Kraftlos? Eisenmangel erkennen und behandeln

Eingerissene Mundwinkel und Augen­ringe? Vielleicht leidest du unter Eisenmangel. Der wird laut Pharmazie-Experten Manfred Schubert-Zsilavecz oft übersehen.

Format:
Interview
Autor:
Maya McKechneay
zuletzt geändert:
02.01.2026
Lesezeit:
3 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, ...

  • dass gerade Vegetarier:innen, Schwangere oder Frauen vor dem Wechsel ein erhöhtes Risiko tragen.
  • dass chronisch entzündliche Krankheiten einen Stoff in der Leber produzieren, der die Eisenbildung verhindert.
  • dass die Behandlung über Tabletten und Infusionen möglich ist.

Gleich in der Früh kann der Kosmetik­spiegel im Bad wichtige Hinweise auf den Eisenspiegel liefern: Wer ein blasses Gesicht sieht, Augenringe, vielleicht eingerissene Mundwinkel und zudem friert, sobald er aus dem warmen Bett steigt, sollte das Blutbild überprüfen lassen. Gerade Vegetarier:innen, Schwangere oder Frauen vor der Menopause haben ein erhöhtes Risiko für eine Sideropenie (so der Fachausdruck für Eisenmangel). Warum das so ist, hat uns Pharmazeut Manfred Schubert-Zsilavecz im Interview erklärt. 

Manfred Schubert-Zsilavecz ist Apotheker und Wissenschaftler im Bereich der pharma­zeutischen Chemie. Er ist ordentlicher Professor an der Goethe-Universität Frankfurt und wissenschaftlicher Leiter des Zentral­laboratoriums Deutscher Apotheker (ZL).
© privat

Herr Schubert-Zsilavecz, Sie finden, Eisenmangel wird als Problem unterschätzt. Woran machen Sie das fest?

Man liest und hört medial so viel über das Vitamin D und dass viele unterversorgt seien. Das Gleiche gilt für Kalzium. Dabei ist ein Kalziummangel wirklich selten. Aber fragen Sie mal jemanden, ob sie:er weiß, ob der eigene Eisenspiegel stimmt. Nur schwangere Frauen sind da mittlerweile durch ihre Hebammen und Gynäkolog:innen sensibilisiert. 

Gab es Eisenmangel schon immer – oder ist er auf dem Vormarsch?

Es handelt sich um ein wachsendes Phänomen, was auch daran liegt, dass immer mehr Menschen auf Fleisch als Nahrungsbestandteil verzichten. Dabei ist das darin enthaltene Hämoglobin-gebundene Eisen als Quelle leichter verwertbar. 

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Eisenmangel rechtzeitig erkennen

Zu den häufigsten Symptomen zählen:

  • Blässe 
  • Müdigkeit 
  • schnelles Frieren 
  • Konzentrations­schwierigkeiten 
  • eingerissene Mund­winkel 
  • Haarausfall
„Frauen mit starker Regelblutung sind besonders gefährdet.“
Manfred Schubert-Zsilavecz

Wer vegetarisch lebt, sollte also seinen Eisenspiegel im Auge behalten – wer noch?

Natürlich sind Frauen mit starker Regelblutung besonders gefährdet – weil der Blutverlust auch mit einem Eisenverlust einhergeht. Dazu kommt, und das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen: Die Forschung hat kürzlich festgestellt, dass chronisch entzündliche Krankheiten wie Arthritis oder Rheuma echte Eisenkiller sind. Über sie wird ein Stoff in der Leber produziert, der verhindert, dass Eisen gebildet wird.

Was passiert, wenn man einen Eisenmangel über längere Zeit übersieht?

Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Wenn ein Eingriff bevorsteht, freut sich heute jede:r, wenn sie:er möglichst schnell einen Krankenhaustermin bekommt. Eigentlich wären die Leute aber gut beraten, vorher zu schauen, ob ein Eisenmangel vorliegt. Wenn es nämlich so ist, haben sie ein viel schlechteres Outcome, wenn sie im Krankenhaus sind, bleiben statistisch betrachtet länger dort und haben ein höheres Risiko zu versterben. Zumal bei manchen Eingriffen viel Blut entnommen wird oder verloren geht.

Und wie äußert sich ein Eisenmangel im Alltag?

Zunächst durch allgemeines Unwohlsein, eine Veränderung der Hautfarbe, Konzentrationsstörungen. Man fühlt sich schlapp. Äußerlich fallen auf: Blässe, Augenringe, eingerissene Mundwinkel. 

Wenn das Blutbild dann den vermuteten Mangel bestätigt: Wie kann man ihn beheben?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Eine intravenöse Gabe oder die orale Einnahme. Wenn Eisen in Tablettenform verabreicht wird, sollte es immer niedrig dosiert werden. Wenn man nämlich zu viel Eisen zuführt, blockiert die Leber die Aufnahme. Das ist ein komplexes Thema. Man sollte unbedingt die Anweisungen von Arzt/Ärztin oder Apothekenpersonal beachten.

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Was hilft gegen Eisenmangel?


→  Bei mildem Eisenmangel achte auf deine Ernährung:

  • Tierische Eisenquellen sind unter anderem rotes Fleisch wie Rind oder Lamm, Blutwurst oder Leber, Fisch und Meeresfrüchte ­­– und Eigelb. 
  • Pflanzliche Eisenquellen sind Hülsenfrüchte (Linsen, Kichererbsen, Bohnen), Vollkornprodukte und (wie schon Popeye wusste) Spinat, Mangold oder Rucola.

→  Nahrungsergänzungsmittel können oral eingenommen werden. Achte dabei allerdings auf die genaue Dosierung (siehe Interview). Ein Eisen-Überschuss kann erst recht die Aufnahme in der Leber blockieren.

→  Alternativ kann Eisen intravenös zugeführt werden.

Eisenmangel in Zahlen

Von einem absoluten Eisenmangel sind weltweit betroffen … 

  • 40 Prozent der schwangeren Frauen 
  • 30 Prozent der nicht schwangeren Frauen 
  • 40 Prozent der Kinder unter 5 Jahren 
  • insgesamt 1,2 Milliarden Menschen (2016) 

In Europa … 

  • 2 bis 6 Prozent der Kinder 
  • 10 bis 15 Prozent der Frauen im fruchtbaren Alter 


Zahlen und Daten zum Eisenmangel in dieser Studie: Muckenthaler, Martina: Eisenmangel und seine Auswirkungen auf vielfältige Erkrankungen