Rektusdiastase: Wenn die Bauchmuskeln das Weite suchen
Während einer Schwangerschaft weichen die Stränge der Bauchmuskulatur auseinander. Das ist normal. Was aber, wenn sie sich später nicht mehr schließen?
IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …
- was eine Rektusdiastase ist – und warum sie oft nach einer Schwangerschaft auftritt.
- dass Physiotherapie helfen kann, manchmal aber auch eine Operation nötig ist.
- warum auch Männer eine Rektusdiastase bekommen können.
Miriam H.* ist 47 Jahre alt. Vor zehn Jahren brachte sie ihr zweites Kind zur Welt. Doch der Bauch fand nach der Geburt nie wieder seine alte Form. Der kosmetische Aspekt, ihr nach außen gestülpter Nabel und die Wölbung ihres Unterbauches, störte die berufstätige Mutter von zwei Kindern dabei gar nicht so sehr. Sorgen machten ihr vielmehr die fehlende Spannung im Bauchraum und die Rückenschmerzen, die sich durch entsprechende Ausgleichsbewegungen einstellten. Nach mehreren Anläufen mit Rückbildungsgymnastik und Physiotherapie begab sie sich schließlich zum Wiener Chirurgen Christoph Sperker. Diagnose: Rektusdiastase in Kombination mit einem Nabelbruch.
Was ist eine Rektusdiastase?
Rektusdiastase? Was bedeutet dieser Befund? „Es handelt sich dabei um das Auseinanderweichen der beiden senkrecht verlaufenden Bauchmuskelstränge“, erklärt Chirurg Sperker, der diese Operation in einer Wiener Privatklinik sowie in öffentlichen Krankenhäusern ein- bis zweimal wöchentlich durchführt. „Bei der OP wird die ausgedünnte Faszie durchtrennt, dann gedoppelt, das heißt übereinander vernäht, ein Teil zurückgeschnitten, und der Abstand der Bauchmuskelhälften verkürzt. So reduziert sich der Spalt.“ Im Idealfall führe diese Operation dazu, dass der Muskelschild des Bauches wieder intakt ist, er trainiert werden kann und damit sämtliche Bewegungen in Sport und Alltag ermöglicht.
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Rektusdiastase – wann operieren?
Wer sollte eine Rektusdiastase operieren lassen – und wann reicht eine Behandlung mit Physiotherapie? „Das ist schwer zu definieren“, erklärt der Chirurg, entscheidend sei der Leidensdruck der Patient:innen und deren körperliche Konstitution. So könnten gerade bei stark übergewichtigen Operierten die zusammengefügten Muskelstränge später wieder auseinanderreißen.
Die OP selbst dauere rund 45 Minuten und werde in komplexen Fällen – vor allem in Kombination mit einem Nabelbruch wie bei Miriam H. – von den österreichischen Krankenkassen gezahlt. „Nach der Operation müssen sich Patientinnen und Patienten sechs bis acht Wochen wirklich schonen, zwei davon komplett. Keinesfalls dürfen sie mehr als fünf Kilogramm heben.“
Physiotherapie bei Rektusdiastase: Hilfe ohne Operation
Barbara Gödl-Purrer sieht den Vorgang von einer anderen Warte. Als Physiotherapeutin mit Ordination in Graz ist sie auf Frauen mit postnataler Rektusdiastase spezialisiert. Gödl-Purrer verortet in ihrer Praxis einen regelrechten „Boom“ von Patientinnen, die gezielt wegen dieser Diagnose kommen. Die Motivation, sagt sie mit Bedauern, sei dabei meist „primär kosmetisch. Diese Frauen wollen wieder einen flachen, schlanken, wohlgeformten Bauch haben. Dabei sehe ich in diesem Zusammenhang sehr oft eine Inkontinenzproblematik, die mit dem Beckenboden zusammenhängt. Solche entscheidenden gesundheitlichen Probleme werden eher ignoriert. Für die Körperschönheit gibt es hingegen wenig Toleranz.“
„Entscheidende gesundheitliche Probleme werden eher ignoriert. Für die Körperschönheit gibt es hingegen wenig Toleranz.“
Ungewollte Wölbungen: Sagging, Doming, Bulging
Wenn nun eine Patientin zu ihr komme, untersuche sie die Rektusdiastase zunächst mit Hilfe eines Ultraschalls. „Ich messe die Abstände der Muskelstränge in Ruhe, bei unterschiedlichen Atemmanövern und während bestimmter Belastungen. Dazu lasse ich die Frauen etwa Kopf und Beine anheben. Wenn die Linea Alba, also die Faszienverbindung in der Mitte der Bauchwand, schmäler wird und fest bleibt, weiß ich, dass die Bauchmuskulatur gut koordiniert arbeitet und die Faszie in der Bauchmitte stabil ist.“ Das sei ein gutes Zeichen. „Zeigt sich an der Linea Alba hingegen ein ‚Bulging‘- oder ‚Doming‘-Phänomen – also eine Vorwölbung der Bauchwand – oder ein ‚Sagging in‘ – also eine Weichheit zwischen den geraden Bauchmuskelsträngen –, so ist das ein Zeichen für eine Funktionsstörung der Rumpfmuskulatur und eine noch nicht ausreichende Festigkeit in der Mittellinie.“
Zeigt sich so eine Funktionsstörung, kann die Physiotherapeutin den Versuch unternehmen, die Bauchmuskulatur so „zu aktivieren, dass sie wieder koordiniert arbeitet“. In einem Fall mit gleichzeitigem Nabelbruch oder einem Rektus-Spalt von über fünf Zentimetern, wie bei Miriam H., sei das mit Übungen allein jedoch nicht mehr zu erreichen, hier könnten Übungen allenfalls stabilisierend wirken.
Faktoren, die eine Rektusdiastase nach der Schwangerschaft begünstigen
- Zwillingsgeburten
- mehrere dicht aufeinanderfolgende Schwangerschaften
- große Gewichtszunahme
- Umfangszunahme
- genetische Bindegewebsveranlagung
- Neigung zu Krampfadern
- Hypermobilität („Überbeweglichkeit“)
- höheres Alter der Gebärenden
- schon vor der Schwangerschaft untrainierte, „weiche“ Bauchmuskulatur
- Nichteinhaltung des Wochenbetts, zu frühe und nicht funktionelle Belastung
Rektusdiastase auch bei Männern
Chirurg Sperker operiert mehr Frauen als Männer mit der Diagnose Rektusdiastase, und auch die Physiotherapeutin hat vorwiegend weibliche Klientel. Und doch tritt die Rektusdiastase auch bei Männern auf. Die kämen häufig wegen Kreuzbeschwerden zu ihr, erzählt Gödl-Purrer: „Ansonsten zeigen sie die gleichen Symptome wie Frauen. Häufig kommen Männer, die eher hohlkreuzig stehen, auch ganz junge, sportliche Männer mit Diastasen und Brüchen. Es gibt tatsächlich auch eine genetische Veranlagung für Gewebeschädigungen und Brüche.“
Wie erkennt man eine Diastase?
Bleibt die Frage, wie Menschen, die eine krankhafte Diastase bei sich vermuten, Sicherheit bekommen und die richtige Therapie finden können. Gödl-Purrer empfiehlt die Suche nach entsprechend spezialisierten Fachleuten aus der Physiotherapie (siehe Factbox). Aber natürlich können auch Chirurgen, wie Christoph Sperker, die Diagnose stellen. „Die Rektusdiastase ist im Moment auch ein Markt geworden“, warnt jedoch Gödl-Purrer. „Da gibt es viele gymnastische Angebote, gute und schlechte. Gerade in Gruppenangeboten wird oft nicht systematisch untersucht. Zudem kursieren viele Mythen.“ Deshalb empfiehlt die Expertin, die Diastase zu beobachten, mit Bauchmuskelübungen langsam steigernd bald nach der Geburt zu beginnen und sich rechtzeitig professionelle Beratung zu holen, wenn sich der Bauch weder festigt noch eine Verschmälerung des Rektus-Spalts eintritt.
Nach der Operation: Rückkehr der Muskelkraft
Wie aber geht es der eingangs erwähnten Patientin zwei Monate nach der Operation? „Der Eingriff ist heftiger gewesen, als ich ihn mir vorgestellt habe“, sagt Miriam H. „Die Narbe ist recht lang, weil ja quer über die Bauchwand die Faszien vernäht werden mussten. Direkt nach der Operation haben viele Bewegungen und auch Niesen oder Husten wehgetan.“ Mittlerweile schmerzt die Narbe nicht mehr, und H. fühlt die lange vermisste Kraft in den Oberkörper zurückkehren. Und das Beste: Rücken- und Hüftschmerzen, die sie seit Jahren begleitet haben, sind seit dem Eingriff weg.
Rektusdiastase erkennen: Der Selbsttest
- Setz dich auf einen Sessel.
- Lege die Hände auf die seitlichen Rippen und die Fingerkuppen in die Mittellinie zwischen den geraden Bauchmuskeln.
- Lehne dich nach hinten.
- Jetzt kannst du tasten: Wird die Mittellinie schmäler? Wird sie fester? Wölbt sich die Mittelline vor?
- Wird der Unterbauch (zwischen Nabel und Schambein) flach und fest? Wölbt er sich vor?
RESULTAT
Wenn du Vorwölbungen und große Weichheit spürst, weist dies auf eine Form der Rektusdiastase hin. Diese sollte sich spätestens zwölf Wochen nach der Geburt deines Kindes deutlich normalisieren.
Good to know
- Bei rund 40 Prozent der Frauen bildet sich die Diastase nach der Schwangerschaft innerhalb von acht Wochen ohne besonderes Zutun zurück.
- Physio Austria, der Bundesverband der Physiotherapeut:innen, listet Spezialist:innen auf. Zuständig ist der Fachbereich Urologie, Proktologie, Gynäkologie & Geburtshilfe. Hier geht’s direkt zur Therapeut:innensuche.
- Es wird diskutiert, ob Frauen Diastasen vorbeugen können, indem sie die Bauchmuskulatur auch in der Schwangerschaft weiter trainieren. Im Moment gehen die Fachmeinungen Richtung ja. Vor allem die seitliche Bauchmuskulatur soll trainiert, die Kompression in den Bauchraum dabei jedoch vermieden werden.
Quelle: Physiotherapeutin Barbara Gödl-Purrer
* Der Name der Patientin wurde anonymisiert.