TikTok sagt, ich habe ADHS
Stichwort Diagnoseshopping: Warum Social Media zu Selbstdiagnosen von ADHS oder Autismus verleiten können, hat die Psychologin Gloria Mittmann erforscht.
How2Shirli stolpert, lacht, wirft ein Glas um, nimmt statt ihres Smartphones den Salzstreuer und bemerkt erst im Aufzug, dass sie keine Schuhe trägt. Insert: „Wie sich ADHS anfühlt.“ Die humorvollen Reels, die die Influencerin über ihr Leben mit ADHS dreht, machen Betroffenen Mut und sollen helfen, Vorurteile abzubauen. Dafür bekommt sie Tausende Likes und Kommentare – so wie viele andere Content-Creator:innen, die sich auf Social Media der psychischen Gesundheit widmen. Unter Hashtags wie #Neurodiversität, #Neurodivergent und #MentalHealth findet sich eine Fülle von Beiträgen zu ADHS und Autismus. Das hat Nebenwirkungen.
Social Media & psychische Gesundheit: Wie TikTok die Krankheitswahrnehmung verändert
Soziale Medien sind heute zentrale Quellen für Informationen – aber auch für Fehlinformationen – zur psychischen Gesundheit. Wer auf TikTok oder Instagram Diagnosebegriffen wie ADHS bei Erwachsenen oder Autismus begegnet, kann bald einmal glauben, selbst davon betroffen zu sein, und den Drang verspüren, sich die Selbstdiagnose fachmedizinisch bestätigen zu lassen. Warum das so ist, erklärt Psychologin Gloria Mittmann.
Gloria Mittmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Transitionspsychiatrie der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems (KL Krems). Sie ist Mitautorin der Studie „Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists.“
Stichwort Selbstdiagnose durch Social Media: Warum glauben viele, dass sie ADHS oder Autismus haben?
ADHS und Autismus werden auf Social Media nicht ausschließlich als Defizite dargestellt, sondern auch mit positiven Eigenschaften wie Kreativität, Sensibilität oder besonderen Stärken verbunden. Das kann wertvoll und entstigmatisierend sein, erleichtert aber die Identifikation mit einem diagnostischen Label. Deshalb gibt es heute viel mehr Selbst- und Wunschdiagnosen – häufig eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen oder Autismus betreffend – als noch vor wenigen Jahren. Besonders häufig bei jungen Frauen mit höherer Bildung und intensiver Social-Media-Nutzung.
Sind psychische Selbstdiagnosen zuverlässig?
Nicht immer. Viele Social-Media-Videos greifen einzelne, alltägliche Verhaltensweisen heraus, in denen sich viele Menschen wiedererkennen – teilweise sind das sogar Merkmale, die nicht zu den diagnostischen Kriterien gehören. Entscheidend ist aber immer das Gesamtbild: Dass ich mich in einzelnen Punkten wiedererkenne, heißt nicht, dass eine Störung vorliegt.
Wenn ich glaube, dass ich Autismus oder ADHS habe – was tun?
Zeigen sich konkrete Symptome einer psychischen Belastung und entsteht Leidensdruck, solltest du die Vermutung ernst nehmen und dich an eine qualifizierte Fachperson wenden. Dort solltest du offen in die Diagnostik gehen und dir bewusst machen, dass Social Media eine Art „Brille“ erzeugen können, durch die man plötzlich viele eigene Verhaltensweisen als Symptome interpretiert. Du solltest die eigenen Schwierigkeiten schildern, aber nicht mit dem Ziel, unbedingt ein bestimmtes Label bestätigt zu bekommen.
„Entscheidend ist aber immer das Gesamtbild: Dass ich mich in einzelnen Punkten wiedererkenne, heißt nicht, dass eine Störung vorliegt.“
Und wenn sich die vermutete Diagnose nicht bestätigt?
Oft geht das mit negativen Emotionen einher, manchmal sogar mit „Diagnose-Shopping“: Patient:innen gehen zu unterschiedlichen Psycholog:innen, bis die Vermutung bestätigt wird.
Wie bedenklich ist „Diagnose-Shopping“?
Der Wunsch nach einer Erklärung für die eigenen Schwierigkeiten ist nichts Schlechtes. Eine Diagnose kann entlasten und zur passenden Unterstützung führen. Problematisch wird es, wenn eine Selbstdiagnose so stark Teil der eigenen Identität geworden ist, dass man für andere Erklärungen unzugänglich ist.
Woran erkenne ich, dass hinter meiner Selbstdiagnose keine Erkrankung, sondern der Wunsch nach einem Label steht?
Ein Hinweis kann sein, wenn du nicht mehr denkst: „Ich möchte herausfinden, woher meine Schwierigkeiten kommen“, sondern: „Ich möchte bestätigt bekommen, dass ich ADHS oder Autismus habe.“ Hinter diesem Wunsch steht häufig das Bedürfnis nach einer Erklärung für persönliche Schwächen, etwa Unkonzentriertheit oder Prokrastination, aber auch nach Identität und Zugehörigkeit. Entscheidend ist, zwischen „Das könnte auf mich zutreffen“ und „Ich habe diese Diagnose“ zu unterscheiden und offen in eine professionelle Abklärung zu gehen.
Neurodiversität: Bedeutung von ADHS & Autismus als Spektrum
Zur Einordnung: Autismus und ADHS zählen medizinisch zu den neuroentwicklungsbedingten Störungen. Das Konzept der Neurodiversität betrachtet unterschiedliche Formen der Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und des Denkens zugleich als Teil der natürlichen Vielfalt menschlicher Gehirne – ohne mögliche Beeinträchtigungen oder den Bedarf nach Unterstützung auszublenden.
Weiterführende Informationen
- Mehr zur Forschung der KL Krems
- Interview mit Gloria Mittmann in der „Süddeutschen Zeitung“: ADHS und Autismus: Selbstdiagnosen und Social-Media-Einfluss – Gesundheit – SZ.de