Eine Frau schließt die Augen und ist von einem Kreis aus Blitzen umgeben.

Stress erkennen, Burn-out vermeiden

Ständige Erreichbar­keit, Social Media, Leistungs­druck – der digitale Alltag bringt uns an unsere Grenzen. Drei Profis erklären, wie man mit Stress umgeht.

Format:
Im Fokus
Autor:
Maya McKechneay
zuletzt geändert:
02.01.2026
Lesezeit:
5 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, ...

  • dass chronischer Stress den Hormonhaushalt kippt und die Libido belastet.
  • was die meisten von uns stresst: Arbeit, Geldsorgen und Beziehungen.
  • dass schon 20 Minuten in der Natur dein Stresslevel senken.

Du stehst an der Straßen­bahn­halte­stelle. In einer halben Stunde ist dein Bewerbungs­gespräch. Am Smart­phone checkst du schnell noch mal den Wort­laut der Stellen­aus­schreibung. Da kommt die Durch­sage: „Wegen einer Betriebs­störung ist die Zugs­folge unregelmäßig …“ – Im Hirn rasen die Gedanken, die Hand­flächen werden feucht: „Wo ist das nächste Taxi … schaff’ ich das noch zu Fuß? Soll ich anrufen und Bescheid geben? Hoffentlich erscheine ich nicht verschwitzt!“ 

Was sich in diesem Moment in deinem Körper abspielt, ist ein automatisches Blitz­programm, das dich evolutionär betrachtet auf eine Kampf- oder Flucht­situation vorbereitet. Und auch, wenn du vermutlich weder kämpfen noch flüchten musst, um deinen Termin zu schaffen, kann dir dieses Programm nützen. 

Wenn nämlich dein Körper vermehrt Adrenalin ausschüttet, wie es in plötzlichen Stress­situationen der Fall ist, setzt er eine schnelle Ketten­reaktion in Gang. Die Muskeln spannen sich an, Atmung und Kreis­lauf beschleunigen sich, die Wahr­nehmung engt sich ein. Der sogenannte Tunnel­blick wird oft in negativen Zusammen­hängen genannt.

In gewissen Situationen kann er dir aber auch helfen, dich besser auf die Lösung eines Problems zu konzentrieren. Im Beispiel oben wäre das Pünktlich-­Kommen in diesem Moment dein erstes und einziges Ziel. Alles andere rückt nach Start der „Stress­maschine“ erst wieder ins Blick­feld, wenn dieses Ziel erreicht ist. Problematisch wird der dabei entstehende Tunnel­blick erst dann, wenn die Stress­situation zu lange anhält. 

Wissen

Top 3 der Stressfaktoren

  • Arbeitsplatz 
  • Finanzsorgen 
  • Beziehungsprobleme
© pexels/Bobin

Akuter versus chronischer Stress

„Wir unterscheiden zwischen akutem und chronischem Stress“, erklärt der Leiter der Klinik für Psycho­analyse und Psycho­therapie der MedUni Wien, Stephan Doering. „Bei akutem Stress beginnt das Adrenalin schon nach zehn Minuten wieder abzusinken. Chronischer Stress dauert dagegen über Stunden, Tage, Wochen, Monate.“ Während akuter Stress, wie oben beschrieben, sogar Vorteile haben kann, wirkt sich Lang­zeit­stress negativ auf die Gesundheit aus, denn, so Doering: „In diesem Fall erhöht sich das Stress­hormon Cortisol, das wiederum das Adrenalin reguliert. Der Blut­druck und die Blut­gerinnung nehmen zu, Fett­reserven werden gebildet, was die Athero­sklerose und damit Herz­infarkte und Schlag­anfälle begünstigen kann. Geschlechts- hormone und Libido sinken, Osteo­porose kann entstehen und das körpereigene Abwehr­system wird gehemmt.“ Oder prägnanter: Dauer­stress ist Gift fürs Herz, die Knochen, das Immunsystem und das Sexleben.

Wer über einen längeren Zeit­raum gestresst ist, wird auch leichter krank. Körperlich, aber auch psychisch. Die klassische, von beruflichem Stress getriggerte psychische Erkrankung ist das „Burn-out“, eine Spielart der Depression. 

Kontrollverlust stresst

Wie gerät man eigentlich in einen solchen schädlichen Dauer­stress? Hier ist sich Doering mit Marlies Matejka einig. Matejka ist gelernte Sozial­arbeiterin und leitete zwölf Jahre lang die Wiener Telefon­seelsorge, bevor Sie mit Jahres­wechsel 2020 in Pension ging. „Die gemeinsame Klammer ist, dass Menschen mit einer Situation konfrontiert sind, die sie selber nicht mehr in der Hand haben“, erklärt Matejka. In Dauer­stress gerät, wer spürt, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben. „Das kann ganz unterschied­lich aussehen“, sagt sie: „Es kann eine allein­erziehende Mutter sein, die von ihren heran­wachsenden Buben völlig überfordert ist. Oder ein älterer Herr, der, ohne es zu wollen, alleine ist.“ Denn Einsam­keit kann ebenso stressen wie ihr Gegen­teil, die fehlende Zeit für sich selbst. 

Porträtbild von Stephan Doering von der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien
Stephan Doering, Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien
© MedUni Wien/feelimage
Porträtbild von Marlies Mateijka, Telefonseelsorge
Marlies Mateijka ist Mitarbeiterin der Telefonseelsorge.
© Klaus Scherling

Technostress durch Social Media

Zusätzlichen Stress bringt die fortschreitende Technisierung mit sich. Auf den ersten Blick macht sie uns das Leben leichter. Online-­Banking auf dem Sofa, mit einer Tasse Tee in der Hand, entspannt uns – sagt die Werbung. Doch in der Praxis übernehmen wir Kund:innen die Arbeit, die zuvor die Schalter­beamt:innen erledigten. TANs anfordern, mit mehreren elektronischen Geräten hantieren, IBAN eintippen, am besten alles zugleich – und auf halbem Weg kommt auf dem Smartphone ein Anruf, der den gesamten Prozess unterbricht. 

Auch in der Arbeit nimmt das Tempo digitaler Prozesse zu. Um dieses „Immer-schneller-immer-Mehr“ auszugleichen, bieten einige Arbeit­geber ihren Mitarbeiter:innen „entschleunigende“ Gegen­maßnahmen an, etwa Yoga. Doch der Widerspruch zwischen Technik und körperlichen Bedürfnissen bleibt: In vielen Einkaufs­zentren fahren Roll­treppen Trainings­willige ins Fitness­studio, wo sie an oft ebenfalls elektrisch betriebenen Geräten schwitzen. Technik hilft dem Körper, Bewegung zu vermeiden – und wieder andere Technik kompensiert den Bewegungs­mangel, der so entsteht. Warum nicht lieber den Stress der Gegen­sätze vermeiden und draußen Rad fahren oder laufen? Schon zwanzig Minuten in der freien Natur senken laut Studien das Stress­level enorm.

Stress durch Soziale Netzwerke

Stress erzeugen übrigens auch Soziale Netzwerke. Zum einen verleiten sie zum Prokrastinieren, also zum „Zeit-­Totschlagen“. Wenn nach zwei Stunden Instagram die Zeit für wirklich Wichtiges fehlt, kommt man in die Bredouille. Zum anderen versetzen sie uns durch ihre sprunghafte Wirkweise („Häppchen-Infos“) in ein diffuses Stress­gefühl. Eine Studie der Universität Lancaster hat beobachtet, dass User von Social-Media-­Plattformen ihren Scroll-­und-­Click-­Stress bekämpfen, indem sie noch mehr Zeit in Social Media verbringen und dabei lediglich die Funktion wechseln, also zum Beispiel vom Facebook-­Messenger zum Story-Format springen. Monideepa Tarafdar, Ko-Autor der Studie, wird auf der US-Wissen­schafts­seite „Science Daily“ zitiert: „Dass ein und dieselbe Umgebung zunächst Stress erzeugt, um sich dann als Bewältigungs­strategie anzudienen, ist ein völlig neues Konzept – und scheint in konkretem Zusammen­hang mit dem Techno­stress sozialer Netzwerke zu stehen.“

Wusstest du, …

… dass es in Japan ein eigenes Wort für „Tod durch Über­arbeitung“ gibt: Karōshi. Karōshi sagt man, wenn ein Manager inmitten seiner 7-Tage-Woche mit je 12 Stunden Arbeits­zeit einfach umfällt: 40 japanische Kliniken sind auf die Behandlung solcher Fälle spezialisiert. 

… dass laut einer Studie schon 20 Minuten Aufenthalt in der Natur stresslindernd wirken? 

… dass man Stressauslöser auch „Stressoren“ oder „Stressfaktoren“ nennt? Diese sind, je nach früher Prägung, von Mensch zu Mensch ganz verschieden. 

… dass es im Englischen ein Verb gibt, das „Stress bewältigen“ bedeutet: „to cope“. „Proactive Coping“ nennt man es, wenn jemand potenziell stress-erzeugende Situationen schon von vornherein meidet 

… dass Menschen, die an Allergien leiden, anfälliger für Stress sind? Laut einer aktuellen Studie scheinen Allergiker:innen anders mit akutem Stress umzugehen als gesunde Menschen. Erstere haben laut Studien nach einem Stresstest deutlich mehr Cortisol im Blut. 

„Wir helfen mit Worten“

Egal jedenfalls, ob man an einer Social-Media-­Abhängigkeit oder unter handfesten Alltags­problemen leidet: Wer den eigenen Stress erkennt und die Nummer 142 wählt, tut einen wichtigen ersten Schritt. Am anderen Ende meldet sich eine:r der 800 österreichweit tätigen Mitarbeiter:innen der Telefonseelsorge. Und weil Anrufende automatisch in ihr Bundesland verbunden werden, werden sie auch im eigenen Dialekt verstanden. Das Einfach-nur-reden-Können sei das Wichtigste, sagt Matejka, denn: „Wir helfen mit Worten. Das ist genau das, was vielen Menschen fehlt, dass ihnen jemand zuhört. Wir sind Menschen und keine Maschinen, die am anderen Ende sagen: ‚Wenn Sie das und jenes wollen, drücken Sie Taste 3!‘. Wir fragen: ‚Was ist denn passiert?‘“ 

Wichtig bei diesem „aktiven Zuhören“ sei, dass man Anrufende nicht übereilt mit Ratschlägen eindecke. Früher sei ihr dieser Mechanismus noch nicht klar gewesen. Da habe sie dem einen oder anderen noch einen wohlmeinenden Tipp gegeben, bis einmal ein Anrufer gesagt habe: „Wissen Sie, ich bin auch nicht auf der Nudel­suppe dahergeschwommen!“ Da sei ihr ein Licht aufgegangen. „Heute geht es mir darum, meinem Gegenüber zu eigenen Lösungen zu verhelfen. Wenn man ohnehin einen Kontroll­verlust erlebt, will man nicht auch noch um Hilfe bitten.“ 

„Passionen steigern die Resilienz“

Wer einem Gestressten zu schnell mit einem gut gemeinten Rat komme, fixiere diesen erst recht in seinem Kleinheits­gefühl. „Ich frage in solchen Situationen gerne nach: ‚Was hat Ihnen denn früher schon mal geholfen?‘“, sagt Matejka. Noch nie habe sie erlebt, dass jemand am Ende des Telefonats noch genauso gestresst gewesen sei wie zu Beginn. 

Natürlich funktioniert so ein Gespräch nicht nur in der Anonymität der Telefon­seelsorge. Harald Herkner arbeitet als Arzt in der Not­aufnahme des AKH Wien, wo er ständig mit Ausnahme­situationen konfrontiert ist – und auf den eigenen Stresspegel ebenso achten muss wie auf den seiner Kolleg:innen: „Katastrophen kündigen sich nicht an“, sagt er. „Die sind dann sehr schnell da. Es gibt eine Reihe von Mechanismen, damit umzugehen: Sich bewusst machen, dass es Stress gibt. Und eine ganz wichtige Sache für uns: Wir arbeiten immer in Teams. Nach schwierigen Situationen – wie einem Kreislauf­stillstand – tauschen wir uns aus, Bettenträger:innen, Pfleger:innen, Ärzt:innen und Reinigungs­personal, alle, die an einer Situation beteiligt waren. Der Satz ‚Wir gehen drüber reden‘ ist informell und allgegenwärtig.“ 

Stress sei übrigens nicht zwangsläufig gesundheits­schädlich, glaubt Herkner: „Wir haben Ärzte, die arbeiten seit 25 Jahren bei uns“. Es gibt allerdings seiner Erfahrung nach Faktoren, die die Resilienz, also die Fähigkeit, Stress gut auszuhalten, steigern. Besonders stress­resistent seien jene Kolleg:innen, die sich beruflich ein zweites Standbein schaffen, indem sie etwa wissen­schaftlich forschen oder unterrichten. Aber auch diejenigen, die private Passionen pflegen, seien im Vorteil: „Manche sind begnadete Bergsteiger:innen, manche Musikliebhaber:innen, manche sind in Vereinen aktiv. Gerade in so einem heiklen Beruf wäre es kritisch, alles auf eine Karte zu setzen.“ 

Porträtfoto von Harald Herkner, Notfallmediziner im AKH Wien
Harald Herkner ist Notfallmediziner im AKH Wien.
© MedUni Wien/feelimage

Statistiken zu Stress

  • 82 % halten hohen Zeitdruck für einen starken Belastungs­faktor (2016: 53 %). 
  • 67 % halten ständige Erreichbar­keit (Telefon, Internet, Social Media) für einen starken Belastungs­faktor (2016: 53 %). 

Mach es wie der Elefant!

Patentrezepte gegen Stress haben Ärzt:innen und Sozialarbeiter:innen natürlich auch nicht. Dafür jede Menge Lebens­erfahrung, die ihnen sagt: Wer auf mehreren Beinen steht, kippt nicht so leicht um. Als Faust­regel könnte gelten: Mach es nicht wie der Flamingo. Mach es wie der Elefant! Denn wer alles auf eine Karte setzt – Karriere, Familie, den einen, großen Lebens­plan – wird leichter umgeweht als derjenige, der sein Leben in mehreren Bereichen stabil einzurichten weiß. Wer so handelt, nimmt vielleicht auch die anfangs erwähnte späte Straßen­bahn mit Humor. Denn wer weiß? Wenn alles gut läuft, begegnet die:der neue Chef:in der Ausnahme­situation entspannt. Und ein entspanntes Arbeits­klima nützt auf lange Sicht allen.

Mit vielen Beinen fest am Boden

Herkner ist nicht der einzige Experte, der von „Standbeinen“ spricht. Auch Marlies Mateijka von der Telefonseelsorge zeichnet das Bild eines Lasttieres, das – im metaphorischen Sinn – mit Sorgen überladen sei und zu stürzen drohe. Hier könne es helfen, sich mit mehreren Beinen fest in den Boden zu stemmen. Eine Psychotherapie, betont Stephan Doering vom AKH, könne diese Stützwirkung bei Bedarf verstärken, bevor Stress in eine psychische Erkrankung münde. 

Gerade Perfektionist:innen setzten sich selber häufig unter Stress: „Hier hilft es, die eigenen Erwartungen zurückzuschrauben und Hilfe anzunehmen“, sagt Mateijka. Sie selbst erinnert sich, dass sie partout einmal mit einer Handverletzung für viele lang schon eingeladene Gäste kochen wollte und es einfach nicht schaffte. Schließlich rief sie doch eine Freundin an. Die kam und half in doppelter Hinsicht: Sie schnitt die Zwiebeln und sorgte mit einem Gespräch für Entspannung. 

Wissen

Hilfe bei Stress und allgemeiner Über­lastung

Telefonseelsorge  + 43 1 142 
Die Mitarbeiter der Telefon­seelsorge hören dir öster­reichweit zu. Wer lieber tippt als telefoniert, kann seine Sorgen auch per Mail oder im Chat loswerden. 

Psychosoziale Dienste (PSD) Wien Tel. +43 1 31330 
Menschen, die wissen oder glauben, an einer psychischen Krank­heit zu leiden, finden hier schnell und unkompliziert Unter­stützung.