirksamkeit zu erleben: Was kann ich gut? Welche Fähigkeiten und Interessen habe ich? Und: Wir sollten fehlerfreundlicher sein, denn wir machen immer Fehler.
Zur Autorin:
Psychologin und Philosophin Barbara Strohschein ist Autorin des Buchs „Anerkennung ändert alles“ (Kneipp Verlag). In ihrem „PURPOSE Institut Anerkennung“ unterstützt sie Paare, Eltern, Unternehmen und politische Organisationen dabei, die Kraft der Anerkennung gezielt zu nutzen.
Gibt es einen „magischen“ Satz gegen Abwehr und für mehr Anerkennung?
Ja, zu fragen: „Was beschäftigt dich gerade?“ Echtes Interesse löst Widerstand.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Anerkennung und Lob?
Anerkennung ist begründet. Lob oft nicht. „Das hast du toll gemacht.“ oder „Du siehst super aus.“ … Das sagt man schnell, aber so ein Lob kann auch nach hinten losgehen. Denn oft glaubt das Gegenüber das nicht: Ich soll so toll sein? Kann gar nicht stimmen. Oder denkt: Der sagt das nur, weil er oder sie irgendetwas von mir will.
Wie macht man’s besser und zeigt echte Anerkennung?
Indem man immer einen Kontext herstellt und etwa sagt: „Ich habe gesehen, was du da geleistet hast und welche Mühe dahintersteckt. Das finde ich aus diesen und jenen Gründen gut.“ Anerkennung heißt dabei nicht, automatisch kritiklos zu sein. Man kann aber auf eine liebevolle Weise Kritik üben.
„Anerkennung heißt nicht, automatisch kritiklos zu sein. Man kann aber auf eine liebevolle Weise Kritik üben.“
Gibt es Mikro-Gesten der Anerkennung, die sofort wirken?
Ja, ein Lächeln, ein Nicken, eine einladende Geste, das bewusste In-die-Augen-Sehen. Das spürt jeder Mensch sofort, auch wenn es nonverbal ist. Es signalisiert: „Ich höre dir zu, ich sehe dich.“
Und welche Sätze sollten mehr gesagt werden, um ein positives Umfeld zu schaffen?
Da gibt’s einige: „Ich bin neugierig auf dich.“, „Ich will wissen, was dich beschäftigt.“, „Ich möchte mit dir sprechen.“, „Ich will wissen, wer du bist, damit wir gemeinsam ein Ziel anstreben können.“
Wie kann man im Job oder in der Familie mehr Anerkennung zeigen?
Das Prinzip ist auch hier: sich für den Menschen zu interessieren – und nicht nur für die Sache. Ich begleite viele Unternehmen und sehe, dass im Berufsleben wenig gefragt wird: „Was brauchst du, um deine Aufgabe besser leisten zu können?“ „Was wünscht du dir, damit der Kommunikationsprozess besser funktioniert?“ Das hat nichts mit Gutmenschentum zu tun. Wenn wir den menschlichen Aspekt dauerhaft zu kurz kommen lassen, kostet das unglaublich viel Zeit, Kraft und Gesundheit. Menschen sind keine Maschinen, die mit Knopfdruck funktionieren und zu bedienen sind.
Inwiefern kann sich mangelnde Anerkennung negativ auswirken?
Wenn sich Menschen nicht gesehen fühlen, werden sie krank. Wenn sie sich nicht verstanden fühlen, werden sie wütend. Das wiederum erzeugt Stress und eine Kette von anderen Reaktionen. Menschen, die keine Anerkennung bekommen, tendieren z.B. dazu, andere schneller abzuwerten, mit hinterhältigen Bemerkungen und sogar Mobbing. Im Extremfall kann es bis zu Gewalttaten gehen, weil mangelnde Anerkennung durch Machtausübung kompensiert wird.
Und Anerkennung kann das stoppen?
Durchaus. Ich sehe sie als Schlüssel für glückliche Beziehungen, funktionierende Teams und eine friedliche Gesellschaft.
Hat Anerkennung auch Grenzen?
Ja. Man sollte nicht anerkennen, was zum Beispiel in der Politik und Unternehmen und im Privatleben zerstörend, abwertend und entwertend wirkt. Anerkennung betrifft ja nicht nur den privaten und beruflichen Bereich. Sie ist auch ein politisches und gesellschaftliches Thema – und sie impliziert Integrität und eine bestimmte Ethik. Wenn wir zum Beispiel eine falsche Politik oder Gewalttaten als Lösung für Konflikte anerkennen, dann führt das weltweit nur zu Katastrophen.
Was wäre Ihre wichtigste Botschaft für ein friedliches, anerkennendes Miteinander?
„Haltet zusammen und bekämpft euch nicht. Geht in den Dialog, gerade, wenn ihr verschiedener Meinung seid.“ Das ist das Allerwichtigste. Gemeinsam mit einem Wissenschaftler habe ich Menschen für ein Forschungsprojekt befragt, die das Klimathema entschieden skeptisch sehen. Und uns wurde prophezeit, dass diese sich auf keine Diskussion einlassen. Wir hatten überhaupt keine Probleme, weil wir uns für ihr Leben und nicht nur für ihre Meinungen interessiert haben. Wir fragten: „Woher kommt die Skepsis und der Widerstand gegen Klimaschutz?“, „Wie würden Sie das begründen?“ und „Was sind Ihre Werte, auf denen Sie Ihre Überzeugungen aufbauen?“ Und so haben wir ihr Herz gewonnen. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.
Vier Methoden, um wertschätzend zu kommunizieren
Philosophin und Psychologin Barbara Strohschein erklärt vier Wege, um Anerkennung zu üben.
1. Nachdenken, wahrnehmen, vordenken.
Frage dich: Woher kommt der Konflikt? Was ist der eigentliche Anlass? Welche Gefühle tauchen bei mir und bei anderen auf? Was will ich langfristig in dieser Beziehung erreichen?
2. Fokussiere dich.
Was willst du sagen? Wie kannst du bei dir bleiben? Wie verlierst du deinen eigenen Standpunkt nicht aus den Augen? Vermeide Rechtfertigungen, sie führen oft nur zu Widerspruch.
3. Finde die passende Gesprächsart.
Überlege, wie Anerkennung ankommen kann. Braucht es ein sachliches Gespräch? Ein klares Aufrütteln? Worte, die emotional berühren? Entscheide je nach Situation, ob es sinnvoller ist, aktiv oder passiv im Gespräch zu sein.
4. Sei klar, wie du Anerkennung zeigst.
Formuliere Anerkennung konkret und sachlich, nicht überschwänglich. Erkläre, was du wahrgenommen hast und warum. Frag nach, wenn du unsicher bist, um Missverständnisse zu vermeiden.