Lymphdrainage: Hype oder Heilmittel?
Was bringt eine manuelle Lymphdrainage wirklich? Zwischen TikTok-Trend, Beautyversprechen und echter medizinischer Therapie.
IN DIESEM ARTIKEL ERFÄHRST DU, ...
- dass Lymphdrainagen entspannend wirken und für bestimmte medizinische Indikationen sinnvoll sind.
- dass es keine wissenschaftlichen Belege für Fettabbau oder Cellulite-Reduktion durch Lymphdrainagen gibt.
- dass der TikTok-Trend „Detox durch Lymphdrainage“ bestenfalls ein Schmäh ist.
Die Beine werden dünner, Cellulite nimmt ab: Body-Hacks wie die manuelle Lymphdrainage boomen derzeit auf TikTok – und stellen wahre Wunder in Aussicht. Influencer:innen demonstrieren in Vorher/Nachher-Storys den Erfolg nach nur einer Anwendung. Aber sind solche Beautyversprechen realistisch? Und für wen ist die manuelle Lymphdrainage – ursprünglich eine rein medizinische Behandlung – überhaupt geeignet?
Die Lymphe: Kanalisation des Körpers
Fangen wir dazu ganz von vorne an. Die „Lymphknoten“ sind wahrscheinlich den meisten von uns ein Begriff. Sie schwellen manchmal an, wenn der Körper eine Entzündung bekämpft. Doch was genau ist die Lymphe? Auf Deutsch spricht man von Gewebsflüssigkeit. Diese leicht gelbliche Flüssigkeit sammelt sich in einem weit verzweigten Netz von Lymphgefäßen. Ihre Aufgabe: Sie entsorgt Stoffwechselabfälle. Insofern funktioniert die Lymphe, vereinfacht gesagt, wie eine natürliche Kanalisation des Körpers. Lymphknoten hingegen sind kleine Filterstationen im Verlauf dieser Bahnen: Hier treffen Immunzellen auf mögliche Krankheitserreger oder entartete Zellen und leiten – im Idealfall – gezielt Abwehrreaktionen ein. Ohne dieses Netzwerk wäre unser Immunsystem wehrlos.
Lymphstau: Was sind die Symptome?
Wenn nun dieses System nicht richtig arbeitet, kann es zu einem Flüssigkeitsstau im Gewebe kommen – „Lymphödem“ lautet der Fachbegriff. Meist sind Arme oder Beine betroffen, die anschwellen. Aber auch nach Operationen oder Unfällen kann das Lymphsystem angeschlagen sein. Brustkrebs streut oft bis in die Lymphknoten in den Achseln, die dann entfernt werden müssen. Manche Frauen entwickeln in der Folge ein chronisches Lymphödem, das z. B. Spannungsgefühle in den Armen erzeugt.
Und in genau solchen Fällen hilft die manuelle Lymphdrainage: Durch sanfte Grifftechniken wird der Transport der Lymphflüssigkeit in den Lymphgefäßen wieder angeregt. Sanft und rhythmisch kreisende Bewegungen aktivieren dabei die Pumpleistung der Gefäße, ohne Druck auf Blutgefäße oder Gewebe auszuüben.
Entwickelt wurde diese Technik in den 1930er-Jahren vom dänischen Physiotherapeuten Emil Vodder. Mit einer Wellness-Massage hat diese medizinische Behandlung allerdings wenig gemeinsam. Sie ist viel sanfter – und darf auch nur von Therapeut:innen mit spezieller Ausbildung ausgeführt werden. Von einer Lymphdrainage im Kosmetikstudio ist daher abzuraten – zumindest, wenn du eine medizinisch wirksame Behandlung suchst.
Lymphdrainage als Detox-Wunder?
Was hat es nun aber mit dem Detox-Effekt auf sich, der der Lymphdrainage auf TikTok zugeschrieben wird? „Detox findet vor allem in der Leber, der Niere und in der Haut statt“, entwarnt der Wiener Arzt und Longevity-Coach Patrick Bantsich. „Das Lymphsystem transportiert Gewebsflüssigkeit, Eiweiße, Immunzellen, aber keine Giftstoffe.“ Viele starten die Behandlung, weil sie hoffen, Cellulite oder Fettpölsterchen loszuwerden. Aber in dieser Hinsicht ist der Longevity-Experte skeptisch: „Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass man durch Lymphdrainage Fett oder Cellulite dauerhaft loswird.“ Generell gilt: Alles, was als schneller Beauty-Hack oder Detox-Wunder verkauft wird, sollte man kritisch betrachten – besonders, wenn es ohne medizinische Grundlagen beworben wird.
Wirkung im Check: Was bringt die Lymphdrainage wirklich?
Abgesehen vom Abbau des Wasserstaus, berichten viele von einer entspannenden Wirkung. „Du wirst dich leichter, ruhiger und einfach besser fühlen. Durch die Berührungen kann das parasympathische Nervensystem (unser Ruhe- und Erholungsmodus) aktiviert werden – das senkt Cortisol-Level, reduziert Stress und fördert einen erholsamen Schlaf“, sagt Bantsich. „Und das wirkt sich auf dein Bewegungslevel aus – du fühlst dich motivierter, aktiv zu sein.“
Wahrscheinlich ist dieser ganzheitliche Ansatz ein zentraler Schlüssel zu langfristigem Erfolg: Die beste Unterstützung für deinen Lymphfluss ist regelmäßige Bewegung. Denn die Aktivität der Muskeln wirkt wie eine natürliche Lymphpumpe.
„Du wirst dich leichter, ruhiger und einfach besser fühlen.“
Wie lange hält der Effekt an?
Allerdings: „Man sollte nach einer Lymphdrainage nicht erwarten, dass sofort große Veränderungen einsetzen“, so Bantsich. Der lindernde Effekt hält in der Regel nur ein paar Tage an. „Erst, wenn du regelmäßig – zum Beispiel zwei- bis dreimal die Woche – behandelt wirst, kannst du langfristig einen Unterschied merken.“ Forschungen zeigen nämlich: Manuelle Lymphdrainagen sind nur ein Baustein in einer wirksamen Therapie. Ergänzende Maßnahmen wie das Tragen von Stütz- und Kompressionsstrümpfen können den Abtransport von Lymphflüssigkeit beschleunigen. Hilfreich ist auch eine ausgewogene, salzarme Ernährung mit viel Obst, Gemüse und proteinreichen Lebensmitteln wie Hülsenfrüchten oder Fisch.
Lymphdrainage: Booster beim Training
Ist denn aber, wie von einigen Instituten angeboten (Stichwort: „Pressotherapie“), die Lymphdrainage als Regeneration nach dem Sport zu empfehlen? „Wer für einen Marathon trainiert, belastet seine Beine“, sagt Bantsich: „Da kann eine Lymphdrainage während der Trainings- oder Wettkampfphasen tatsächlich helfen, sich schneller zu regenerieren.“ In der Schwangerschaft rät der Experte allerdings zur Vorsicht: „Generell sollte man in vulnerablen Phasen – also während der Schwangerschaft oder frisch nach der Geburt – mögliche Behandlungen unbedingt ärztlich absprechen.“
Lymphdrainage: Für wen besser nicht?
Wichtig ist, dass die Therapie auf dich persönlich zugeschnitten ist. „Nicht jeder Ansatz passt zu jedem Menschen“, erklärt Bantsich. „Und bei akuten Infektionen, Thrombosen oder Herzproblemen wie etwa der Herzinsuffizienz solltest du vorher unbedingt deinen Arzt oder deine Ärztin fragen.“
Und was musst du vor einer Behandlung beachten? „Wichtig ist, ausreichend zu trinken, damit genug Flüssigkeit im System ist“, betont Bantsich. Du kannst leicht erkennen, ob eine Lymphdrainage erfolgreich war: Wenn du nachher oft auf die Toilette musst, um Wasser zu lassen, ist das ein gutes Zeichen. Dein Lymphsystem ist angenehm angeregt und arbeitet auf Hochtouren.
Wie funktioniert eine Lymphdrainage?
Die medizinische Lymphdrainage ist eine Entstauungstherapie, die chronische Schwellungen abbauen soll. Diese Schwellungen (Lymphödeme) können entstehen, wenn die Lymphflüssigkeit nicht richtig abfließt. Sie erzeugen ein Schwere-, Spannungs- oder Druckgefühl in der Haut. Meist sind Arme oder Beine betroffen. Lymphdrainage wird aber auch zur sportlichen Regeneration und zum Stressabbau angewandt. Klinisch nicht bewiesen ist hingegen die Wirkung gegen Cellulite.
Emil Vodder: Sanfte Griffe an der Riviera
Der „Erfinder“ der Lymphdrainage, Emil Vodder, arbeitete in den frühen 1930-Jahren an der französischen Riviera (in Cannes). Dort erholten sich viele wohlhabende Patient:innen, die unter chronischen Erkältungen und Entzündungen litten. Viele hatten geschwollene Lymphknoten. Diese manuell zu manipulieren, galt damals als medizinisches No-Go. Doch Vodder, den Kritiker anfangs einen Scharlatan nannten, tat genau das. Er entwickelte sanfte, rhythmische Grifftechniken direkt bei den geschwollenen Lymphknoten und konnte so Verbesserungen bewirken.
Quelle: Vodder-Akademie
Weiterführende Informationen
- Vielversprechende Ergebnisse: Lymphdrainage gegen Long Covid (Studie aus Australien, 2025)
- Linderung bei Lymphödemen (Wissenschaftliche Untersuchung aus Deutschland, 2022)
- Lymphdrainage ist nur ein Element einer wirksamen Therapie (Publikation, 2017)