Aufschieberitis: Raus aus der Aufschiebefalle
Prokrastination: Warum wir Dinge ewig vor uns herschieben – und wie du Schritt für Schritt ins Tun kommst.
IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, ...
- dass Prokrastinieren nichts mit Faulheit zu tun hat, sondern mit Dauerstress.
- dass ein Zeitplan oder eine To-do-Liste helfen, ins Tun zu kommen.
- wann du dir professionelle Hilfe suchen solltest.
Warum schiebe ich Dinge auf?
Keine Sorge: Mit deiner Aufschieberitis bist du nicht allein. Studien zeigen, dass durchschnittlich jede:r Fünfte hin und wieder prokrastiniert – also die Dinge auf morgen verschiebt (siehe Wissensbox). Meist sind es wichtige, manchmal auch unangenehme Aufgaben, die man hinauszögert. An sich ist das nicht schlimm: Manche Menschen laufen gerade dann zu Höchstform auf, wenn die Deadline bedrohlich nahe ist. Andere lassen die Dinge gern im Kopf reifen, bevor sie sie in Angriff nehmen.
Wann ist prokrastinieren problematisch?
Zum Problem wird Prokrastination genau dann, wenn du deine Aufgaben dadurch nicht mehr zufriedenstellend schaffst. Wenn du Universitätsarbeiten verspätet oder notdürftig zusammengezimmert abgibst und so in Studium oder Job Nachteile hast. Dabei hat Prokrastination nichts mit Faulheit zu tun: Wer faul ist, fühlt sich nicht zwangsläufig schlecht. Wenn du unter Aufschieberitis leidest, stehst du hingegen unter Dauerstress. Deine Gedanken kreisen ständig darum, was du erledigen solltest. Du kannst dein Nichts-Tun nicht genießen. Im Gegenteil: Du bist blockiert – und blickst wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange.
Noch schnell einen Kaffee, dann schreibe ich das wichtige E-Mail. Eine Freundin schickt ein lustiges TikTok-Video. Ich klicke es an. Danach wird mir ein Film angeboten, den ich schon lang auf Netflix sehen wollte. Nur kurz reinschauen …
Kennst du das? An manchen Tagen springst du vom Hundertsten ins Tausendste. Ständig wirst du abgelenkt – und was eigentlich erledigt gehört, bleibt liegen. Aufschieberitis nervt. Plötzlich ist der Abend da. Du bist unzufrieden – und hast nichts von dem geschafft, was du dir vorgenommen hast.
Was heißt „prokrastinieren“?
Prokrastination (von Lateinisch „procrastinatio“/Aufschub) ist keine Krankheit, sondern eine Gewohnheit – aber eine, die dich ausbremsen kann. Typisch sind Übersprungs- und Ersatzhandlungen wie Putzen statt Präsentation schreiben oder stundenlanges Scrollen auf Social Media. Auch scheinbar produktive Ersatzhandlungen wie E-Mails sortieren können Selbstblockaden kaschieren. Oft steckt dahinter die Angst, zu versagen oder nicht perfekt zu sein. Die gute Nachricht: Wer diese Muster erkennt, kann sie mit kleinen Veränderungen und realistischen Zielen aufbrechen.
Aufschieberitis überwinden: So kommst du ins Tun
Apropos „kleine Schritte“: Ohne Zeitplan lässt sich Aufschieberitis nicht lösen. Eine To-do-Liste und ein Kalender helfen, deine Zeit sinnvoll zu strukturieren. Egal, ob Papier oder in Form einer App. Aber auch hier gilt: realistisch bleiben. Dinge dauern oft länger als gedacht, Probleme sind komplizierter als angenommen. Deshalb: Setz dir überschaubare Tagesziele – und bau Puffer ein. Beachte die 50-Prozent-Regel: Um dich nicht zu überfordern, plane ein, dass du doppelt so lange brauchst, wie du denkst. Dann kommt kein unnötiger Frust auf.
Bau dir Mini-Deadlines und lerne in Etappen zu denken. Und: Gönn dir eine Belohnung, wenn du dein Tagespensum erfüllt hast. Es setzt Dopamin frei, wenn du hin und wieder vor der Zeit fertig wirst! Darüber hinaus solltest du aber auch trainieren, langfristige Ziele ohne „instant gratification“ zu verfolgen – etwa Sparen für eine große Reise oder eine Weiterbildung, die sich erst über die Jahre auszahlt. Sag dir immer: Auf lange Sicht wird meine Lebensqualität steigen.
Prokrastinieren: Selbstdiagnose
Notorische Prokrastinierer:innen stecken ihre Energie in sogenannte Ersatzhandlungen. Das sieht dann etwa so aus: Du sortierst alte E-Mails, machst die Wäsche oder putzt sogar die Fenster – nur um dem eigentlich Wichtigen aus dem Weg zu gehen. So fühlst du dich zwar produktiv, aber die Gewissensbisse bleiben. Es entsteht ein toxischer Mix aus Scham, Selbstzweifeln und psychosomatischen Beschwerden bis hin zu ständiger Erschöpfung und schlaflosen Nächten. Denn dauernd das Gefühl zu haben, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, schlägt sich auf dein Selbstwertgefühl.
Gründe für Aufschieberitis: Warum wir blockieren
Warum aber blockieren sich viele auf diese Weise? Forscher:innen der Universität Tokio haben 2024 herausgefunden: Pessimist:innen schieben öfter auf, Optimist:innen legen schneller los. Klingt logisch – und heißt für dich: Je positiver du deine Aufgaben siehst, desto leichter packst du sie an. Folgenden Satz solltest du deshalb streichen: „Ich bin nicht gut genug.“ Er blockiert dich, bevor du überhaupt angefangen hast. Sag dir darum besser: „Wenn ich Schritt für Schritt gehe, komme ich auf jeden Fall an!“
Das Gegenteil von Prokrastination gibt es auch. Wer „präkrastiniert“, will alles möglichst schnell erledigen.
Schluss mit Prokrastination
Nur zwei Prozent der Menschen behaupten laut einer Studie der Universität Münster, niemals Dinge aufzuschieben. In der Altersgruppe von 14 bis 29 Jahren prokrastinieren Männer häufiger als Frauen, später ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Die gute Nachricht: Je älter du wirst, desto leichter fällt es dir, dich zu organisieren. Und falls dich das Aufschieben trotzdem ständig stresst, hol dir Unterstützung. Manchmal steckt mehr dahinter – etwa eine unerkannte Depression oder ADHS. So oder so gilt: Mit der richtigen Hilfe kannst du lernen, dich besser zu organisieren und gelassener durchs Leben zu gehen.
Alles Pomodoro!
Und jetzt noch ein wirklich einfacher Praxis-Tipp: Wenn dir beim Arbeiten der Fokus fehlt, weil dich zum Beispiel Social Media & Co. ablenken, probier mal die Pomodoro-Technik. Dabei teilst du deine Aufgaben in 25-minütige Einheiten auf (vom Erfinder getrackt mit einer Eieruhr in Tomatenform – daher „Pomodoro“). Zwischen den Intervallen liegen jeweils fünf Minuten Pause. Diese Technik hilft dir zu mehr Selbstdisziplin, du lernst, dich für überschaubare Einheiten auf eine Sache zu konzentrieren. Das Motto lautet: Single-Tasking statt Überforderung auf allen Kanälen. Wichtig: Kommuniziere Freund:innen und Kolleg:innen, dass du während der einzelnen Einheiten nicht ansprechbar bist.
Weiterführende Links
Selbsttest Prokrastination der Universität Münster
Optimismus hilft bei Abschieberitis Studie Universität Tokio (2024)
Gesundheitliche Auswirkungen Schwedische Studie (2023)
Wer ist besonders betroffen? Studie der Universität Mainz (2016)
Alles Tomate: Die Pomodoro-Technik