Collage mit Bild von einem Knie, das von zwei Händen massiert wird.

Lymphdrainage: Hype oder Heilmittel?

Was bringt eine manuelle Lymph­drainage wirklich? Zwischen TikTok-Trend, Beauty­­versprechen und echter medizinischer Therapie.

Format:
Im Fokus
Autor:
Karin Cerny
zuletzt geändert:
02.01.2026
Lesezeit:
5 Minuten

IN DIESEM ARTIKEL ERFÄHRST DU, ...

  • dass Lymphdrainagen entspannend wirken und für bestimmte medizinische Indikationen sinnvoll sind.
  • dass es keine wissenschaftlichen Belege für Fettabbau oder Cellulite-Reduktion durch Lymphdrainagen gibt.
  • dass der TikTok-Trend „Detox durch Lymphdrainage“ bestenfalls ein Schmäh ist.

Die Beine werden dünner, Cellulite nimmt ab: Body-Hacks wie die manuelle Lymph­drainage boomen derzeit auf TikTok – und stellen wahre Wunder in Aussicht. Influen­cer:innen demonstrieren in Vorher/Nachher-Storys den Erfolg nach nur einer An­wendung. Aber sind solche Beauty­versprechen realistisch? Und für wen ist die manuelle Lymph­drainage – ursprünglich eine rein medizinische Behandlung – überhaupt geeignet?

Die Lymphe: Kanalisation des Körpers

Fangen wir dazu ganz von vorne an. Die „Lymphknoten“ sind wahr­scheinlich den meisten von uns ein Begriff. Sie schwellen manchmal an, wenn der Körper eine Ent­zündung bekämpft. Doch was genau ist die Lymphe? Auf Deutsch spricht man von Gewebs­flüssigkeit. Diese leicht gelbliche Flüssig­keit sammelt sich in einem weit verzweigten Netz von Lymph­gefäßen. Ihre Aufgabe: Sie entsorgt Stoff­wechsel­abfälle. Insofern funktioniert die Lymphe, vereinfacht gesagt, wie eine natürliche Kanalisation des Körpers. Lymph­knoten hingegen sind kleine Filter­stationen im Verlauf dieser Bahnen: Hier treffen Immun­zellen auf mögliche Krankheits­erreger oder entartete Zellen und leiten – im Idealfall – gezielt Abwehr­reaktionen ein. Ohne dieses Netzwerk wäre unser Immun­system wehrlos. 

Lymphstau: Was sind die Symptome?

Wenn nun dieses System nicht richtig arbeitet, kann es zu einem Flüssig­keits­stau im Gewebe kommen – „Lymph­ödem“ lautet der Fach­begriff. Meist sind Arme oder Beine betroffen, die anschwellen. Aber auch nach Operationen oder Unfällen kann das Lymph­system ange­schlagen sein. Brust­krebs streut oft bis in die Lymph­knoten in den Achseln, die dann entfernt werden müssen. Manche Frauen entwickeln in der Folge ein chronisches Lymph­ödem, das z. B. Spannungs­gefühle in den Armen erzeugt.

Und in genau solchen Fällen hilft die manuelle Lymph­drainage: Durch sanfte Griff­techniken wird der Transport der Lymph­flüssigkeit in den Lymph­gefäßen wieder angeregt. Sanft und rhythmisch kreisende Bewegungen aktivieren dabei die Pump­leistung der Gefäße, ohne Druck auf Blut­gefäße oder Gewebe auszuüben. 

Entwickelt wurde diese Technik in den 1930er-Jahren vom dänischen Physio­therapeuten Emil Vodder. Mit einer Wellness-Massage hat diese medizinische Behandlung allerdings wenig gemeinsam. Sie ist viel sanfter – und darf auch nur von Thera­peut:innen mit spezieller Aus­bildung ausgeführt werden. Von einer Lymph­drainage im Kosmetik­studio ist daher abzuraten – zumindest, wenn du eine medizinisch wirksame Behandlung suchst. 

Lymphdrainage als Detox-Wunder?

Was hat es nun aber mit dem Detox-Effekt auf sich, der der Lymph­drainage auf TikTok zugeschrieben wird? „Detox findet vor allem in der Leber, der Niere und in der Haut statt“, entwarnt der Wiener Arzt und Longevity-Coach Patrick Bantsich. „Das Lymph­system transportiert Gewebs­flüssigkeit, Eiweiße, Immunzellen, aber keine Giftstoffe.“ Viele starten die Behandlung, weil sie hoffen, Cellulite oder Fett­pölsterchen loszuwerden. Aber in dieser Hinsicht ist der Longevity-Experte skeptisch: „Es gibt keine wissen­schaftlichen Belege dafür, dass man durch Lymph­drainage Fett oder Cellulite dauerhaft loswird.“ Generell gilt: Alles, was als schneller Beauty-Hack oder Detox-Wunder verkauft wird, sollte man kritisch betrachten – besonders, wenn es ohne medizinische Grund­lagen beworben wird. 

Ein Porträtbild von Arzt Patrick Bantsich in weißem Hemd
Patrick Bantsich ist Arzt mit einem Master in Molekularer Medizin und hält Vorträge und Online-Seminare bei BIOGENA. Sein Anliegen: Prävention und Aufklärung, damit Krankheiten gar nicht erst entstehen. Und: komplexe medizinische Zusammenhänge verständlich vermitteln.
© BIOGENA

Wirkung im Check: Was bringt die Lymphdrainage wirklich?

Abgesehen vom Abbau des Wasser­staus, berichten viele von einer ent­spannenden Wirkung.  „Du wirst dich leichter, ruhiger und einfach besser fühlen. Durch die Berührungen kann das para­sympathische Nerven­system (unser Ruhe- und Erholungs­modus) aktiviert werden – das senkt Cortisol-Level, reduziert Stress und fördert einen erholsamen Schlaf“, sagt Bantsich. „Und das wirkt sich auf dein Bewegungs­level aus – du fühlst dich motivierter, aktiv zu sein.“ 

Wahr­scheinlich ist dieser ganz­heitliche Ansatz ein zentraler Schlüssel zu lang­fristigem Erfolg: Die beste Unter­stützung für deinen Lymph­fluss ist regel­mäßige Bewegung. Denn die Aktivität der Muskeln wirkt wie eine natürliche Lymph­pumpe.
 

„Du wirst dich leichter, ruhiger und einfach besser fühlen.“
Patrick Bansich
© BIOGENA

Wie lange hält der Effekt an?

Allerdings: „Man sollte nach einer Lymph­drainage nicht erwarten, dass sofort große Veränderungen einsetzen“, so Bantsich. Der lindernde Effekt hält in der Regel nur ein paar Tage an. „Erst, wenn du regelmäßig – zum Beispiel zwei- bis dreimal die Woche – behandelt wirst, kannst du lang­fristig einen Unter­schied merken.“ Forschungen zeigen nämlich: Manuelle Lymph­drainagen sind nur ein Baustein in einer wirksamen Therapie. Ergänzende Maßnahmen wie das Tragen von Stütz- und Kompressions­strümpfen können den Abtransport von Lymph­flüssigkeit beschleunigen. Hilfreich ist auch eine ausgewogene, salzarme Ernährung mit viel Obst, Gemüse und protein­reichen Lebens­mitteln wie Hülsen­früchten oder Fisch. 

Lymphdrainage: Booster beim Training

Ist denn aber, wie von einigen Instituten angeboten (Stich­wort: „Presso­therapie“), die Lymph­drainage als Regeneration nach dem Sport zu empfehlen? „Wer für einen Marathon trainiert, belastet seine Beine“, sagt Bantsich: „Da kann eine Lymph­drainage während der Trainings- oder Wett­kampf­phasen tatsächlich helfen, sich schneller zu regenerieren.“ In der Schwanger­schaft rät der Experte allerdings zur Vorsicht: „Generell sollte man in vulnerablen Phasen – also während der Schwanger­schaft oder frisch nach der Geburt – mögliche Behand­lungen unbedingt ärztlich absprechen.“

Lymphdrainage: Für wen besser nicht?

Wichtig ist, dass die Therapie auf dich persönlich zugeschnitten ist. „Nicht jeder Ansatz passt zu jedem Menschen“, erklärt Bantsich. „Und bei akuten Infektionen, Thrombosen oder Herz­problemen wie etwa der Herz­insuffizienz solltest du vorher unbedingt deinen Arzt oder deine Ärztin fragen.“

Und was musst du vor einer Behandlung beachten? „Wichtig ist, ausreichend zu trinken, damit genug Flüssigkeit im System ist“, betont Bantsich. Du kannst leicht erkennen, ob eine Lymph­drainage erfolgreich war: Wenn du nachher oft auf die Toilette musst, um Wasser zu lassen, ist das ein gutes Zeichen. Dein Lymph­system ist angenehm angeregt und arbeitet auf Hoch­touren. 

Wie funktioniert eine Lymphdrainage?

Die medizinische Lymph­drainage ist eine Entstauungs­therapie, die chronische Schwellungen abbauen soll. Diese Schwellungen (Lymphödeme) können entstehen, wenn die Lymph­flüssigkeit nicht richtig abfließt. Sie erzeugen ein Schwere-, Spannungs- oder Druckgefühl in der Haut. Meist sind Arme oder Beine betroffen. Lymph­drainage wird aber auch zur sportlichen Regeneration und zum Stress­abbau angewandt. Klinisch nicht bewiesen ist hingegen die Wirkung gegen Cellulite. 

Wissen

Emil Vodder: Sanfte Griffe an der Riviera

Der „Erfinder“ der Lymph­drainage, Emil Vodder, arbeitete in den frühen 1930-Jahren an der französischen Riviera (in Cannes). Dort erholten sich viele wohlhabende Patient:innen, die unter chronischen Erkältungen und Entzündungen litten. Viele hatten geschwollene Lymphknoten. Diese manuell zu manipulieren, galt damals als medizinisches No-Go. Doch Vodder, den Kritiker anfangs einen Scharlatan nannten, tat genau das. Er entwickelte sanfte, rhythmische Griff­techniken direkt bei den geschwollenen Lymph­knoten und konnte so Verbesserungen bewirken. 

Quelle: Vodder-Akademie 

Der dänische Physiotherapeut und Lymphdrainagen-„Erfinder“ Emil Vodder mit Ehefrau Estrid im Jahr 1972.
© Wittlinger/CC BY-SA 3.0 de

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