Junge Frau mit Brille sitzt in einem gelben Sessel, stützt den Kopf ab und blickt auf ihr Smartphone, während grafische Sprechblasen mit den Begriffen „ADHS“ und „AUTISMUS“ um sie herum eingeblendet sind.

TikTok sagt, ich habe ADHS

Stichwort Diagnoseshopping: Warum Social Media zu Selbst­diagnosen von ADHS oder Autismus verleiten können, hat die Psychologin Gloria Mittmann erforscht.

Format:
Interview
Autor:
Wolfgang Knabl
zuletzt geändert:
21.10.2026
Lesezeit:
2 Minuten

How2Shirli stolpert, lacht, wirft ein Glas um, nimmt statt ihres Smart­phones den Salz­streuer und bemerkt erst im Aufzug, dass sie keine Schuhe trägt. Insert: „Wie sich ADHS anfühlt.“ Die humor­vollen Reels, die die Influencerin über ihr Leben mit ADHS dreht, machen Betroffenen Mut und sollen helfen, Vorurteile abzubauen. Dafür bekommt sie Tausende Likes und Kommentare – so wie viele andere Content-Creator:innen, die sich auf Social Media der psychischen Gesundheit widmen. Unter Hashtags wie #Neuro­diversität, #Neuro­divergent und #MentalHealth findet sich eine Fülle von Beiträgen zu ADHS und Autismus. Das hat Nebenwirkungen.

Social Media & psychische Gesundheit: Wie TikTok die Krankheitswahrnehmung verändert

Soziale Medien sind heute zentrale Quellen für Informationen – aber auch für Fehl­informationen – zur psychischen Gesund­heit. Wer auf TikTok oder Instagram Diagnose­begriffen wie ADHS bei Erwachsenen oder Autismus begegnet, kann bald einmal glauben, selbst davon betroffen zu sein, und den Drang verspüren, sich die Selbst­diagnose fachmedi­zinisch bestätigen zu lassen. Warum das so ist, erklärt Psychologin Gloria Mittmann. 

Porträt von Gloria Mittmann, die lächelnd in einem blau-weiß gepunkteten Oberteil in die Kamera blickt.
Gloria Mittmann, postdoktorale Wissenschaftlerin, Karl Landsteiner Universität
© KL/M.Parak
Wissen

Gloria Mittmann ist wissen­schaft­liche Mitar­beiterin am Forschungs­zentrum Transitions­psychiatrie der Karl Land­steiner Privat­universität Krems (KL Krems). Sie ist Mitautorin der Studie „Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists.“

Stichwort Selbstdiagnose durch Social Media: Warum glauben viele, dass sie ADHS oder Autismus haben?

ADHS und Autismus werden auf Social Media nicht aus­schließlich als Defizite dar­gestellt, sondern auch mit positiven Eigen­schaften wie Kreativität, Sensibilität oder besonderen Stärken verbunden. Das kann wertvoll und entstigma­tisierend sein, erleichtert aber die Identifi­kation mit einem diagnos­tischen Label. Deshalb gibt es heute viel mehr Selbst- und Wunsch­diagnosen – häufig eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen oder Autismus betreffend – als noch vor wenigen Jahren. Besonders häufig bei jungen Frauen mit höherer Bildung und intensiver Social-Media-Nutzung. 

Sind psychische Selbstdiagnosen zuverlässig?

Nicht immer. Viele Social-Media-Videos greifen einzelne, alltägliche Verhaltens­weisen heraus, in denen sich viele Menschen wieder­erkennen – teil­weise sind das sogar Merk­male, die nicht zu den diagnos­tischen Kriterien gehören. Ent­scheidend ist aber immer das Gesamt­bild: Dass ich mich in einzelnen Punkten wieder­erkenne, heißt nicht, dass eine Störung vorliegt.

Wenn ich glaube, dass ich Autismus oder ADHS habe – was tun?

Zeigen sich konkrete Symptome einer psychischen Belastung und entsteht Leidensdruck, solltest du die Vermutung ernst nehmen und dich an eine qualifizierte Fachperson wenden. Dort solltest du offen in die Diagnostik gehen und dir bewusst machen, dass Social Media eine Art „Brille“ erzeugen können, durch die man plötzlich viele eigene Verhaltens­weisen als Symptome interpretiert. Du solltest die eigenen Schwierig­keiten schildern, aber nicht mit dem Ziel, unbedingt ein bestimmtes Label bestätigt zu bekommen. 

Porträt von Gloria Mittmann, die lächelnd in einem blau-weiß gepunkteten Oberteil in die Kamera blickt.
„Ent­scheidend ist aber immer das Gesamt­bild: Dass ich mich in einzelnen Punkten wieder­erkenne, heißt nicht, dass eine Störung vorliegt.“
Gloria Mittmann
© KL/M.Parak

Und wenn sich die vermutete Diagnose nicht bestätigt?

Oft geht das mit negativen Emotionen einher, manchmal sogar mit „Diagnose-Shopping“: Patient:innen gehen zu unter­schiedlichen Psycho­log:innen, bis die Vermutung bestätigt wird. 

Wie bedenklich ist „Diagnose-Shopping“?

Der Wunsch nach einer Erklärung für die eigenen Schwierig­keiten ist nichts Schlechtes. Eine Diagnose kann entlasten und zur passenden Unter­stützung führen. Problematisch wird es, wenn eine Selbst­diagnose so stark Teil der eigenen Identität geworden ist, dass man für andere Erklärungen unzugänglich ist. 

Woran erkenne ich, dass hinter meiner Selbstdiagnose keine Erkrankung, sondern der Wunsch nach einem Label steht?

Ein Hinweis kann sein, wenn du nicht mehr denkst: „Ich möchte heraus­finden, woher meine Schwierig­keiten kommen“, sondern: „Ich möchte bestätigt bekommen, dass ich ADHS oder Autismus habe.“ Hinter diesem Wunsch steht häufig das Bedürfnis nach einer Erklärung für persönliche Schwächen, etwa Un­konzentriert­heit oder Prokras­tination, aber auch nach Identität und Zuge­hörigkeit. Ent­scheidend ist, zwischen „Das könnte auf mich zutreffen“ und „Ich habe diese Diagnose“ zu unter­scheiden und offen in eine professionelle Abklärung zu gehen.

Neurodiversität: Bedeutung von ADHS & Autismus als Spektrum


Zur Einordnung: Autismus und ADHS zählen medizinisch zu den neuroentwicklungs­bedingten Störungen. Das Konzept der Neuro­diversität betrachtet unter­schiedliche Formen der Wahr­nehmung, Informations­verarbeitung und des Denkens zugleich als Teil der natürlichen Vielfalt menschlicher Gehirne – ohne mögliche Beein­trächti­gungen oder den Bedarf nach Unter­stützung auszublenden.

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