Longevity-Porträt: „No Multitasking, Rudi!“
Rudolf Nagillers Rezept, um jung zu bleiben: zügiges Gehen, Podcasts hören, viel Wasser trinken – und Selbstironie.
Fischerhut auf dem Kopf und AirPods im Ohr: Wer Rudolf Nagiller, 83, auf der Straße sieht, könnte ihn glatt für einen Hipster halten. Daran ist nicht nur sein konsequenter Normcore-Look Schuld, sondern auch der zügige Schritt, den er vorlegt. Meist ist er gerade unterwegs, um auf seine 10.000 Schritte täglich zu kommen. „Ich vermeide bewusst das Wort Sport, das hat für mich zu sehr mit Wettbewerb zu tun“, sagt er. „Schnelles Gehen ist für mich aber auch keine Freizeitbeschäftigung. Ich versuche, es konsequent in meinen Alltag einzubauen.“
Konkret sieht das so aus: Nagiller steigt ein paar U-Bahn-Stationen früher aus – und legt den Rest des Weges zu Fuß zurück. Oder: Er spaziert von seiner Wohnung im dritten Bezirk zum Stephansplatz, um Freund:innen zu treffen. Kleine Strecken werden über den ganzen Tag verteilt – und bewusst gehend zurückgelegt. Das Auto wird nur in den seltensten Fällen angeworfen. Damit liegt der 83-Jährige voll im Trend: Forschungen zum Thema Longevity sind sich einig, dass regelmäßiges Gehen sowohl für den Körper als auch die Psyche überaus gesund ist. Sanfte Sportarten schonen die Gelenke und sind ein einfacher, aber sehr effektiver Weg, um sich fit zu halten. Nagiller war diesbezüglich ein Vorreiter: Bereits 2001 schrieb er sein erstes Sachbuch mit dem Titel: „Gentle Running. Leichter laufen, besser atmen, schöner leben“.
Sanfte Sportarten auswählen
Wie ist er darauf gekommen? Sportlich war er nur bedingt, Skifahren im Winter, wie die meisten, aber als Intendant des ORF blieb wenig Zeit für körperlichen Ausgleich. Das Frühstück fiel meist aus, gegessen wurde vor dem Computer am Schreibtisch, während die Tageszeitungen studiert wurden. Er war bereits Mitte 50, als er sich entschied: Ich möchte ein anderes Leben führen. 1998 löste er sein sicheres Angestelltenverhältnis auf, begann mit dem Laufen, jeden Morgen eine Stunde. Er fuhr lange Touren mit dem Rad – und berichtete in Zeitungen darüber. Sein „Gentle Running“-Buch wurde ein Bestseller, das sich monatelang an der Spitze der heimischen Verkaufscharts hielt.
Nagiller ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist, sein Leben zu ändern. „Wichtig ist dabei, neue Gewohnheiten aufzubauen. Wenn ich ein paar Tage keine längeren Strecken gehe, dann fehlt mir inzwischen etwas“, sagt er. Zwei Liter am Tag zu trinken, fällt ihm deutlich schwerer. Deshalb steht eine blaue Tasse immer an derselben Stelle in der Küche bereit. Sie soll ihn daran erinnern, regelmäßig Wasser zu trinken – immer warm, nie aus dem Kühlschrank, wie er betont. Noch vor dem Frühstück macht er gemeinsam mit seiner Frau Brigitte Morgensport, „ein bisschen herumhampeln“, wie er es nennt. Die beiden sind nächstes Jahr 50 Jahre verheiratet, Brigitte teilt die Leidenschaft fürs Gehen.
Podcasts, um geistig fit zu bleiben
Jungbleiben ist nicht nur eine Sache des Körpers. Die AirPods trägt Nagiller, weil er schon lange ein Fan von Podcasts ist und regelmäßig welche hört. Zeitungen liest er online als E-Paper. Im Supermarkt zahlt er mit Apple-Watch. Nagiller hat sich früh vorgenommen, keine Angst vor neuer Technik zu haben. Viele ältere Menschen hören irgendwann auf, technische Errungenschaften als Bereicherung wahrzunehmen. Warum eigentlich? Schließlich ist es keine Zauberei, sich regelmäßig upzudaten.
Gleichzeitig erleben gerade Journalist:innen in der Pension einen Bedeutungsverlust: Plötzlich interessiert sich niemand mehr für ihre Meinung. Nagiller nimmt das locker: Die Welt gehe nicht unter, wenn er nicht zu allem seinen Senf dazugebe. Ein wesentlicher Faktor, um im Alter geistig fit zu bleiben, sei nämlich auch: Sich nicht so wichtig zu nehmen. Auch mal loslassen zu können.
Kein Wunder, dass er mit einem Augenzwinkern sagt: „Ich bin der alte weiße Mann – und das ist auch okay so.“ Ist er selbstironisch? „Wahrscheinlich schon, aber es klingt doch auch nach Anmaßung, wenn das jemand von sich behauptet.“ Wenn man ihn auf Denkfehler hinweist, nimmt er es jedenfalls gelassen. Er nennt als Motto: „No Multitasking, Rudi!“ Gerade als älterer Mensch sei es wichtig, sich auf Dinge zu konzentrieren. Auf den Einwand, mit AirPods in der Gegend herumzulaufen, sei doch auch Multitasking, erwidert er: „Stimmt, da bin ich nicht konsequent bis zum Letzten. Das ist vielleicht aber auch gar nicht wichtig. Es geht ohnehin mehr um die Frage: Was bereichert mein Leben?“
Was lernt man als Grabredner?
Selbstüberschätzung schadet im Alter. Man bringt sich und andere in Situationen, die überfordern. So hat Nagiller mit dem Radfahren und Laufen aufgehört – und ist beim zügigen Gehen gelandet. Und: Er war als Grabredner tätig. Für über 500 Verstorbene hat er die letzten Worte gefunden. Was er daraus gelernt hat? „So verschieden sind wir gar nicht, wie wir immer glauben“, sagt er. Und: „Man muss im Alter aufpassen, nicht zu stürzen. Oft ist ein Sturz der Anfang vom Ende.“ Und dann erzählt er, wie absurd er bestimmte Grabinschriften schon immer gefunden hat: „Hausbesitzerwitwe! Wer lässt denn so etwas eingravieren?“ Er und seine Frau möchten ohnehin in einem Naturfriedhof begraben werden – ohne Grabstein. Auch damit liegen die beiden im Trend. „Ich bin aus dem Nichts gekommen und möchte wieder Teil der Natur werden“, sagt er.
Andere haben einen Zweitwohnsitz auf dem Land. Die Nagillers haben sich im Alter eine Wohnung in der Stadt gekauft. Vor allem im Winter, wenn der Garten in ihrem Haus in Perchtoldsdorf ohnehin nicht genutzt werden kann, treffen sie in Wien Freund:innen und nutzen das reiche Kulturangebot. Nagiller ist es wichtig, neugierig zu bleiben, was Menschen betrifft. So ist er mit seinem Zahnarzt befreundet. „Menschen fallen mir oft zu“, sagt er.
Sein Tipp für ein langes und erfülltes Leben? „Mach das, was dir Freude bringt, und bleib offen für Neues. Und vor allem: Lass dich nicht von Stress beherrschen.“ Denn das ist das wahre Geheimnis der Longevity: Körper und Geist sanft, aber beharrlich fordern. Mit einem breiten Grinsen zum Schluss meint er: „Wenn ich so weitermache, dann wird das hoffentlich noch ein paar Jahre länger gehen.“
Zur Person
Rudolf Nagiller, 83, ist ein österreichischer Journalist. Er hat seine Karriere in Vorarlberg als Hörfunk-Redakteur begonnen, wechselte dann zum ORF-Fernsehen nach Wien. Von 1994 bis 1998 war er Intendant des ORF – und initiierte zahlreiche Reformen, unter anderem war es ihm ein Anliegen, die starren Interviewformate aufzubrechen. 1998 zog er sich zurück, um sich der Gesundheitspublizistik zu widmen. Sein erstes Sachbuch „Gentle Running“ verkaufte sich über 50.000 Mal. Es folgten Bücher wie „Gentle Moving“ (2003) und „No Sports! Aus Liebe zur Bewegung“ (2008). Seit 2015 hält Nagiller Trauerreden bei Beerdigungen.