Diskriminierung bei Übergewicht: „Ich war mir selbst die strengste Kritikerin“
Natalie Bartel (40) spricht über Übergewicht, Karriere und die vielen Stunden vorm Kleiderschrank, die sie besser nutzen will.
„Egal, wie hoch mein Gewicht war, ich habe mich schon immer als übergewichtig gesehen. Wenn ich aber versucht habe, abzunehmen, hat das Zeit gebraucht. Und die wollte ich mir nicht geben. So bin ich immer wieder auf Crash-Diäten reingefallen und regelmäßig daran gescheitert. Besonders deutlich wurde das, als ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Von außen habe ich gar nicht so viele negative Reaktionen bekommen. Eher war ich mir selbst die strengste Kritikerin. In der Schule habe ich die Clownrolle übernommen. Trotz meiner Zweifel war ich nach außen immer die Lustige.
Offene Diskriminierung erlebe ich im Job zwar nicht, aber ich arbeite in einer männerdominierten Branche und habe schon oft Gespräche mitverfolgt, bei denen ich mir denke: ‚Das geht gar nicht, so über jemanden zu reden‘. Natürlich vermute ich, dass ich ebenso bewertet werde.
Selbstkritik überwinden
Früher, als ich mich noch stärker über mein Äußeres definiert habe, habe ich oft stundenlang für eine Vortragsreise gepackt. Weil ich mir immer vorgestellt habe, wie ich in einem Outfit wirken werde. Man zupft dann hundertmal an der Kleidung, damit sie nicht an einer Stelle zu eng sitzt. Das ist fürchterlich anstrengend. Aber diesen Kampf bemerkt niemand, weil er in meinem Inneren stattfindet. Da habe ich mir überlegt: Was wäre, wenn Übergewichtige diese Energie anders investieren könnten?
„Das Innere und Äußere in Einklang bringen: Diese Einsicht möchte ich in zukünftigen Coachings vermitteln.“
Begeisterung zulassen
Der nächste Schlüsselmoment kam bei einem Präsentationscoaching: Dort habe ich nach einem Auftritt vor 40 Leuten unheimlich positives Feedback bekommen. Mein Herz hat gerast, und ich hab’ mir gedacht: ‚Das gibt’s doch nicht!‘ Offensichtlich hat meine Begeisterung für die Sache alle mitgerissen und dabei viel stärker gewirkt als mein Erscheinungsbild. Da hab’ ich gewusst: Ich kann’s ja offensichtlich. Jetzt muss ich nur noch mein Inneres und Äußeres in Einklang bringen.
Und genau diese Einsicht möchte ich in zukünftigen Coachings vermitteln, denn sie ist für mich der Schlüssel, mit dem Übergewichtige Unsicherheiten abbauen können. Ich arbeite gerade daran, mir ein zweites Standbein aufzubauen – als Job-Coach für Übergewichtige. Es gibt heutzutage für alles Umschulungen und Kurse. Aber zu diesem Thema gibt es wenig Angebote – obwohl ich selbst an einem gewissen Punkt bereit war, mir professionelle Unterstützung zu suchen.
Ein gesundes Gewicht erreichen
Auch das Gewicht selbst möchte ich thematisieren. Da steht für mich die Gesundheit im Fokus, nicht das Erscheinungsbild. Den Begriff ‚Übergewicht‘ verwende ich übrigens bewusst. Es gibt ein ‚Zuviel‘ an Gewicht. Daran ändert auch ‚Body Positivity‘ nichts. Zu viel ist es, wenn das Gewicht die Knochen überlastet, wenn es auf die Organe drückt, wenn es einfach nicht mehr gesund ist. Deshalb ist es wichtig, an einem gesunden Gewicht zu arbeiten. Das hat allerdings mit dem Body Mass Index wenig zu tun. Den halte ich persönlich für eine veraltete Maßeinheit.
Wann ein Coaching für mich gelungen wäre? Dazu braucht es gar nicht den beruflichen Erfolg – der stellt sich von alleine ein. Der erste und wichtigste Erfolg für mich wäre, wenn jemand sagt: ‚Mir geht es gut. Jetzt kann ich strahlen.‘ “
Mode in großen Größen
Natalie Bartel weist darauf hin, dass subtile Diskriminierung bei Übergewicht oft schon beim Einkaufen beginnt. Mode in Übergrößen wird in Online-Shops meist an Models mit durchschnittlichem Gewicht vorgeführt: „Das bringt mir nichts, wenn ich nicht weiß, wie das in meiner Größe wirkt. Ich frage mich: ‚Ist das nett?‘ Dann bestelle ich mir die Hose und bin erst recht deprimiert, weil sie bei mir ganz anders aussieht.“ Ihre Forderung: Mehr Mut zu realistischen Körpern, auch und gerade in der Werbung!