Junge Frau in grünem Pullover hält sich erschöpft und mit zusammengekniffenen Augen die Schläfen.

Tipps gegen Migräne: Endlich schmerzfrei

Eine Million Österreicher:innen leiden an Migräne. Der Weg zu einer wirksamen Behandlung kann lang sein, wie dieses Interview zeigt.

Format:
Interview
Autor:
Maya McKechneay
zuletzt geändert:
30.09.2026
Lesezeit:
2 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …

  • dass neben Kopfschmerzen auch Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und Konzentrationsprobleme zu den gängigen Migräne-Symptomen gehören. 
  • dass Espresso mit Zitrone, Magnesium, Akupressur oder Yoga als klassische Hausmittel bei Migräne nur bedingt wirken.
  • wie eine Migräne-Spritze in diesem speziellen Fall die Beschwerden lindern konnte.
     

Andrea, wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass deine Kopf­­schmerzen stärker als „normale“ sind?

So mit 13 Jahren, während der Hormon­umstellung in der Pubertät. Ich erinnere mich an die Kopf­schmerzen im Mathematik-Unterricht. Heute würde ich sagen, dass der Stress in meinem „Angst-Fach“ sie getriggert hat. Lange war mir nicht bewusst, dass ich unter Migräne leide.

Wie fühlt sich eine Migräne­attacke bei dir konkret an – körperlich und mental?

Ich leide unter starken Kopf­schmerzen, die sich von den Augen­höhlen über den gesamten Scheitel bis in den Nacken ziehen. Ich bin dann extrem licht-, lärm- und geruchs­empfindlich, spüre ein starkes Erschöpfungs­gefühl, Verspannungen im Nacken und Kiefer, habe Konzentrations­schwierig­keiten und manchmal Wort­findungs­störungen. Bei schlimmeren Attacken kommen Übelkeit und Erbrechen dazu. 

Lächelnde Frau mit hochgestecktem Dutt und schwarzem Oberteil vor beigefarbenem Hintergrund.
Andrea Kirschbaum ist Grafikerin und lebt in Wien. Ihre erste Migräneattacke hatte sie in der Schulzeit.
© Reinhard Lang

Was tust du in so einem Fall?

Ich will mich zurückziehen. Am erträg­lichsten sind diese Phasen im Bett in einem abge­dunkelten, ruhigen Raum mit Augen­maske, Ohropax und keinerlei Kontakt „zur Außenwelt“. Im Schnitt dauert eine Attacke bei mir einein­halb Tage. Lesen, Fernsehen, Musik­hören oder am Handy tippseln machen es nur schlimmer. Arbeiten, Haushalt und Care­arbeit sind dann nur unter höchster Anstrengung möglich.

Ich habe mich gezwungen, trotzdem zur Arbeit zu gehen, weil ich ja „nicht wirklich krank bin“. Einfach weiterzu­machen, ist aber genau falsch, wie ich jetzt weiß. Ich war oft komplett verzweifelt. 

Gibt es typische Anzeichen, an denen du merkst: „Jetzt kommt eine Attacke“?

Ja, ein erstes Anzeichen ist bei mir eine Art Zwang, den Kiefer knacken zu lassen. Ich leide zusätzlich an einer Cranio­mandibulären Dysfunktion (CMD). Wenn sich eine Migräne-Attacke ankündigt, verspannen sich Kiefer und Nacken, wobei es vermeintlich Entspannung bringt, wenn ich meinen Kiefer alle paar Sekunden knacken lasse. Familien­mitglieder oder Bekannte nehmen das oft vor mir selbst wahr und fragen, ob Kopf­schmerzen kommen. Migräne mit Aura, wo es auch zu Seh­störungen kommen kann, habe ich allerdings nicht.

Welche Rolle spielen Stress, Schlaf oder dein Alltag als Mama bei deiner Migräne?

Eine große Rolle. Wobei Stress sicher ein Haupt­faktor ist. Mein Alltag und vor allem auch mein Schlaf werden zum Großteil noch von meiner kleinen Tochter bestimmt. Da fällt es schwer, regelmäßig und gesund zu essen, genügend zu schlafen und auf ausreichend Bewegung zu achten. Alles Dinge, die helfen, die Migräne in Schach zu halten.

Wissen

Migräne

Laut einer Studie der MedUni Wien leiden rund eine Million Menschen in Österreich unter regel­mäßigen Migräne-Attacken. Dabei hat rund die Hälfte von ihnen noch nie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Und das, obwohl Kopf­schmerzen nach Schlag­anfall und Demenz der dritt­häufigste Grund für einen Verlust an gesunden Lebens­jahren sind. Viele Betroffene glauben, „dass man ohnehin nichts machen“ kann, und beschränken sich auf Hausmittel bei Migräne. Dabei lassen sich wieder­kehrende Kopf­schmerzen diagnostisch abklären und in vielen Fällen wirkungs­voll behandeln.

Wie beeinflusst die Migräne deinen Job als Grafikerin?

Die ständige Bildschirm- und Kopfarbeit und vor allem das lange Sitzen sind nicht förderlich. Allerdings: Während einer Migräne-Attacke wäre wohl jeder Job eine Qual. Ich weiß, dass ich auf genügend Aus­gleich achten muss. Weil ich derzeit in Eltern­teilzeit arbeite, fällt mir das auch leichter als früher. Am Nachmittag keine Bildschirm­zeit mehr und viel an der frischen Luft mit meiner Tochter.

Welche Behandlungen oder Hausmittel hast du im Laufe der Jahre ausprobiert – und was hat (nicht) funktioniert?

Ich habe verschiedene klassische Schmerz­mittel probiert, pflanzliche und homöo­pathische Mittel, Nahrungs­ergänzungs­mittel, Espresso mit Zitronen­saft, diverse Roll-ons und Balsam für Nacken und Schläfen, Akkupressur­matten und -polster, Magnesium, Knirsch­schienen, Yoga­übungen für den Nacken, und, und, und …

Verhindern oder auflösen konnten diese Dinge eine Migräne-Attacke bei mir nicht. Manches hat zumindest kurz für Ent­spannung gesorgt. Zu Ärzt:innen bin ich dann auch nicht mehr gegangen. Ich hatte das Gefühl, mir kann niemand helfen. Aussagen wie „Hab Geduld, nach der Geburt des ersten Kindes oder mit den Wechsel­jahren wird’s dann schon weggehen!“ halten einen zusätzlich davon ab, aktiv zu werden.

Als ich dann schwanger war und zwei Wochen lang fast durch­gängig Kopf­schmerzen hatte, war der Leidens­druck so groß, dass ich mir endlich eine Neuro­login gesucht habe, die auf Kopf­schmerzen spezialisiert ist. Dort habe ich mich endlich verstanden gefühlt. Leider konnte ich während der Schwanger­schaft keine klassischen Migräne-Medika­mente auspro­bieren, aber sie gab mir wertvolle Tipps für den Alltag. Spannend war für mich, zu erfahren, wie das Migräne-Hirn tickt und auf was man achten soll, damit es erst gar nicht zu einer Attacke kommt. Und wenn sie doch kommt, dann schnell zu handeln. Sofort einen Gang runter­schalten, Pause machen, Cola trinken oder ein Vollkorn­brot mit Honig essen. 

Lächelnde Frau mit hochgestecktem Dutt und schwarzem Oberteil vor beigefarbenem Hintergrund.
„Ich hatte das Gefühl, mir kann niemand helfen.“
Andrea Kirschbaum
© Reinhard Lang

Am Ende bist du zur Migräne-Spritze gekommen. Wie wirkt sie bei dir?

Nach der Geburt meiner Tochter und während der Stillzeit war durch die hormonelle Umstellung meine Migräne seltener und weniger stark. Dann, nach dem Abstillen, kam sie mit voller Wucht zurück. Als ich zwei Wochen lang so starke Migräne hatte, dass ich ins Krankenhaus musste, wusste ich: Es muss sich was ändern.  

Ich habe mir endlich wieder einen Termin bei meiner Neurologin ausgemacht. Nach einem kurzen Gespräch hat sich schon herausgestellt, dass eine Behandlung mit der Migränespritze für mich in Frage kommt. Einmal im Monat gebe ich mir nun selbst eine Fertigspritze. Es gibt auch einen Pen, falls man mit Spritzen Probleme hat.

Was hat sich seit Beginn der Therapie konkret verändert­ – im Alltag, in deiner Lebensqualität?

Es ist unglaublich. Ich habe (fast) keine Migräne mehr. Und falls doch, kann ich ein klassisches Schmerz­mittel nehmen, das in den meisten Fällen die Attacke fast vollständig auflöst.

Angeblich hilft die Spritze, die Migräne-Attacken zu reduzieren. Und falls doch eine kommt, zumindest die Schmerzen zu reduzieren. Ich schätze, ich habe Glück, dass meine Migräne fast ganz verschwunden ist. Das ist ein neues Lebens­gefühl für mich. Ich habe schon fast vergessen, dass die Migräne vor einem halben Jahr meinen Alltag erbarmungslos mitbestimmt hat.

Gibt es auch Nebenwirkungen?

Nach der Spritze habe ich eine Hautreaktion rund um die Einstich­stelle, die ist aber gut zu verkraften. Ich bin unfassbar glücklich, dass es diese Behandlung gibt.

Was würdest du anderen Betroffenen raten, die noch auf der Suche nach einer passenden Therapie sind?

Nehmt euch Pausen, macht nicht einfach trotzdem weiter. Und sucht euch einen Neurologen oder eine Neurologin! Ich hätte das auch schon viel früher machen sollen. 

Hinweis

Das Produkt, das die Interview­partnerin anwendet, funktioniert auf Basis des Wirkstoffs Fremanezumab. Diese Migräne-Spritze wird nur Personen verschrieben, die mindestens viermal im Monat Migräne haben, um die Häufigkeit sowie die Migräne-Attacke-Dauer effektiv zu senken. Für seltener Betroffene gibt es andere Medikamente.

Um eine individuell passende Therapie zu finden, konsultiere deine:n Fachärzt:in.