Eine Illustration zeigt ein überrascht blickendes Kind mit roten Haaren, aus dessen Mund eine Sprechblase voller durcheinandergewürfelter Großbuchstaben aufsteigt.

„Stottern ist wie eine schlecht laufende Computer-Maus“

Wie sich Stottern wirklich anfühlt – und warum Betroffene sich von anderen mehr Gelassenheit wünschen, erklärt Markus Preinfalk.

Format:
Interview
Autor:
Maya McKechneay
zuletzt geändert:
29.07.2026
Lesezeit:
3 Minuten

Herr Preinfalk, Sie stottern seit Ihrem fünften Lebensjahr. Wann ist Ihrer Familie das erste Mal aufgefallen, dass Ihr Sprechen anders ist?

Das war ein schleichender Prozess. Woran ich mich genau erinnern kann, ist mein erster Tag in der Volks­schule. Meine Lehrerin kam zu mir und hat gesagt: „Markus, deine Mutter hat schon mit mir ge­sprochen. Das machen wir schon.“ Damals wusste ich zuerst nicht, wovon sie redet. Erst später ist mir klar geworden, dass sie das Stottern meinte. In der Volks­schule habe ich das nie als Problem wahr­genommen.

Wie hat Ihre Lehrerin Sie unterstützt?

Sie hat mich nicht dran­genommen, außer wenn ich aktiv auf­gezeigt habe. Das hab’ ich aber wahr­scheinlich nie gemacht (lacht). 

Wie sind die anderen Kinder damit umgegangen?

Während viele Stotternde berichten, dass sie in der Schule ge­hänselt wurden, gab es das bei mir nicht – wir alle haben das Stottern praktisch ignoriert. 

Und Ihre Eltern?

Die sind mit mir zur Logo­pädin gegangen. Die einzige, die es in unserer kleinen Stadt gab, war nicht auf Stottern speziali­siert. Meine Eltern haben sich bestimmt Sorgen gemacht, was später aus mir wird, aber sie haben mich das nie spüren lassen. Es gibt auch viele Fälle, wo das Stottern der Kinder von selbst wieder ver­schwindet. Insofern haben meine Eltern das Richtige getan und abge­wartet. Bei mir ist es aber geblieben.

Ein leicht lächelnder Mann mit kurzen, braunen Haaren und einem braunen Poloshirt vor einem unscharfen, hellen Hintergrund im Freien.
 
Markus Preinfalk hält als Maschinenbauingenieur regel­mäßig Vorträge – privat engagiert er sich als Obmann der Österreichischen Selbst­hilfe-Initiative Stottern (ÖSIS).
© Privat

Wie fühlt sich Stottern von innen heraus an?

Der bekannte Stotter-Therapeut Andreas Starke hat einmal einen guten Vergleich gebracht: Stottern ist wie eine schlecht laufende Computer-Maus. Man will mit dem Maus­zeiger an einen Punkt fahren, sieht ihn vor sich, aber es funk­tioniert nicht. Dann kurz schon, dann wieder nicht. Da muss man vor­sichtig und müh­sam arbeiten.

Wird es unter Anspannung stärker?

Ja, mit Nervosi­tät, Angespannt­heit und vor allem Zeit­druck wird es schlechter. Umge­kehrt ist es aber ganz bestimmt nicht so, dass Stotternde auto­matisch nervöse, ängst­liche Menschen wären.

Stolpert eigentlich jede:r Stotternde über die gleichen Laute?

Nein – jede:r hat ganz eigene Laute, die besonders schwer­fallen. Bei mir war das zum Beispiel das weiche „d“. Wenn das in einem Satz vorkam, wusste ich: Oh je, das wird ein Problem. 

Was tun Sie dagegen?

Oft stellt man Sätze um, findet andere Formu­lierungen, wird blitz­schnell darin, bestimmte Laute zu ver­eiden. Seit meiner Therapie mache ich das nicht mehr. Heute sage ich einen Satz genau so, wie er mir ein­fällt, auch mit Symp­tomen.

Ist das entspannter, weil Vermeidungs­­strategien auch Energie kosten?

Genau. Fremd­sprachen sind normaler­weise noch schwieriger, da gibt es ganz andere Laute. 

Sie haben gesagt, Stotternde wirken auf andere manchmal nervös, sind es aber gar nicht. Wie signali­­sieren Sie Ihrem Gegen­über: „Ich bin entspannt“?

Das ist ein interessanter Aspekt. Man kompen­siert viel mit Körper­sprache. Auch deswegen ist das Tele­fonieren ein angst­behaftetes Thema bei Stotternden. 

Wie gehen Sie damit um?

Wenn das Telefon läutet, atme ich erst mal ganz ruhig aus. Dann wieder ein. Dann nehme ich den Hörer auf, atme wieder ein und sage ganz flüssig meinen Namen. Das ist schon mal ein guter Anfang. 

Wenn Sie einen Menschen kennen­lernen, erklären Sie etwas?

Das hängt von der Situation ab: Wenn ich merke, mein Gegen­über ist verun­sichert oder ver­mutet, dass die Handy­verbindung schlecht wäre, sage ich, was mit mir los ist. Die meisten Leute reagieren aber gelassen.

Bevorzugen Sie also digitale Kommunikations­kanäle wie Chats?

Man kann heute viel mehr schrift­lich machen oder sich Informa­tionen im Internet besorgen und so Sprech­situationen vermeiden. Mir hat allerdings das viele Sprechen in der Jugend Selbst­vertrauen gegeben. Wenn sich Stotternde nur aufs Schrift­liche zurück­ziehen, fehlt diese Übung – und das wäre auf Dauer auch nicht gut.

Letzte Frage: Was würden Sie sich von der Gesell­schaft wünschen?

Uns würde helfen, wenn mehr Menschen über das Stottern Bescheid wüssten und sofort er­kennen würden, wenn sie es mit Stotternden zu tun haben. Jede:r sollte wissen: Ich muss nichts anders machen, keine Sätze vor­sprechen oder vervoll­ständigen, sondern nur den Blick­kontakt halten und warten, bis der oder die Be­treffende den Satz fertig spricht.

Aktueller Lesetipp

David Hugendick: Jetzt sag doch endlich was (Ullstein Verlag, 2026)

In seinem autobiografischen Essay denkt „ZEIT“-Feuilleton-Redakteur David Hugendick über das Stottern und Sprechen nach, über Ungeduld und Scham. Und so seltsam es klingt: Sein eigenes Stottern begreift der Journalist mittlerweile als Geschenk.

Das Buchcover von David Hugendick zeigt den in unregelmäßigen, verzerrten blauen Buchstaben gesetzten Titel „JETZT SAG DOCH ENDLICH WAS“ sowie den Untertitel „ÜBER DAS STOTTERN“.
© Ullstein

Praktische Tipps zum Thema Stottern

Mein Kind stottert – was tun?

  • Eltern sollten gelassen bleiben. Oft verschwindet das Verhalten von selbst wieder.
  • Darauf achten, was das Kind sagen will, nicht wie.
  • Wenn das Stottern länger andauert, eine:n Logopäd:in besuchen. Die österreichische Selbsthilfe-Initiative Stottern hilft, Spezialist:innen für genau diese Diagnose und Therapie zu finden.