Finanzen für Frauen: Warum Selbstfürsorge beim Konto beginnt
Warum gerade Frauen ihre Finanzen im Blick behalten sollten, wissen die Finanzexpertinnen Vera Kratky und Anna Hutterer.
IN DIESEM ARTIKEL ERFÄHRST DU, ...
- dass finanzielle Unabhängigkeit ein zentraler Teil von Selfcare ist – gerade für Frauen.
- dass Rücklagen, Versicherungen und Pensionssplitting gute Maßnahmen sind, um ein Sicherheitsnetz zu spannen.
Wenn es um Selfcare geht, denken viele an Yoga, ein Schaumbad oder Smoothies. Dabei lässt sich in Wahrheit nur auf einem soliden Fundament wirklich entspannen, sagen Vera Kratky und Anna Hutterer, Finanzexpertinnen und Autorinnen des Ratgebers Unabhängigkeit durch finanzielle Freiheit. Wer seine Finanzen im Griff hat, trifft bewusstere Entscheidungen, fühlt sich sicherer und kann sein Leben selbstbestimmt gestalten. Gerade für Frauen ist das ein wesentlicher – und allzu oft vernachlässigter – Akt der Selbstermächtigung.
Auf Social Media gibt es den Tradwife-Trend (siehe Factbox). Nehmt ihr in eurer täglichen Arbeit wahr, dass junge Frauen heute wieder konservativer handeln als noch vor ein paar Jahren?
Vera Kratky: Ja, wir beobachten tatsächlich, dass sich einige junge Frauen wieder traditionellen Rollenbildern zuwenden, sei es bewusst oder unbewusst. Der sogenannte „Tradwife“-Trend auf Social Media romantisiert und ästhetisiert Abhängigkeit: als liebevolle Hingabe, als Rückkehr zur „Natürlichkeit“ oder als Lifestyle-Entscheidung. Dabei steckt hinter dieser Fassade oft ein riskantes Modell, das die finanzielle Selbstbestimmung der Frauen ausklammert. In unserer täglichen Arbeit merken wir, dass viele junge Frauen zwar ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit haben, was absolut legitim ist, aber gleichzeitig oft unterschätzen, wie wichtig finanzielle Unabhängigkeit für echte Selbstbestimmung ist. Es geht nicht darum, gegen Familie oder Partnerschaft zu argumentieren, sondern darum, innerhalb dieser Strukturen selbstbestimmt zu bleiben.
Anna Hutterer: Wir sehen gleichzeitig auch, dass das Bewusstsein für finanzielle Bildung wächst, gerade bei Frauen, die sich mit solchen Trends kritisch auseinandersetzen und hinterfragen. Viele kommen zu uns, weil sie sich nicht in eine Abhängigkeit begeben, sondern aktiv vorsorgen wollen. Das ist ein Zeichen dafür, dass Selbstfürsorge und finanzielle Eigenverantwortung wieder an Gewicht gewinnen. Auch als Gegentrend zur Tradwife-Romantik.
Was ist eine Tradwife?
Der Begriff Tradwife steht für „traditional wife“ und beschreibt einen Social-Media-Trend, der seit Mitte der 2010er-Jahre – vor allem in den USA und Großbritannien – an Popularität gewonnen hat. „Tradwives“ inszenieren sich als hingebungsvolle Ehefrauen und Mütter, die traditionelle Geschlechterrollen leben und stolz darauf sind, Haus und Familie zu managen, während der Mann das Einkommen sichert. Prominente Gesichter des Trends sind Influencerinnen wie Hannah Neleman (@ballerinafarm), Alena Kate Pettitt (@thedarlingacademy) oder Estee Williams (@esteecwilliams). Kritiker:innen sehen den Trend problematisch, weil er patriarchale Strukturen verharmlost und darüber hinwegsieht, dass Frauen ohne Job und eigenes Einkommen z. B. im Trennungsfall nicht abgesichert sind.
„Dein Geld ist dein Schlüssel zur Unabhängigkeit.“
Wie kann man, während man wegen Pflege oder Kinderbetreuung in Teilzeit ist, trotzdem finanziell vorsorgen?
Vera Kratky: Teilzeit bedeutet nicht Stillstand, sondern eine Phase, in der kluge Entscheidungen besonders wichtig sind. Wer sich selbst und seine Zukunft ernst nimmt, kann auch in dieser Lebenssituation für finanzielle Freiheit sorgen, Schritt für Schritt und mit einem klaren Blick auf die eigenen Ziele. Unser wichtigster Rat: Bleib aktiv und informiere dich. Auch mit reduziertem Einkommen ist es möglich, finanzielle Eigenverantwortung zu übernehmen, sei es durch angepasste Vorsorgemodelle, regelmäßige Gespräche über faire finanzielle Aufteilung in der Partnerschaft oder durch gezielte Weiterbildung, um beruflich am Ball zu bleiben.
Wenn ihr Frauen einen einzigen Satz mitgeben könntet, um sie für das Thema Finanzen zu mobilisieren – welcher wäre das?
Anna Hutterer: Dein Geld ist nicht nur ein Mittel zum Leben – es ist dein Schlüssel zur Unabhängigkeit.
Trennung, Scheidung, Krankheit: Wie kann man sich für solche Schicksalsschläge finanziell absichern?
Vera Kratky: Über diese Themen spricht niemand gerne, aber sie gehören zum Leben dazu. Gerade deshalb ist es so wichtig, sich frühzeitig ein finanzielles Sicherheitsnetz aufzubauen. Denn wer vorbereitet ist, kann auch in Krisenzeiten selbstbestimmt handeln und muss sich nicht zusätzlich mit existenziellen Sorgen belasten. Ein Notgroschen oder Notfallgeld von mindestens drei bis sechs Monatsgehältern, also eine Rücklage für unerwartete Ausgaben, ist dabei die Basis. Er schafft kurzfristige Sicherheit und verhindert, dass man in schwierigen Momenten auf andere angewiesen ist. Versicherungen wie Kranken-, Berufsunfähigkeits- oder Ablebensversicherungen sind weitere Bausteine, die im Ernstfall auffangen und schützen können. Und auch das Thema Pensionssplitting spielt eine wichtige Rolle: Gerade wenn Frauen wegen Kinderbetreuung oder Pflegezeiten beruflich kürzertreten, kann Pensionssplitting helfen, die Altersvorsorge fair zu gestalten und Versorgungslücken zu vermeiden. Wir wollten in unserem Ratgeber zeigen, wie Frauen sich Schritt für Schritt absichern können – nicht aus Angst, sondern aus Stärke. Denn finanzielle Vorsorge ist kein Zeichen von Pessimismus, sondern von Selbstfürsorge und Weitblick.
„Pensionssplitting kann helfen, die Altersvorsorge fair zu gestalten.“
Gab es in eurer eigenen Laufbahn einen Aha-Moment, an dem euch klar wurde: Ohne finanzielle Eigenständigkeit geht es nicht?
Vera Kratky: Ja, und dieser Moment war bei uns beiden nicht nur ein einzelner Augenblick, sondern eine Reihe von Erfahrungen, die uns tief geprägt haben. Ich habe früh gelernt, dass finanzielle Sicherheit kein Selbstläufer ist. Ich bin ohne finanzielle Privilegien aufgewachsen, daher war mein Weg alles andere als vorgezeichnet. Doch mit Mut, Zielstrebigkeit und dem festen Willen, unabhängig zu sein, habe ich mir Schritt für Schritt alles selbst aufgebaut – vom Lehrabschluss bis zur Führungsposition in einer männerdominierten Branche. Der Blick auf das eigene Pensionskonto nach der Geburt meiner Kinder war ein weiterer Wendepunkt: Die Realität der Pensionslücke wurde spürbar – und damit auch die Dringlichkeit, Frauen über finanzielle Vorsorge aufzuklären.
Anna Hutterer: Ich hatte meinen Aha-Moment früh. Mein Schritt in Richtung Selbstständigkeit mit 18 war rückblickend mutig – aber genau richtig. Heute nutze ich meine Stimme, um andere Frauen zu ermutigen, ebenfalls Verantwortung für die eigene finanzielle Zukunft zu übernehmen.
„Unabhängigkeit durch finanzielle Freiheit“ – Finanzen, die empowern
In ihrem Ratgeber zeigen Vera Kratky und Anna Hutterer, dass Finanzen empowern und sogar Spaß machen können. Dabei verbinden die beiden Finanzexpertinnen Fachwissen mit persönlicher Erfahrung. Praxisnahe Tipps, inspirierende Gastbeiträge und Interviews mit Frauen aus verschiedenen Lebenslagen machen das Buch zum Leitfaden für alle, die ihre finanzielle Eigenständigkeit stärken wollen.
Bayer Verlag
ISBN: 978-3-903385-34-4
Erscheinungsdatum: 19. März 2025
Finanzen für Frauen: So wirst du früh finanziell unabhängig
3 Tipps von den Expertinnen
Schritt 1: Verschaffe dir Überblick
Deine Einnahmen und Ausgaben solltest du genau kennen. Nur so kannst du gezielt planen. Verschiedene Apps können dir helfen, dein Haushaltsbudget zu planen und Rücklagen zu schaffen – auch wenn es anfangs nur kleine Beträge sind.
Schritt 2: Sorge frühzeitig vor
Altersvorsorge klingt für junge Frauen nach Zukunftsmusik, ist aber ein entscheidender Faktor für langfristige Unabhängigkeit. Wer früh beginnt, profitiert vom Zinseszinseffekt und kann mit kleinen monatlichen Beträgen viel erreichen. Ob staatlich gefördert, betrieblich oder privat – wichtig ist, aktiv zu werden.
Schritt 3: Finanzwissen hilft dir, klug zu entscheiden
Finanzielle Bildung ist der Schlüssel zur Selbstbestimmung. Informiere dich über Versicherungen, Anlagemöglichkeiten, Steuern und überlege, ob du dein Gehalt nachverhandeln kannst. All das stärkt dein Selbstvertrauen und macht dich unabhängig von anderen.