„Stottern ist wie eine schlecht laufende Computer-Maus“
Wie sich Stottern wirklich anfühlt – und warum Betroffene sich von anderen mehr Gelassenheit wünschen, erklärt Markus Preinfalk.
Herr Preinfalk, Sie stottern seit Ihrem fünften Lebensjahr. Wann ist Ihrer Familie das erste Mal aufgefallen, dass Ihr Sprechen anders ist?
Das war ein schleichender Prozess. Woran ich mich genau erinnern kann, ist mein erster Tag in der Volksschule. Meine Lehrerin kam zu mir und hat gesagt: „Markus, deine Mutter hat schon mit mir gesprochen. Das machen wir schon.“ Damals wusste ich zuerst nicht, wovon sie redet. Erst später ist mir klar geworden, dass sie das Stottern meinte. In der Volksschule habe ich das nie als Problem wahrgenommen.
Wie hat Ihre Lehrerin Sie unterstützt?
Sie hat mich nicht drangenommen, außer wenn ich aktiv aufgezeigt habe. Das hab’ ich aber wahrscheinlich nie gemacht (lacht).
Wie sind die anderen Kinder damit umgegangen?
Während viele Stotternde berichten, dass sie in der Schule gehänselt wurden, gab es das bei mir nicht – wir alle haben das Stottern praktisch ignoriert.
Und Ihre Eltern?
Die sind mit mir zur Logopädin gegangen. Die einzige, die es in unserer kleinen Stadt gab, war nicht auf Stottern spezialisiert. Meine Eltern haben sich bestimmt Sorgen gemacht, was später aus mir wird, aber sie haben mich das nie spüren lassen. Es gibt auch viele Fälle, wo das Stottern der Kinder von selbst wieder verschwindet. Insofern haben meine Eltern das Richtige getan und abgewartet. Bei mir ist es aber geblieben.
Markus Preinfalk hält als Maschinenbauingenieur regelmäßig Vorträge – privat engagiert er sich als Obmann der Österreichischen Selbsthilfe-Initiative Stottern (ÖSIS).
Wie fühlt sich Stottern von innen heraus an?
Der bekannte Stotter-Therapeut Andreas Starke hat einmal einen guten Vergleich gebracht: Stottern ist wie eine schlecht laufende Computer-Maus. Man will mit dem Mauszeiger an einen Punkt fahren, sieht ihn vor sich, aber es funktioniert nicht. Dann kurz schon, dann wieder nicht. Da muss man vorsichtig und mühsam arbeiten.
Wird es unter Anspannung stärker?
Ja, mit Nervosität, Angespanntheit und vor allem Zeitdruck wird es schlechter. Umgekehrt ist es aber ganz bestimmt nicht so, dass Stotternde automatisch nervöse, ängstliche Menschen wären.
Stolpert eigentlich jede:r Stotternde über die gleichen Laute?
Nein – jede:r hat ganz eigene Laute, die besonders schwerfallen. Bei mir war das zum Beispiel das weiche „d“. Wenn das in einem Satz vorkam, wusste ich: Oh je, das wird ein Problem.
Was tun Sie dagegen?
Oft stellt man Sätze um, findet andere Formulierungen, wird blitzschnell darin, bestimmte Laute zu vereiden. Seit meiner Therapie mache ich das nicht mehr. Heute sage ich einen Satz genau so, wie er mir einfällt, auch mit Symptomen.
Ist das entspannter, weil Vermeidungsstrategien auch Energie kosten?
Genau. Fremdsprachen sind normalerweise noch schwieriger, da gibt es ganz andere Laute.
Sie haben gesagt, Stotternde wirken auf andere manchmal nervös, sind es aber gar nicht. Wie signalisieren Sie Ihrem Gegenüber: „Ich bin entspannt“?
Das ist ein interessanter Aspekt. Man kompensiert viel mit Körpersprache. Auch deswegen ist das Telefonieren ein angstbehaftetes Thema bei Stotternden.
Wie gehen Sie damit um?
Wenn das Telefon läutet, atme ich erst mal ganz ruhig aus. Dann wieder ein. Dann nehme ich den Hörer auf, atme wieder ein und sage ganz flüssig meinen Namen. Das ist schon mal ein guter Anfang.
Wenn Sie einen Menschen kennenlernen, erklären Sie etwas?
Das hängt von der Situation ab: Wenn ich merke, mein Gegenüber ist verunsichert oder vermutet, dass die Handyverbindung schlecht wäre, sage ich, was mit mir los ist. Die meisten Leute reagieren aber gelassen.
Bevorzugen Sie also digitale Kommunikationskanäle wie Chats?
Man kann heute viel mehr schriftlich machen oder sich Informationen im Internet besorgen und so Sprechsituationen vermeiden. Mir hat allerdings das viele Sprechen in der Jugend Selbstvertrauen gegeben. Wenn sich Stotternde nur aufs Schriftliche zurückziehen, fehlt diese Übung – und das wäre auf Dauer auch nicht gut.
Letzte Frage: Was würden Sie sich von der Gesellschaft wünschen?
Uns würde helfen, wenn mehr Menschen über das Stottern Bescheid wüssten und sofort erkennen würden, wenn sie es mit Stotternden zu tun haben. Jede:r sollte wissen: Ich muss nichts anders machen, keine Sätze vorsprechen oder vervollständigen, sondern nur den Blickkontakt halten und warten, bis der oder die Betreffende den Satz fertig spricht.
David Hugendick: Jetzt sag doch endlich was (Ullstein Verlag, 2026)
In seinem autobiografischen Essay denkt „ZEIT“-Feuilleton-Redakteur David Hugendick über das Stottern und Sprechen nach, über Ungeduld und Scham. Und so seltsam es klingt: Sein eigenes Stottern begreift der Journalist mittlerweile als Geschenk.
Praktische Tipps zum Thema Stottern
Mein Kind stottert – was tun?
- Eltern sollten gelassen bleiben. Oft verschwindet das Verhalten von selbst wieder.
- Darauf achten, was das Kind sagen will, nicht wie.
- Wenn das Stottern länger andauert, eine:n Logopäd:in besuchen. Die österreichische Selbsthilfe-Initiative Stottern hilft, Spezialist:innen für genau diese Diagnose und Therapie zu finden.