Gestresste Eltern: Mutter werden – und du selbst bleiben
Genervt von der Mutterrolle? Influencerin Wiebke Schenter (@piepmadame) spricht offen über Zweifel, Druck und ehrliche Elternschaft.
Mit Ende 20 war Wiebke Schenter in einer glücklichen Beziehung, arbeitete in einer internationalen Unternehmensberatung – und wusste: Sie möchte ein Baby. Kinder gehörten für sie selbstverständlich zum Lebensplan. Die Option, keine zu bekommen, stellte sich nie. Dann wurde ihre Tochter geboren. Doch statt Dauerglück kam die Ernüchterung. Im Gespräch mit losleben.stories erzählt sie, wie sie versuchte, einem Rollenbild gerecht zu werden, und sich dabei selbst verlor.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: So habe ich mir Mutterschaft nicht vorgestellt?
Ja. Zwei Monate nach der Geburt stand ich völlig erschöpft im Bad, sah in den Spiegel und dachte: „Dieses Kind geht jetzt nie wieder weg.“ Ich hatte kaum geschlafen und war nur noch am Funktionieren. Ich suchte den Fehler bei mir und glaubte, ich müsste mich einfach mehr anstrengen.
Wann hast du verstanden, dass es nicht um Leistung geht?
Erst später. Ich hatte eine Angststörung und eine Erschöpfungsdepression – aber ich habe es nicht erkannt. Anstatt Hilfe zu suchen, war da nur Scham. Ich dachte: Andere schaffen das doch auch. Warum ich nicht? Es war ein langer Weg zurück zu mir selbst.
Buchtipp
Wiebke Schenter (2025):
Ich liebe meine Kinder, aber … Über ehrliche Elternschaft und eigene Wege des Mutterseins von @piepmadame.
Gräfe & Unzer, 240 Seiten.
Welche Rolle spielte dein Partner?
Er war genauso überfordert wie ich, aber er war da. Und das war entscheidend. Diese Basis hat getragen. Trotzdem ersetzt Liebe keine Gespräche über Verantwortung, Arbeit und faire Aufteilung. Wenn man das nicht bewusst klärt, übernehmen schnell die Gewohnheiten.
Dein Blick auf Rollenbilder ist kritisch. Hat das mit deiner eigenen Kindheit zu tun?
Ich denke schon. Ich habe die ersten Jahre in der DDR erlebt. Dort war es selbstverständlich, dass Frauen Vollzeit arbeiten. Meine Mutter war unabhängig und selbstbestimmt. Nach der Wende war das Bild ein anderes: Hausfrau und Mutter als Ideal. Und überall dieses Narrativ – der Prinz rettet die Prinzessin. Aber genau da beginnt die Geschichte erst. Solche Bilder prägen unsere Erwartungen.
„Du darfst dein Kind lieben – und dich trotzdem nach dir selbst sehnen. Das schließt sich nicht aus.“
Viele junge Frauen melden sich bei dir. Was erzählen sie?
Erstaunlich viele sagen: „Ich glaube, meiner Mama ging es genauso.“ Als Kind denkt man oft, man sei schuld, wenn die Mutter unglücklich wirkt. Je weiter wir historisch zurückgehen, desto größer war das Stigma, wenn Frauen ihre Erfüllung nicht in der Mutterschaft fanden. Früher hatten viele gar nicht die Möglichkeit, das zu hinterfragen.
Mit dem Tradwife-Trend erlebt die klassische Hausfrauenrolle ein Comeback. Wie siehst du das?
Für manche ist das vielleicht eine Form von Kontrolle oder Macht, denn gebären und nähren können nur Frauen. Problematisch wird es, wenn Abhängigkeit romantisiert wird. Wichtig ist: Jede soll ihren Weg wählen dürfen. Aber bewusst – nicht, weil es das dominante Narrativ ist.
Was möchtest du Frauen sagen, die gerade eine Familie gründen?
Vergiss dich nicht! Mutterschaft darf dich verändern, aber sie muss dich nicht auslöschen. Du darfst dein Kind lieben – und dich trotzdem nach dir selbst sehnen. Das schließt sich nicht aus.
3 Tipps für ehrliche Elternschaft
1. Kinderwunsch: ja. Illusionen – nein.
Ein Baby zu wollen, ist etwas Schönes. Aber es garantiert kein dauerhaftes Glück. Erlaub dir ambivalente Gefühle. Sie machen dich nicht zu einer schlechten Mutter.
2. Halte fest, wer du bist.
Schreib dir vor der Geburt auf, was dir wichtig ist. Wer willst du bleiben? Was brauchst du? Wenn alles zu viel wird, lies es dir wieder durch. Dann bringe dich wieder zurück zu dir – Schritt für Schritt.
3. Klärt eure Aufteilung frühzeitig.
Sprecht konkret über Arbeit, Care-Arbeit und Verantwortung. Rollen schleichen sich schneller ein, als man denkt. Klarheit schützt deine Selbstbestimmung.