Tipps gegen Migräne: Endlich schmerzfrei
Eine Million Österreicher:innen leiden an Migräne. Der Weg zu einer wirksamen Behandlung kann lang sein, wie dieses Interview zeigt.
IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …
- dass neben Kopfschmerzen auch Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und Konzentrationsprobleme zu den gängigen Migräne-Symptomen gehören.
- dass Espresso mit Zitrone, Magnesium, Akupressur oder Yoga als klassische Hausmittel bei Migräne nur bedingt wirken.
- wie eine Migräne-Spritze in diesem speziellen Fall die Beschwerden lindern konnte.
Andrea, wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass deine Kopfschmerzen stärker als „normale“ sind?
So mit 13 Jahren, während der Hormonumstellung in der Pubertät. Ich erinnere mich an die Kopfschmerzen im Mathematik-Unterricht. Heute würde ich sagen, dass der Stress in meinem „Angst-Fach“ sie getriggert hat. Lange war mir nicht bewusst, dass ich unter Migräne leide.
Wie fühlt sich eine Migräneattacke bei dir konkret an – körperlich und mental?
Ich leide unter starken Kopfschmerzen, die sich von den Augenhöhlen über den gesamten Scheitel bis in den Nacken ziehen. Ich bin dann extrem licht-, lärm- und geruchsempfindlich, spüre ein starkes Erschöpfungsgefühl, Verspannungen im Nacken und Kiefer, habe Konzentrationsschwierigkeiten und manchmal Wortfindungsstörungen. Bei schlimmeren Attacken kommen Übelkeit und Erbrechen dazu.
Was tust du in so einem Fall?
Ich will mich zurückziehen. Am erträglichsten sind diese Phasen im Bett in einem abgedunkelten, ruhigen Raum mit Augenmaske, Ohropax und keinerlei Kontakt „zur Außenwelt“. Im Schnitt dauert eine Attacke bei mir eineinhalb Tage. Lesen, Fernsehen, Musikhören oder am Handy tippseln machen es nur schlimmer. Arbeiten, Haushalt und Carearbeit sind dann nur unter höchster Anstrengung möglich.
Ich habe mich gezwungen, trotzdem zur Arbeit zu gehen, weil ich ja „nicht wirklich krank bin“. Einfach weiterzumachen, ist aber genau falsch, wie ich jetzt weiß. Ich war oft komplett verzweifelt.
Gibt es typische Anzeichen, an denen du merkst: „Jetzt kommt eine Attacke“?
Ja, ein erstes Anzeichen ist bei mir eine Art Zwang, den Kiefer knacken zu lassen. Ich leide zusätzlich an einer Craniomandibulären Dysfunktion (CMD). Wenn sich eine Migräne-Attacke ankündigt, verspannen sich Kiefer und Nacken, wobei es vermeintlich Entspannung bringt, wenn ich meinen Kiefer alle paar Sekunden knacken lasse. Familienmitglieder oder Bekannte nehmen das oft vor mir selbst wahr und fragen, ob Kopfschmerzen kommen. Migräne mit Aura, wo es auch zu Sehstörungen kommen kann, habe ich allerdings nicht.
Welche Rolle spielen Stress, Schlaf oder dein Alltag als Mama bei deiner Migräne?
Eine große Rolle. Wobei Stress sicher ein Hauptfaktor ist. Mein Alltag und vor allem auch mein Schlaf werden zum Großteil noch von meiner kleinen Tochter bestimmt. Da fällt es schwer, regelmäßig und gesund zu essen, genügend zu schlafen und auf ausreichend Bewegung zu achten. Alles Dinge, die helfen, die Migräne in Schach zu halten.
Migräne
Laut einer Studie der MedUni Wien leiden rund eine Million Menschen in Österreich unter regelmäßigen Migräne-Attacken. Dabei hat rund die Hälfte von ihnen noch nie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Und das, obwohl Kopfschmerzen nach Schlaganfall und Demenz der dritthäufigste Grund für einen Verlust an gesunden Lebensjahren sind. Viele Betroffene glauben, „dass man ohnehin nichts machen“ kann, und beschränken sich auf Hausmittel bei Migräne. Dabei lassen sich wiederkehrende Kopfschmerzen diagnostisch abklären und in vielen Fällen wirkungsvoll behandeln.
Wie beeinflusst die Migräne deinen Job als Grafikerin?
Die ständige Bildschirm- und Kopfarbeit und vor allem das lange Sitzen sind nicht förderlich. Allerdings: Während einer Migräne-Attacke wäre wohl jeder Job eine Qual. Ich weiß, dass ich auf genügend Ausgleich achten muss. Weil ich derzeit in Elternteilzeit arbeite, fällt mir das auch leichter als früher. Am Nachmittag keine Bildschirmzeit mehr und viel an der frischen Luft mit meiner Tochter.
Welche Behandlungen oder Hausmittel hast du im Laufe der Jahre ausprobiert – und was hat (nicht) funktioniert?
Ich habe verschiedene klassische Schmerzmittel probiert, pflanzliche und homöopathische Mittel, Nahrungsergänzungsmittel, Espresso mit Zitronensaft, diverse Roll-ons und Balsam für Nacken und Schläfen, Akkupressurmatten und -polster, Magnesium, Knirschschienen, Yogaübungen für den Nacken, und, und, und …
Verhindern oder auflösen konnten diese Dinge eine Migräne-Attacke bei mir nicht. Manches hat zumindest kurz für Entspannung gesorgt. Zu Ärzt:innen bin ich dann auch nicht mehr gegangen. Ich hatte das Gefühl, mir kann niemand helfen. Aussagen wie „Hab Geduld, nach der Geburt des ersten Kindes oder mit den Wechseljahren wird’s dann schon weggehen!“ halten einen zusätzlich davon ab, aktiv zu werden.
Als ich dann schwanger war und zwei Wochen lang fast durchgängig Kopfschmerzen hatte, war der Leidensdruck so groß, dass ich mir endlich eine Neurologin gesucht habe, die auf Kopfschmerzen spezialisiert ist. Dort habe ich mich endlich verstanden gefühlt. Leider konnte ich während der Schwangerschaft keine klassischen Migräne-Medikamente ausprobieren, aber sie gab mir wertvolle Tipps für den Alltag. Spannend war für mich, zu erfahren, wie das Migräne-Hirn tickt und auf was man achten soll, damit es erst gar nicht zu einer Attacke kommt. Und wenn sie doch kommt, dann schnell zu handeln. Sofort einen Gang runterschalten, Pause machen, Cola trinken oder ein Vollkornbrot mit Honig essen.
„Ich hatte das Gefühl, mir kann niemand helfen.“
Am Ende bist du zur Migräne-Spritze gekommen. Wie wirkt sie bei dir?
Nach der Geburt meiner Tochter und während der Stillzeit war durch die hormonelle Umstellung meine Migräne seltener und weniger stark. Dann, nach dem Abstillen, kam sie mit voller Wucht zurück. Als ich zwei Wochen lang so starke Migräne hatte, dass ich ins Krankenhaus musste, wusste ich: Es muss sich was ändern.
Ich habe mir endlich wieder einen Termin bei meiner Neurologin ausgemacht. Nach einem kurzen Gespräch hat sich schon herausgestellt, dass eine Behandlung mit der Migränespritze für mich in Frage kommt. Einmal im Monat gebe ich mir nun selbst eine Fertigspritze. Es gibt auch einen Pen, falls man mit Spritzen Probleme hat.
Was hat sich seit Beginn der Therapie konkret verändert – im Alltag, in deiner Lebensqualität?
Es ist unglaublich. Ich habe (fast) keine Migräne mehr. Und falls doch, kann ich ein klassisches Schmerzmittel nehmen, das in den meisten Fällen die Attacke fast vollständig auflöst.
Angeblich hilft die Spritze, die Migräne-Attacken zu reduzieren. Und falls doch eine kommt, zumindest die Schmerzen zu reduzieren. Ich schätze, ich habe Glück, dass meine Migräne fast ganz verschwunden ist. Das ist ein neues Lebensgefühl für mich. Ich habe schon fast vergessen, dass die Migräne vor einem halben Jahr meinen Alltag erbarmungslos mitbestimmt hat.
Gibt es auch Nebenwirkungen?
Nach der Spritze habe ich eine Hautreaktion rund um die Einstichstelle, die ist aber gut zu verkraften. Ich bin unfassbar glücklich, dass es diese Behandlung gibt.
Was würdest du anderen Betroffenen raten, die noch auf der Suche nach einer passenden Therapie sind?
Nehmt euch Pausen, macht nicht einfach trotzdem weiter. Und sucht euch einen Neurologen oder eine Neurologin! Ich hätte das auch schon viel früher machen sollen.
Hinweis
Das Produkt, das die Interviewpartnerin anwendet, funktioniert auf Basis des Wirkstoffs Fremanezumab. Diese Migräne-Spritze wird nur Personen verschrieben, die mindestens viermal im Monat Migräne haben, um die Häufigkeit sowie die Migräne-Attacke-Dauer effektiv zu senken. Für seltener Betroffene gibt es andere Medikamente.
Um eine individuell passende Therapie zu finden, konsultiere deine:n Fachärzt:in.