Eine Schwarz-Weiß-Fotografie einer nachdenklichen jungen Frau in einem Rollkragenpullover, deren nach oben gerichtete Blick von wilden, farbigen Gekritzeln in Schwarz, Rot und Blau überlagert wird, um ein Gedankenchaos darzustellen.

Modekrankheit ADHS: Trend oder echtes Handicap bei Erwachsenen?

Konzentrations­probleme, Unruhe, Chaos im Alltag: Psychiater Jakob Unterholzner erklärt, woran man ADHS erkennt und warum Social Media keine Diagnose ersetzen.

Format:
Interview
Autor:
Arndt Müller
zuletzt geändert:
16.09.2026
Lesezeit:
3 Minuten

Gefühlt hat plötzlich jede:r Zweite auf Social Media ADHS. Wird diese Krankheit wirklich häufiger – oder reden wir heute nur offener darüber?

Wahr­scheinlich wird heute mehr darüber ge­sprochen. Inter­national geht man der­zeit nicht davon aus, dass ADHS häufiger ge­worden ist. Gleich­zeitig ist die Daten­lage nicht optimal – für Öster­reich gibt es zum Bei­spiel nur wenige belast­bare Zahlen. Gut ist, dass Be­troffene offener über ihre Er­fahrungen sprechen. Studien zeigen aller­dings, dass ein Groß­teil der Inhalte auf Platt­formen wie TikTok irre­führend ist. Wer den Ver­dacht hat, be­troffen zu sein, sollte ihn daher profes­sionell ab­klären lassen.

Woran erkennt man den Unter­schied zwischen normaler Zerstreutheit und einer echten ADHS-Symptomatik?

Jeder Mensch ist gelegen­tlich unkonzen­triert oder ver­gisst etwas. Bei ADHS sind diese Schwierig­keiten jedoch dauer­haft, betreffen mehrere Lebens­bereiche und be­stehen nicht nur vorüber­gehend. Ent­scheidend ist auch, dass die Symp­tome schon in Kind­heit oder Jugend vorhanden waren. 

Viele junge Erwachsene diagnosti­zieren sich heute selbst über TikTok oder Instagram. Ist das hilfreich?

Social Media können dazu bei­tragen, Auf­merksam­keit für das Thema zu schaffen. Für eine Diag­nose reicht das nicht. Sinn­voll sind zunächst wissen­schaftlich vali­dierte Screening-Fragebögen. Danach sollte man den Ver­dacht medi­zinisch ab­klären lassen. Wichtig ist außer­dem, andere Ursachen wie Angst­störungen oder Depres­sionen zu berück­sichtigen, weil sie ähnliche Be­schwer­den ver­ursachen können.

Wie fühlt sich ADHS im Erwachsenen­alter an?

Das Bild unter­scheidet sich oft von den be­kannten Klischees. Während bei Kindern häufig die moto­rische Hyper­aktivität im Vorder­grund steht, spüren viele Er­wachsene eine innere Un­ruhe. Es fällt ihnen schwer, zu organi­sieren, zu planen, Dinge zu priori­sieren. Betroffene ver­gessen Termine oder schließen Auf­gaben nicht ab. Sie reagieren im All­tag unge­duldig, fallen anderen ins Wort oder rea­gieren über­eilt, ohne nachzu­denken.

Warum erleben viele Be­troffene gleich­zeitig Chaos und Hyper­fokus?

ADHS ist im Wesent­lichen eine Störung der Aufmerk­samkeits­regulation. Einer­seits lassen sich Be­troffene leicht ab­lenken. Anderer­seits können sie sich auf Themen, die sie be­sonders interes­sieren oder als neu und spannend em­pfinden, stark konzen­trieren. So ent­steht der schein­bare Wider­spruch: Eine zehn­minütige Pflicht­aufgabe fällt schwer. Mit einem faszi­nierenden Thema kann man sich stunden­lang be­fassen.

Ein Porträtfoto eines lächelnden jungen Mannes mit dunklem, nach hinten gekämmtem Haar und einem Vollbart, der ein weißes Hemd trägt und vor einem hellvioletten Hintergrund posiert.
 
Jakob Unterholzner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Als Oberarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien leitet er die Spezialambulanz „ADHS bei Erwachsenen“. Sie bietet Diagnostik, Beratung und Therapieempfehlungen für Erwachsene mit Verdacht auf ADHS. (Ambulanzen Medizinische Universität Wien)
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„Viele Betroffene berichten von hoher Begeisterungsfähigkeit, Kreativität und unkonventionellem Denken.“
Jakob Unterholzner

Verschärfen Smart­phones und Social Media die ADHS-Symptome?

Beobachtungs­studien liefern Hin­weise, dass inten­sive Smartphone- und Social-Media-Nutzung mit Aufmerk­samkeits­problemen zusammen­hängen kann. Platt­formen sind darauf ausge­legt, ständig neue Reize zu bieten. Das spricht die Auf­merksamkeits­systeme aller Menschen an – bei Personen mit ADHS kann dieser Effekt besonders ausge­prägt sein.

Viele Menschen haben Angst vor Medika­menten wie Ritalin oder Medikinet – zu Recht?

Jede wirk­same Be­hand­lung kann Neben­wirkungen haben. Deshalb braucht es eine sorg­fältige Diagnos­tik und indivi­duelle Ab­wägung. Gleich­zeitig ver­fügen wir bei ADHS-Medika­menten über jahrzehnte­lange Er­fahrung. Die Wirk­sam­keit ist wissen­schaftlich sehr gut be­legt. Ent­scheidend ist immer, wie stark die Er­krankung den All­tag beein­trächtigt – und welche Ziele die be­troffene Per­son ver­folgt.

Welche nicht-medikamentösen Strate­gien helfen bei ADHS?

Besonders gut unter­sucht ist die Verhaltens­therapie. Sie unter­stützt Be­troffene, Struk­turen und Routinen aufzu­bauen, Zeit­management zu ver­bessern und Strate­gien für Problem­lösungen zu ent­wickeln. Auch Emotions­regulation, Kommuni­kation, Schlaf und Stress­bewältigung spielen eine wich­tige Rolle. 

Welche Stärken entwickeln Menschen mit ADHS?

Viele Be­troffene berichten von hoher Begeisterungs­fähigkeit, Kreativi­tät und unkonven­tionellem Denken. Sie finden oft unge­wöhnliche Lösungs­wege und bringen neue Perspek­tiven ein. Diese Eigen­schaften können in vielen Lebens­bereichen wert­voll sein.

Im losleben.stories-Pod­cast spricht Psycho­loge Severin Stefenelli mit Arndt Müller über ADHS. → Hör hier in die Episode rein!