Bild vom Bauch einer schwangeren Frau, den zwei Hände berühren, daneben ein Bild mit rissigem Erdboden.

Rektusdiastase: Wenn die Bauchmuskeln das Weite suchen

Während einer Schwangerschaft weichen die Stränge der Bauch­muskulatur auseinander. Das ist normal. Was aber, wenn sie sich später nicht mehr schließen?

Format:
Im Fokus
Autor:
Maya McKechneay
zuletzt geändert:
10.03.2026
Lesezeit:
5 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …

  • was eine Rektusdiastase ist – und warum sie oft nach einer Schwangerschaft auftritt.
  • dass Physiotherapie helfen kann, manchmal aber auch eine Operation nötig ist.
  • warum auch Männer eine Rektusdiastase bekommen können.

Miriam H.* ist 47 Jahre alt. Vor zehn Jahren brachte sie ihr zweites Kind zur Welt. Doch der Bauch fand nach der Geburt nie wieder seine alte Form. Der kosmeti­sche Aspekt, ihr nach außen gestülpter Nabel und die Wölbung ihres Unter­bauches, störte die berufs­tätige Mutter von zwei Kindern dabei gar nicht so sehr. Sorgen machten ihr viel­mehr die fehlende Spannung im Bauch­raum und die Rücken­schmerzen, die sich durch ent­sprechende Ausgleichs­bewegungen ein­stellten. Nach mehreren Anläufen mit Rück­bildungs­gymnastik und Physio­therapie begab sie sich schließlich zum Wiener Chirurgen Christoph Sperker. Diagnose: Rektus­diastase in Kombi­nation mit einem Nabel­bruch. 

Was ist eine Rektusdiastase?

Rektusdiastase? Was bedeutet dieser Befund? „Es handelt sich dabei um das Auseinander­weichen der beiden senkrecht verlaufenden Bauch­muskel­stränge“, erklärt Chirurg Sperker, der diese Operation in einer Wiener Privat­klinik sowie in öffent­lichen Kranken­häusern ein- bis zweimal wöchent­lich durch­führt. „Bei der OP wird die ausge­dünnte Faszie durch­trennt, dann gedoppelt, das heißt über­einander vernäht, ein Teil zurück­geschnitten, und der Abstand der Bauch­muskel­hälften verkürzt. So reduziert sich der Spalt.“ Im Ideal­fall führe diese Operation dazu, dass der Muskel­schild des Bauches wieder intakt ist, er trainiert werden kann und damit sämtliche Bewe­gungen in Sport und Alltag ermöglicht.

Wissen

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Eine Person hebt ihr weißes Hemd und zeigt ihren Bauch, der Narben rund um den Bauchnabel aufweist.
Die beiden senkrecht verlaufenden Bauch­muskel­­stränge weichen bei einer Rektus­diastase auseinander und lassen die Körper­mitte um den Bauchnabel „ohne Halt“ zurück.
© Shutterstock/Tetiana Mandziuk

Rektusdiastase – wann operieren?

Wer sollte eine Rektus­diastase operieren lassen – und wann reicht eine Behand­lung mit Physio­therapie? „Das ist schwer zu defi­nieren“, erklärt der Chirurg, ent­scheidend sei der Leidens­druck der Patient:innen und deren körper­liche Konstitution. So könnten gerade bei stark überge­wichtigen Operierten die zusammen­gefügten Muskel­stränge später wieder auseinander­reißen.

Die OP selbst dauere rund 45 Minuten und werde in komplexen Fällen – vor allem in Kombi­nation mit einem Nabel­bruch wie bei Miriam H. – von den öster­reichischen Kranken­kassen gezahlt. „Nach der Operation müssen sich Patientinnen und Patienten sechs bis acht Wochen wirklich schonen, zwei davon komplett. Keines­falls dürfen sie mehr als fünf Kilo­gramm heben.“

Ein Mann trägt eine schwarze Brille und ein dunkles Polo-Shirt und lehnt an einer gemusterten Tapetenwand.
Als Facharzt für Chirurgie und Ober­arzt an einem Wiener Klini­kum operiert Christoph Sperker regelmäßig Leisten­brüche, Nabel­brüche und Rektus­diastasen.
© Christoph Sperker

Physiotherapie bei Rektusdiastase: Hilfe ohne Operation

Barbara Gödl-Purrer sieht den Vorgang von einer anderen Warte. Als Physio­therapeutin mit Ordination in Graz ist sie auf Frauen mit postnataler Rektus­diastase spezialisiert. Gödl-Purrer verortet in ihrer Praxis einen regel­rechten „Boom“ von Patientinnen, die gezielt wegen dieser Diagnose kommen. Die Motivation, sagt sie mit Bedauern, sei dabei meist „primär kosmetisch. Diese Frauen wollen wieder einen flachen, schlanken, wohl­geformten Bauch haben. Dabei sehe ich in diesem Zusammen­hang sehr oft eine Inkontinenz­problematik, die mit dem Becken­boden zusammen­hängt. Solche ent­scheidenden gesund­heitlichen Probleme werden eher ignoriert. Für die Körper­schönheit gibt es hingegen wenig Toleranz.“

„Entscheidende gesund­heitliche Probleme werden eher ignoriert. Für die Körper­schönheit gibt es hingegen wenig Toleranz.“
Barbara Gödl-Purrer

Ungewollte Wölbungen: Sagging, Doming, Bulging

Wenn nun eine Patientin zu ihr komme, untersuche sie die Rektus­diastase zunächst mit Hilfe eines Ultra­schalls. „Ich messe die Abstände der Muskel­stränge in Ruhe, bei unter­schiedlichen Atem­manövern und während bestimmter Belastungen. Dazu lasse ich die Frauen etwa Kopf und Beine anheben. Wenn die Linea Alba, also die Faszien­verbindung in der Mitte der Bauch­wand, schmäler wird und fest bleibt, weiß ich, dass die Bauch­muskulatur gut koordiniert arbeitet und die Faszie in der Bauch­mitte stabil ist.“ Das sei ein gutes Zeichen. „Zeigt sich an der Linea Alba hingegen ein ‚Bulging‘- oder ‚Doming‘-Phänomen – also eine Vor­wölbung der Bauch­wand – oder ein ‚Sagging in‘ – also eine Weichheit zwischen den geraden Bauch­muskel­strängen –, so ist das ein Zeichen für eine Funktions­störung der Rumpf­muskulatur und eine noch nicht aus­reichende Festigkeit in der Mittellinie.“ 

Zeigt sich so eine Funktions­störung, kann die Physio­therapeutin den Versuch unternehmen, die Bauch­muskulatur so „zu aktivieren, dass sie wieder koordiniert arbeitet“. In einem Fall mit gleich­zeitigem Nabel­bruch oder einem Rektus-Spalt von über fünf Zenti­metern, wie bei Miriam H., sei das mit Übungen allein jedoch nicht mehr zu erreichen, hier könnten Übungen allenfalls stabili­sierend wirken. 

Eine Frau mit kurzen Haaren trägt ein weißes T-Shirt und eine hellgraue Hose. Sie sitzt auf einem Stuhl und zeigt eine Übung vor mit ihren Händen auf dem Bauch.
Physiotherapeutin Barbara Gödl-Purrer behandelt in ihrer Grazer Praxis immer mehr Patient:innen mit einer Rektusdiastase.
© Barbara Gödl-Purrer

Faktoren, die eine Rektus­diastase nach der Schwangerschaft begünstigen

  • Zwillings­geburten 
  • mehrere dicht auf­einander­folgende Schwan­ger­schaften 
  • große Gewichts­zunahme 
  • Umfangszunahme 
  • genetische Binde­gewebs­veranlagung 
  • Neigung zu Krampf­adern 
  • Hyper­mobilität („Über­beweglichkeit“) 
  • höheres Alter der Ge­bären­den 
  • schon vor der Schwanger­schaft un­trainierte, „weiche“ Bauch­muskulatur 
  • Nichtein­haltung des Wochen­betts, zu frühe und nicht funktio­nelle Belastung

Rektusdiastase auch bei Männern

Chirurg Sperker operiert mehr Frauen als Männer mit der Diagnose Rektus­diastase, und auch die Physio­therapeutin hat vorwiegend weibliche Klientel. Und doch tritt die Rektus­diastase auch bei Männern auf. Die kämen häufig wegen Kreuz­beschwerden zu ihr, erzählt Gödl-Purrer: „Ansonsten zeigen sie die gleichen Symptome wie Frauen. Häufig kommen Männer, die eher hohl­kreuzig stehen, auch ganz junge, sportliche Männer mit Diastasen und Brüchen. Es gibt tat­sächlich auch eine genetische Veranlagung für Gewebe­schädigungen und Brüche.“ 

Wie erkennt man eine Diastase?

Bleibt die Frage, wie Menschen, die eine krank­hafte Diastase bei sich vermuten, Sicher­heit bekommen und die richtige Therapie finden können. Gödl-Purrer empfiehlt die Suche nach ent­sprechend spezialisierten Fach­leuten aus der Physio­therapie (siehe Factbox). Aber natürlich können auch Chirurgen, wie Christoph Sperker, die Diagnose stellen. „Die Rektus­diastase ist im Moment auch ein Markt geworden“, warnt jedoch Gödl-Purrer. „Da gibt es viele gymnastische Angebote, gute und schlechte. Gerade in Gruppen­angeboten wird oft nicht syste­matisch untersucht. Zudem kursieren viele Mythen.“ Deshalb empfiehlt die Expertin, die Diastase zu beob­achten, mit Bauch­muskel­übungen langsam steigernd bald nach der Geburt zu beginnen und sich rechtzeitig professionelle Bera­tung zu holen, wenn sich der Bauch weder festigt noch eine Verschmä­lerung des Rektus-Spalts eintritt. 

Nach der Operation: Rückkehr der Muskelkraft

Wie aber geht es der eingangs erwähnten Patientin zwei Monate nach der Operation? „Der Eingriff ist heftiger gewesen, als ich ihn mir vor­gestellt habe“, sagt Miriam H. „Die Narbe ist recht lang, weil ja quer über die Bauch­wand die Faszien vernäht werden mussten. Direkt nach der Operation haben viele Bewegungen und auch Niesen oder Husten wehgetan.“ Mittler­weile schmerzt die Narbe nicht mehr, und H. fühlt die lange vermisste Kraft in den Ober­körper zurückkehren. Und das Beste: Rücken- und Hüft­schmerzen, die sie seit Jahren begleitet haben, sind seit dem Eingriff weg. 

Zwei Fotos nebeneinander zeigen eine Frau in weißem T-Shirt und hellgrauer Hose, die barfuß auf einem Hocker sitzt und ihre Hände an ihren Bauch hält.
© Barbara Gödl-Purrer

Rektusdiastase erkennen: Der Selbsttest

  1. Setz dich auf einen Sessel.
  2. Lege die Hände auf die seitlichen Rippen und die Finger­kuppen in die Mittel­linie zwischen den geraden Bauchmuskeln. 
  3. Lehne dich nach hinten. 
  4. Jetzt kannst du tasten: Wird die Mittellinie schmäler? Wird sie fester? Wölbt sich die Mittelline vor? 
  5. Wird der Unter­bauch (zwischen Nabel und Schambein) flach und fest? Wölbt er sich vor?

RESULTAT
Wenn du Vorwöl­bungen und große Weichheit spürst, weist dies auf eine Form der Rektus­diastase hin. Diese sollte sich spätestens zwölf Wochen nach der Geburt deines Kindes deutlich normalisieren.

Good to know

  • Bei rund 40 Prozent der Frauen bildet sich die Diastase nach der Schwanger­schaft innerhalb von acht Wochen ohne besonderes Zutun zurück.
  • Physio Austria, der Bundes­verband der Physio­therapeut:innen, listet Spezialist:innen auf. Zuständig ist der Fach­bereich Uro­logie, Prokto­logie, Gynä­kologie & Geburts­hilfe. Hier geht’s direkt zur Thera­peut:innen­suche.
  • Es wird diskutiert, ob Frauen Diastasen vorbeugen können, indem sie die Bauch­muskulatur auch in der Schwanger­schaft weiter trainieren. Im Moment gehen die Fach­meinungen Richtung ja. Vor allem die seitliche Bauch­muskulatur soll trainiert, die Kompression in den Bauchraum dabei jedoch vermieden werden. 

Quelle: Physiotherapeutin Barbara Gödl-Purrer

* Der Name der Patientin wurde anonymisiert.