Eine erschöpft oder nachdenklich blickende Frau hält ein kleines Kind im hellblauen Oberteil eng im Arm und legt ihre Hand sanft an dessen Kopf.

Gestresste Eltern: Mutter werden – und du selbst bleiben

Genervt von der Mutterrolle? Influencerin Wiebke Schenter (@piepmadame) spricht offen über Zweifel, Druck und ehrliche Elternschaft.

Format:
Interview
Autor:
Eva Baumgardinger
zuletzt geändert:
17.06.2026
Lesezeit:
2 Minuten

Mit Ende 20 war Wiebke Schenter in einer glück­lichen Bezie­hung, arbeitete in einer inter­nationalen Unter­nehmens­beratung – und wusste: Sie möchte ein Baby. Kinder gehörten für sie selbst­verständlich zum Lebens­plan. Die Option, keine zu bekommen, stellte sich nie. Dann wurde ihre Tochter geboren. Doch statt Dauer­glück kam die Ernüch­terung. Im Gespräch mit losleben.stories erzählt sie, wie sie versuchte, einem Rollen­bild gerecht zu werden, und sich dabei selbst verlor. 

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: So habe ich mir Mutter­schaft nicht vor­gestellt?

Ja. Zwei Monate nach der Geburt stand ich völlig erschöpft im Bad, sah in den Spiegel und dachte: „Dieses Kind geht jetzt nie wieder weg.“ Ich hatte kaum geschlafen und war nur noch am Funk­tionieren. Ich suchte den Fehler bei mir und glaubte, ich müsste mich einfach mehr anstren­gen.

Wann hast du verstan­den, dass es nicht um Leistung geht?

Erst später. Ich hatte eine Angst­störung und eine Erschöpfungs­depression – aber ich habe es nicht erkannt. Anstatt Hilfe zu suchen, war da nur Scham. Ich dachte: Andere schaffen das doch auch. Warum ich nicht? Es war ein langer Weg zurück zu mir selbst.

Ein Porträt einer Frau mit mittellangen, dunklen Haaren, blauen Augen und einer goldenen Halskette, die mit einem ruhigen, ernsten Ausdruck in die Kamera blickt.
Im offenen Gespräch teilt Buchautorin Wiebke Schenter ihre ehrlichen Erfahrungen über den Druck und die Zweifel moderner Elternschaft.
© Marie Menz

Buchtipp

Wiebke Schenter (2025):
Ich liebe meine Kinder, aber … Über ehrliche Eltern­schaft und eigene Wege des Mutter­seins von @piepmadame.
Gräfe & Unzer, 240 Seiten.

Das Buchcover von Wiebke Schenter mit dem Titel „Ich liebe meine Kinder, aber...".

Welche Rolle spielte dein Partner?

Er war genauso über­fordert wie ich, aber er war da. Und das war ent­scheidend. Diese Basis hat getragen. Trotz­dem ersetzt Liebe keine Gespräche über Verant­wortung, Arbeit und faire Auf­teilung. Wenn man das nicht bewusst klärt, über­nehmen schnell die Gewohn­heiten.

Dein Blick auf Rollen­bilder ist kritisch. Hat das mit deiner eigenen Kind­heit zu tun?

Ich denke schon. Ich habe die ersten Jahre in der DDR erlebt. Dort war es selbst­verständlich, dass Frauen Voll­zeit arbeiten. Meine Mutter war unab­hängig und selbst­bestimmt. Nach der Wende war das Bild ein anderes: Haus­frau und Mutter als Ideal. Und überall dieses Narrativ – der Prinz rettet die Prinzessin. Aber genau da beginnt die Geschichte erst. Solche Bilder prägen unsere Erwar­tungen.

„Du darfst dein Kind lieben – und dich trotzdem nach dir selbst sehnen. Das schließt sich nicht aus.“
Wiebke Schenter

Viele junge Frauen melden sich bei dir. Was erzählen sie?

Erstaun­lich viele sagen: „Ich glaube, meiner Mama ging es genauso.“ Als Kind denkt man oft, man sei schuld, wenn die Mutter unglück­lich wirkt. Je weiter wir histo­risch zurück­gehen, desto größer war das Stigma, wenn Frauen ihre Erfüllung nicht in der Mutter­schaft fanden. Früher hatten viele gar nicht die Möglich­keit, das zu hinter­fragen.

Mit dem Tradwife-Trend erlebt die klassische Haus­frauen­rolle ein Come­back. Wie siehst du das?

Für manche ist das vielleicht eine Form von Kontrolle oder Macht, denn gebären und nähren können nur Frauen. Proble­matisch wird es, wenn Abhängig­keit roman­tisiert wird. Wichtig ist: Jede soll ihren Weg wählen dürfen. Aber bewusst – nicht, weil es das dominante Narrativ ist.

Was möchtest du Frauen sagen, die gerade eine Familie gründen?

Vergiss dich nicht! Mutter­schaft darf dich verändern, aber sie muss dich nicht aus­löschen. Du darfst dein Kind lieben – und dich trotz­dem nach dir selbst sehnen. Das schließt sich nicht aus.

3 Tipps für ehrliche Eltern­schaft

1. Kinderwunsch: ja. Illusionen – nein.
Ein Baby zu wollen, ist etwas Schönes. Aber es garantiert kein dauer­haftes Glück. Erlaub dir ambi­valente Gefühle. Sie machen dich nicht zu einer schlechten Mutter.

2. Halte fest, wer du bist.
Schreib dir vor der Geburt auf, was dir wichtig ist. Wer willst du bleiben? Was brauchst du? Wenn alles zu viel wird, lies es dir wieder durch. Dann bringe dich wieder zurück zu dir – Schritt für Schritt.

3. Klärt eure Aufteilung frühzeitig.
Sprecht konkret über Arbeit, Care-Arbeit und Verant­wortung. Rollen schleichen sich schneller ein, als man denkt. Klar­heit schützt deine Selbst­bestimmung.