Porträt einer Frau mit Brille, das mittig durch eine DNA-Helix geteilt wird: links als ältere Frau mit grauem, lockigem Haar, rechts als junge Frau mit dunkelbraunem, lockigem Haar. Ein gelber Kreis umrahmt das Gesicht vor blauem Hintergrund.

Longevity-Porträt: „No Multitasking, Rudi!“

Rudolf Nagillers Rezept, um jung zu bleiben: zügiges Gehen, Podcasts hören, viel Wasser trinken – und Selbstironie.

Format:
Im Fokus
Autor:
Karin Cerny
zuletzt geändert:
27.01.2026
Lesezeit:
3 Minuten

Fischerhut auf dem Kopf und AirPods im Ohr: Wer Rudolf Nagiller, 83, auf der Straße sieht, könnte ihn glatt für einen Hipster halten. Daran ist nicht nur sein konse­quenter Normcore-Look Schuld, sondern auch der zügige Schritt, den er vorlegt. Meist ist er gerade unterwegs, um auf seine 10.000 Schritte täglich zu kommen. „Ich ver­meide bewusst das Wort Sport, das hat für mich zu sehr mit Wett­bewerb zu tun“, sagt er. „Schnelles Gehen ist für mich aber auch keine Freizeit­beschäftigung. Ich versuche, es konsequent in meinen Alltag einzubauen.“

Konkret sieht das so aus: Nagiller steigt ein paar U-Bahn-Stationen früher aus – und legt den Rest des Weges zu Fuß zurück. Oder: Er spaziert von seiner Wohnung im dritten Bezirk zum Stephans­platz, um Freund:innen zu treffen. Kleine Strecken werden über den ganzen Tag verteilt – und bewusst gehend zurück­gelegt. Das Auto wird nur in den seltensten Fällen angeworfen. Damit liegt der 83-Jährige voll im Trend: For­schungen zum Thema Longevity sind sich einig, dass regel­mäßiges Gehen sowohl für den Körper als auch die Psyche überaus gesund ist. Sanfte Sport­arten schonen die Gelenke und sind ein einfacher, aber sehr effektiver Weg, um sich fit zu halten. Nagiller war dies­bezüglich ein Vorreiter: Bereits 2001 schrieb er sein erstes Sachbuch mit dem Titel: „Gentle Running. Leichter laufen, besser atmen, schöner leben“.

Sanfte Sportarten auswählen

Wie ist er darauf gekommen? Sportlich war er nur bedingt, Ski­fahren im Winter, wie die meisten, aber als Intendant des ORF blieb wenig Zeit für körper­lichen Aus­gleich. Das Frühstück fiel meist aus, gegessen wurde vor dem Computer am Schreib­tisch, während die Tages­zeitungen studiert wurden. Er war bereits Mitte 50, als er sich entschied: Ich möchte ein anderes Leben führen. 1998 löste er sein sicheres Angestellten­verhältnis auf, begann mit dem Laufen, jeden Morgen eine Stunde. Er fuhr lange Touren mit dem Rad – und berichtete in Zeitungen darüber. Sein „Gentle Running“-Buch wurde ein Bestseller, das sich monate­lang an der Spitze der heimischen Verkaufs­charts hielt.

Nagiller ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist, sein Leben zu ändern. „Wichtig ist dabei, neue Gewohn­heiten aufzu­bauen. Wenn ich ein paar Tage keine längeren Strecken gehe, dann fehlt mir inzwischen etwas“, sagt er. Zwei Liter am Tag zu trinken, fällt ihm deutlich schwerer. Deshalb steht eine blaue Tasse immer an derselben Stelle in der Küche bereit. Sie soll ihn daran erinnern, regelmäßig Wasser zu trinken – immer warm, nie aus dem Kühl­schrank, wie er betont. Noch vor dem Frühstück macht er gemein­sam mit seiner Frau Brigitte Morgensport, „ein bisschen herum­hampeln“, wie er es nennt. Die beiden sind nächstes Jahr 50 Jahre ver­heiratet, Brigitte teilt die Leiden­schaft fürs Gehen. 

Podcasts, um geistig fit zu bleiben

Jungbleiben ist nicht nur eine Sache des Körpers. Die AirPods trägt Nagiller, weil er schon lange ein Fan von Pod­casts ist und regel­mäßig welche hört. Zeitungen liest er online als E-Paper. Im Super­markt zahlt er mit Apple-Watch. Nagiller hat sich früh vor­genommen, keine Angst vor neuer Technik zu haben. Viele ältere Menschen hören irgendwann auf, technische Errungen­schaften als Bereicherung wahrzu­nehmen. Warum eigentlich? Schließ­lich ist es keine Zauberei, sich regel­mäßig upzudaten.

Gleichzeitig erleben gerade Journalist:innen in der Pension einen Bedeutungs­verlust: Plötzlich interessiert sich niemand mehr für ihre Meinung. Nagiller nimmt das locker: Die Welt gehe nicht unter, wenn er nicht zu allem seinen Senf dazugebe. Ein wesent­licher Faktor, um im Alter geistig fit zu bleiben, sei nämlich auch: Sich nicht so wichtig zu nehmen. Auch mal los­lassen zu können.

Kein Wunder, dass er mit einem Augen­zwinkern sagt: „Ich bin der alte weiße Mann – und das ist auch okay so.“ Ist er selbst­ironisch? „Wahrschein­lich schon, aber es klingt doch auch nach An­maßung, wenn das jemand von sich behauptet.“ Wenn man ihn auf Denk­fehler hinweist, nimmt er es jeden­falls gelassen. Er nennt als Motto: „No Multi­tasking, Rudi!“ Gerade als älterer Mensch sei es wichtig, sich auf Dinge zu konzentrieren. Auf den Einwand, mit AirPods in der Gegend herumzu­laufen, sei doch auch Multi­tasking, erwidert er: „Stimmt, da bin ich nicht konsequent bis zum Letzten. Das ist vielleicht aber auch gar nicht wichtig. Es geht ohnehin mehr um die Frage: Was bereichert mein Leben?“ 

Was lernt man als Grabredner?

Selbstüber­schätzung schadet im Alter. Man bringt sich und andere in Situationen, die über­fordern. So hat Nagiller mit dem Rad­fahren und Laufen aufgehört – und ist beim zügigen Gehen gelandet. Und: Er war als Grab­redner tätig. Für über 500 Ver­storbene hat er die letzten Worte gefunden. Was er daraus gelernt hat? „So verschieden sind wir gar nicht, wie wir immer glauben“, sagt er. Und: „Man muss im Alter aufpassen, nicht zu stürzen. Oft ist ein Sturz der Anfang vom Ende.“ Und dann erzählt er, wie absurd er bestimmte Grab­inschriften schon immer gefunden hat: „Haus­besitzer­witwe! Wer lässt denn so etwas ein­gravieren?“ Er und seine Frau möchten ohnehin in einem Natur­friedhof begraben werden – ohne Grab­stein. Auch damit liegen die beiden im Trend. „Ich bin aus dem Nichts gekommen und möchte wieder Teil der Natur werden“, sagt er.

Andere haben einen Zweit­wohnsitz auf dem Land. Die Nagillers haben sich im Alter eine Wohnung in der Stadt gekauft. Vor allem im Winter, wenn der Garten in ihrem Haus in Perchtolds­dorf ohnehin nicht genutzt werden kann, treffen sie in Wien Freund:innen und nutzen das reiche Kultur­angebot. Nagiller ist es wichtig, neu­gierig zu bleiben, was Menschen betrifft. So ist er mit seinem Zahn­arzt befreundet. „Menschen fallen mir oft zu“, sagt er.

Sein Tipp für ein langes und erfülltes Leben? „Mach das, was dir Freude bringt, und bleib offen für Neues. Und vor allem: Lass dich nicht von Stress beherrschen.“ Denn das ist das wahre Geheimnis der Longevity: Körper und Geist sanft, aber beharr­lich fordern. Mit einem breiten Grinsen zum Schluss meint er: „Wenn ich so weitermache, dann wird das hoffent­lich noch ein paar Jahre länger gehen.“

Zur Person

Porträtfoto von einem älteren Mann mit dunkler Winterjacke, gelbem Schal und blauem Fischerhut, im Hintergrund der Gehweg in einem Park und mehrere Bänke.
© Reinhard Lang

Rudolf Nagiller, 83, ist ein öster­reichischer Journalist. Er hat seine Karriere in Vorarl­berg als Hörfunk-Redak­teur begonnen, wechselte dann zum ORF-Fernsehen nach Wien. Von 1994 bis 1998 war er Inten­dant des ORF – und initiierte zahlreiche Reformen, unter anderem war es ihm ein Anliegen, die starren Interview­formate aufzu­brechen. 1998 zog er sich zurück, um sich der Gesundheits­publizistik zu widmen. Sein erstes Sachbuch „Gentle Running“ verkaufte sich über 50.000 Mal. Es folgten Bücher wie „Gentle Moving“ (2003) und „No Sports! Aus Liebe zur Bewegung“ (2008). Seit 2015 hält Nagiller Trauer­reden bei Beerdigungen. 

Rückenansicht eines älteren Mannes in dunkler Kleigung, der im Park spazieren geht.
In Bewegung bleiben, aber sich auch nicht aus der Ruhe bringen lassen: Rudolf Nagiller setzt auf Gelassenheit.
© Reinhard Lang