Eine junge, rothaarige Frau mit geschlossenen Augen umarmt sich zufrieden lächelnd selbst vor einem gelben Hintergrund.

Diskriminierung bei Übergewicht: „Ich war mir selbst die strengste Kritikerin“

Natalie Bartel (40) spricht über Übergewicht, Karriere und die vielen Stunden vorm Kleider­schrank, die sie besser nutzen will.

Format:
Meine Story
Autor:
Maya McKechneay
zuletzt geändert:
08.07.2026
Lesezeit:
2 Minuten

„Egal, wie hoch mein Gewicht war, ich habe mich schon immer als über­gewichtig gesehen. Wenn ich aber versucht habe, abzu­nehmen, hat das Zeit gebraucht. Und die wollte ich mir nicht geben. So bin ich immer wieder auf Crash-Diäten rein­gefallen und regel­mäßig daran gescheitert. Besonders deutlich wurde das, als ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Von außen habe ich gar nicht so viele negative Reaktionen bekommen. Eher war ich mir selbst die strengste Kritikerin. In der Schule habe ich die Clown­rolle über­nommen. Trotz meiner Zweifel war ich nach außen immer die Lustige. 

Offene Diskriminierung erlebe ich im Job zwar nicht, aber ich arbeite in einer männer­dominierten Branche und habe schon oft Gespräche mitverfolgt, bei denen ich mir denke: ‚Das geht gar nicht, so über jemanden zu reden‘. Natürlich vermute ich, dass ich ebenso bewertet werde. 

Portrait einer freundlich lächelnden Frau mit langen, dunkelbraunen Haaren und einem schwarzen Hemd.
Die Wienerin Natalie Bartel bewegt in ihrem Job in der Export­branche viele Tausend Container jährlich. Parallel entwickelt sie sich aktuell zum Personal Job-Coach für Übergewichtige.
© privat

Selbstkritik überwinden

Früher, als ich mich noch stärker über mein Äußeres definiert habe, habe ich oft stunden­lang für eine Vortrags­reise gepackt. Weil ich mir immer vorgestellt habe, wie ich in einem Outfit wirken werde. Man zupft dann hundertmal an der Kleidung, damit sie nicht an einer Stelle zu eng sitzt. Das ist fürchter­lich anstrengend. Aber diesen Kampf bemerkt niemand, weil er in meinem Inneren stattfindet. Da habe ich mir überlegt: Was wäre, wenn Über­gewichtige diese Energie anders investieren könnten?

„Das Innere und Äußere in Einklang bringen: Diese Einsicht möchte ich in zukünftigen Coachings vermitteln.“
Natalie Bartel

Begeisterung zulassen

Der nächste Schlüssel­moment kam bei einem Präsentations­coaching: Dort habe ich nach einem Auftritt vor 40 Leuten unheimlich positives Feed­back bekommen. Mein Herz hat gerast, und ich hab’ mir gedacht: ‚Das gibt’s doch nicht!‘ Offen­sichtlich hat meine Begeisterung für die Sache alle mitgerissen und dabei viel stärker gewirkt als mein Erscheinungs­bild. Da hab’ ich gewusst: Ich kann’s ja offen­sichtlich. Jetzt muss ich nur noch mein Inneres und Äußeres in Einklang bringen.

Und genau diese Einsicht möchte ich in zukünftigen Coachings vermitteln, denn sie ist für mich der Schlüssel, mit dem Über­gewichtige Unsicher­heiten abbauen können. Ich arbeite gerade daran, mir ein zweites Stand­bein aufzu­bauen – als Job-Coach für Über­gewichtige. Es gibt heutzutage für alles Umschulungen und Kurse. Aber zu diesem Thema gibt es wenig Angebote – obwohl ich selbst an einem gewissen Punkt bereit war, mir professionelle Unter­stützung zu suchen. 

Ein gesundes Gewicht erreichen

Auch das Gewicht selbst möchte ich themati­sieren. Da steht für mich die Gesund­heit im Fokus, nicht das Erscheinungs­bild. Den Begriff ‚Über­gewicht‘ verwende ich übrigens bewusst. Es gibt ein ‚Zuviel‘ an Gewicht. Daran ändert auch ‚Body Positivity‘ nichts. Zu viel ist es, wenn das Gewicht die Knochen überlastet, wenn es auf die Organe drückt, wenn es einfach nicht mehr gesund ist. Deshalb ist es wichtig, an einem gesunden Gewicht zu arbeiten. Das hat allerdings mit dem Body Mass Index wenig zu tun. Den halte ich persönlich für eine veraltete Maßeinheit.

Wann ein Coaching für mich gelungen wäre? Dazu braucht es gar nicht den beruf­lichen Erfolg – der stellt sich von alleine ein. Der erste und wichtigste Erfolg für mich wäre, wenn jemand sagt: ‚Mir geht es gut. Jetzt kann ich strahlen.‘

Mode in großen Größen

Natalie Bartel weist darauf hin, dass subtile Diskriminierung bei Übergewicht oft schon beim Einkaufen beginnt. Mode in Über­größen wird in Online-Shops meist an Models mit durchschnitt­lichem Gewicht vorgeführt: „Das bringt mir nichts, wenn ich nicht weiß, wie das in meiner Größe wirkt. Ich frage mich: ‚Ist das nett?‘ Dann bestelle ich mir die Hose und bin erst recht deprimiert, weil sie bei mir ganz anders aussieht.“ Ihre Forderung: Mehr Mut zu realistischen Körpern, auch und gerade in der Werbung!