Kraft für die Pflege daheim
950.000 Menschen in Österreich pflegen Angehörige. Neben der körperlichen Arbeit belastet sie auch die Mental Load – die nie endende innere To-do-Liste.
IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, ...
- dass die Pflege von Angehörigen körperlich und mental fordernd ist und oft an Frauen hängen bleibt.
- dass es einige hilfreiche Unterstützungsangebote und digitale Tools gibt, zum Beispiel die Alles Clara! App.
Wenn bei Astrid Esterle (59) um 6 Uhr früh der Wecker klingelt, geht ihr erster Blick sofort auf die andere Seite des großen Doppelbetts, wo ihre 17-jährige Tochter Victoria schläft. Sitzen der Schlauch und die Sauerstoffbrille, die das Herz und die Lungen ihrer Tochter entlasten, noch richtig? Eigentlich prüft sie das die ganze Nacht. „Mit einem Ohr höre ich immer hin, bin quasi in Dauerbereitschaft“, sagt die Wienerin, die seit dem Tod ihres Mannes vor sieben Jahren allein für Victoria sorgt. „Meine Tochter schläft unruhig, es passiert oft, dass das Gerät verrutscht und man es neu adjustieren muss.“
Victoria wurde mit Down-Syndrom und einem Loch im Herzen geboren. Dazu leidet sie an Lungenhochdruck. Mit 1,45 Metern wirkt die 17-Jährige fast wie ein Kind. Sie hat Pflegestufe 5 (von 7 möglichen Stufen), trägt Windeln und ist non-verbal. Das heißt: Sie verständigt sich über Laute, Gesten und gebärdenunterstützte Kommunikation. „Ich und ihre große Schwester – meine Älteste ist 29 und wohnt gegenüber – verstehen sie. Aber Fremde tun sich schwer“, sagt Astrid Esterle. Auch beim Essen braucht Victoria Hilfe. „Festere Nahrungsmittel wie Pommes kann sie mit der Gabel alleine greifen. Gekochte Kartoffeln aber nicht, die zerfallen ihr.“
Alltag mit Pflegebedürftigen
Um sieben Uhr früh begleitet Astrid Esterle ihre Tochter zum Fahrtendienst. Der bringt Victoria in eine sonderpädagogische Schule im 19. Bezirk und erst am späten Nachmittag wieder zurück. Sobald der Bus um die Ecke verschwunden ist, gönnt sich Esterle den ersten Kaffee. Doch Ruhe kommt nicht auf. Zwar muss sie für ein paar Stunden nicht ständig in Alarmbereitschaft sein – „Victoria hat null Gefahrenbewusstsein, sie würde den Herd einschalten, aufs Regal klettern oder einfach aus dem Fenster steigen“ –, doch stattdessen warten Haushalt, Hund und Katze, Einkäufe und Putzen. Dazu kommen Telefonate und Mails mit Behörden, die manchmal Stunden kosten.
„Gerade renne ich wieder der Krankenkasse hinterher, damit die Kosten für Victorias Windeln rückerstattet werden“, erzählt Esterle. In ihrem Kopf laufen endlose Listen: Wie lange reichen die Medikamente? Welche Tabletten muss ich neu bewilligen lassen – jeden Monat, obwohl Victoria sie seit Jahren braucht? Eine private Krankenversicherung gibt es nicht. Und bald steht das nächste Formular an: die Verlängerung der erhöhten Familienbeihilfe, die mit dem 18. Geburtstag automatisch ausläuft.
Psychotherapeutin Barbara Schrammel vom Verein „Frauen* beraten Frauen*“ kennt solche Situationen: „Pflegende Angehörige erzählen oft, wie mühsam es ist, die richtigen Hilfsangebote zu finden. Wie bekomme ich ein Pflegebett oder eine Heimhilfe? Welche Förderungen und Therapien gibt es überhaupt? Diese ständige Suche verstärkt die ohnehin große Belastung in der Pflege.“
„Wenn keine Zeit bleibt für Erholung, Freundschaften oder Hobbys, wenn Schlafstörungen, innere Unruhe, depressive Symptomatiken oder psychosomatische Beschwerden auftreten – sind das klare Warnzeichen.“
Endlose To-do-Liste
Ständig an alles denken zu müssen – für diese unsichtbare Dauerarbeit gibt es auch einen Namen: Mental Load. Gemeint ist die innere To-do-Liste im Kopf, die immer mitläuft, kaum Pausen zulässt und einen unter Dauer-Anspannung stehen lässt. Dazu zählt oft die Familienarbeit, die nach wie vor meist Frauen schultern: Arztbesuche, Reparaturen, Einkäufe, Ausflüge. Und auch für Menschen, die andere pflegen, ist diese Mental Load quasi Alltag. Wird daraus die sogenannte Mental Overload, kann ein Burn-Out folgen: „Wenn keine Zeit bleibt für Erholung, Freundschaften oder Hobbys, wenn Schlafstörungen, innere Unruhe, depressive Symptomatiken oder psychosomatische Beschwerden auftreten – sind das klare Warnzeichen“, erklärt die Expertin.
Astrid Esterle spürt selbst, dass ihre Mental Load zu groß ist. „Vor allem nachts kann ich kaum abschalten. Ich frage mich oft: Was, wenn ich ausfalle?“ Denn auch Pflegende werden krank. 2018 wurde bei Esterle ein gutartiger Hirntumor entdeckt, der Krankenhausaufenthalte nötig macht und epileptische Anfälle sowie Sehstörungen verursacht. „Wenn ich ins Spital muss, springt meine ältere Tochter ein. Das schränkt sie natürlich ein, und sie ist mit ihrem Studium schon im Rückstand, was mir leidtut.“ Wie es ihr selbst gehe? Auf diese Frage weiß die ehemalige Unternehmerin keine Antwort. „Ich funktioniere einfach.“
Unterstützung finden
Was kann man tun? Unterstützungsnetzwerke können laut Psychotherapeutin Schrammel die mentale Last mildern. „Es gibt etwa die App ‚Alles Clara!‘, in der Pflegeexpert:innen und Psycholog:innen beraten und einem viel Recherche-Arbeit abnehmen.“ Wichtig sei aber auch, sich klarzumachen, dass man nicht alles alleine tragen muss. „Oft werden automatisch die Mutter, Tochter oder Schwiegertochter gefragt – nie Vater, Sohn oder Schwiegersohn. Es wäre entscheidend, auch andere Familienmitglieder einzubinden.“
Für Alleinerzieherinnen wie Astrid Esterle gibt es diese Option nicht. „Im Grunde hängt alles an mir“, sagt sie. Zwar ist sie in Vereinen, Selbsthilfegruppen und in Social Media aktiv, z. B. auf der Plattform „Enthindert“, wo sich Eltern von Kindern mit Behinderung oder chronischer Krankheit austauschen. Doch Urlaub oder Auszeiten? Fehlanzeige. „Wenn ich Freundinnen sehen will, lade ich sie zu mir ein. So muss niemand auf Victoria aufpassen. Und ich gehe gern zu Klassentreffen. Einfach mal sitzen, essen, reden.“ – „Pflegende brauchen unbedingt Pausen ganz für sich. Nur wer die eigenen Batterien auflädt, kann dauerhaft für andere da sein“, bestätigt Barbara Schrammel.
Care-Arbeit anerkennen
Sowohl die Psychotherapeutin als auch Astrid Esterle sehen aber auch die Politik gefordert. „Care-Arbeit ist Arbeit wie jede andere – und das muss gesellschaftlich anerkannt und abgesichert werden“, so Barbara Schrammel. Esterle wiederum wünscht sich mehr Bewusstsein für Menschen mit Beeinträchtigungen: „Es gibt kein unwertes Leben. Aber solange Leute starren, wenn meine Tochter gefüttert wird oder Laute von sich gibt, ändert sich nichts.“
So kräftezehrend die Pflege auch sein mag: Es gibt auch diese Momente, in denen Astrid Esterle spürt, dass sich ihre Mühe lohnt. Etwa, als der Arzt nach einer Herzuntersuchung ihrer Tochter sagte: „Alles wunderbar, keine Verschlechterung, die Sauerstoffbehandlung greift.“ Dann weiß sie: „All die Recherchen, Arztbesuche und Therapien waren die Zeit wert.“
„Ich funktioniere einfach.“
Pflege in Zahlen
- Rund 470.000 Personen (über 5 % der Bevölkerung) haben in Österreich Anspruch auf Pflegegeld
- 950.000 Erwachsene (über 10 % der Bevölkerung) kümmern sich regelmäßig um Angehörige.
- Rund 70 % aller Pflegegeldbezieher:innen werden von Angehörigen (teils mit Unterstützung von mobilen Diensten) zu Hause betreut
- 73 % der Pflegenden sind Frauen. Sie tragen den Großteil der Doppelbelastung.
- Rund 42.000 Kinder und Jugendliche („Young Carers“) übernehmen ebenfalls Pflegeaufgaben – auch hier vor allem Mädchen.
Online-Unterstützung und Infos für pflegende Angehörige
- Alles Clara! Über diese App bekommst du Unterstützung von Expert:innen aus Pflege und Psychologie, die dich individuell begleiten und beraten. Mit diesem Zugangscode der Wiener Städtischen ist die Nutzung auch dauerhaft kostenlos: clara58
- Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger
- Fonds Soziales Wien: Netzwerk für pflegende An- und Zugehörige
- Caritas Pflege
- Hilfswerk: Pflege und Betreuung
- Diakonie: Akutpflegebegleitung
Infos des Sozialministeriums: