Abstrakte Collage mit einer Nahaufnahme einer Nase in einem Kreis, davor wischt weißer Rauch über einen türkisfarbenen Hintergrund.

Krankheiten am Geruch erkennen

Unser Geruchssinn ist sensibler, als wir denken. Er hilft sogar dabei, Krankheiten zu erkennen.

Format:
Im Fokus
Autor:
Ulrike Moser-Wegscheider
zuletzt geändert:
27.05.2026
Lesezeit:
3 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …

  • warum Krankheiten unseren Körpergeruch verändern. 
  • wie Forscher:innen daran arbeiten, Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes am Geruch zu erkennen.
  • wie du Krankheiten am Geruch erkennen kannst.
     

Holzig und moschus­artig war der Duft, den die Schottin Joy Milne über die Jahre immer stärker an ihrem Ehe­mann Les wahr­nahm. Les hingegen verlor seinen Geruchs­sinn und litt zunehmend an Gleich­gewichts­störungen. Die nieder­schmetternde Diagnose: Parkinson. Als sich Joy Milne Jahre später auf einer Wohl­tätigkeits­veranstaltung zugunsten Betroffener wiederfand, traute sie ihrer Nase kaum. Der Raum war erfüllt von jenem charakteris­tischen Geruch, der ihr von zu Hause so vertraut war. Sie wandte sich an For­scher:innen der Universität Edinburgh, denn offen­sichtlich konnte sie die Krankheit riechen, lange bevor sich erste Symptome zeigen. Mit Milnes Hilfe versuchten die Forscher:innen, den speziellen Aus­dünstungen von Parkinson­patient:innen auf die Spur zu kommen, und tüftelten an einem bio­chemischen Früh­erkennungs­verfahren, um die Geruchs­komponenten der Krank­heit zu erkennen.

Krankheiten können Körpergeruch verändern

Joy Milne mag mit ihrer ausgeprägten Spür­nase eine Aus­nahme sein. Doch wir alle kennen die Wucht olfaktorischer Ein­drücke, die einem aus Kranken­zimmern entgegen­schlägt. Säuerlich, faulig, stechend, fischelnd: Krank­heiten verändern den individu­ellen Körper­geruch. Bereits der griechische Arzt Hippokrates von Kos machte sich dieses Wissen zunutze und setzte auf seine Nase, um sich eine erste Meinung zum Leiden seiner Patientinnen und Patienten zu bilden. So rieche etwa ein Diabetes-Atem süßlich-fruchtig, während Leber­kranke einen modrigen Geruch verströmen, konstatierte er schon vor 2.500 Jahren. Erst im 18. Jahrhundert geriet der Geruch der Krankheit zugunsten der Blick­diagnose und später auch bild­gebender Verfahren ins Hinter­treffen. Dabei lohnt es sich bis heute, darauf zu achten, ob unser Körper­geruch sich verändert – und, falls das der Fall ist, einen Checkup machen zu lassen. 

Ekel schützt vor Krankheiten

Die persönliche Duft­marke setzt sich aus 100 bis 1.000 flüchtigen organischen Verbindungen zusammen und variiert je nach Gemüts­zustand, Alter, Ernährung und gesund­heitlicher Ver­fassung. Kommt der Meta­bolismus durch Krankheit aus dem Tritt, werden einzelne Stoff­wechsel­produkte verstärkt produziert oder unzu­reichend abgebaut und setzen wie auch Krankheits­erreger neue Substanzen frei. Ihr Geruch dringt buch­stäblich aus jeder Pore. „Der Ekel davor lässt uns zurück­weichen und ist ein Schutz­mechanismus, um erst gar nicht mit schädlichen Keimen in Berührung zu kommen“, erklärt die Epidemio­login und Anthropo­login Valerie Curtis von der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Ein evolutionäres Alarm­signal also, denn Geruch und Geschmack sind stammes­geschichtlich gesehen unsere ältesten Sinne. „Schon die ersten einzelligen Lebe­wesen nahmen damit ihre chemische Umgebung wahr und reagierten darauf, indem sie sich zu Nahrungs­quellen hin- und von Gefahren­quellen weg­bewegen“, erläutert Johannes Frasnelli, Geruchs­forscher an der Universität Trois-Rivières im kanadischen Quebec und Autor des Buches „Wir riechen besser als wir denken“.

Porträt eines lächelnden Mannes mit schulterlangen, braunen Haaren und Vollbart vor einem Haus.
Geruchsforscher Johannes Frasnelli liebt den Duft von Kaffee und weiß, was Parmesan und Erbrochenes miteinander zu tun haben. „Wir riechen besser als wir denken“ (Verlag Molden) ist 2021 erschienen.
© Amanda T. Trault
Buchcover von Johannes Frasnelli's "Wir riechen besser als wir denken".

Mechanismen des Geruchssinns noch kaum entschlüsselt

Kein Wunder also, dass selbst untrainierte Nasen Krank­heiten erschnüffeln können, wie eine 2017 veröffent­lichte Doppel­blind­studie des Karolinska-Institut in Stock­holm zeigte. Probanden sollten dafür den Gesundheits­zustand von 16 Personen erkennen. Einigen davon wurde im Vorfeld Toxin verabreicht, eine Substanz, die dem Immun­system eine Erkrankung vortäuscht und „Infizierte“ einen halben Tag lang mit Erkältungs­symptomen quält. Sowohl den Gesunden als auch den „Kranken“ wurde mittels Watte­pad Schweiß abgenommen, dessen Geruch die Versuchs­personen beurteilen sollten. Je stärker die Immun­reaktion der „Kranken“ ausfiel, die die Forschungs­gruppe um den Neuro­psychologen Mats J. Ollson zuvor anhand von Boten­stoffen im Blut nachge­wiesen hatten, desto abstoßender wurde ihr Körper­geruch empfunden.

Die Forschenden wollen nun jene Moleküle finden, die den typischen Geruch bei Infektions­krankheiten verursachen. Die Suche nach den Übel­tätern gleicht bislang jener nach der Nadel im Heuhaufen, denn lange als „unwichtig“ abgetan, wurde der Geruchs- im Gegen­satz zum Sehsinn erst vor 30 Jahren zum Forschungs­gegenstand. Davor war er Anatomie­büchern allenfalls eine Rand­notiz wert. „Der Code des Riechens ist daher noch nicht ent­schlüsselt“, sagt Geruchs­forscher Frasnelli. Dass es noch dazu an Begrifflich­keiten fehlt, macht es nicht einfacher: „Zur Charak­terisierung eines Geruchs sind wir auf Analogien angewiesen, denn die einzigen exakten Unter­scheidungen sind Duft und Gestank. Unter ‚blumig‘ oder ‚muffig‘ versteht abhängig von den eigenen Erfahrungen jeder etwas anderes.“

„Die Wissenschaftler wollen nun jene Moleküle finden, die den typischen Geruch bei Infektions­­krankheiten verursachen.“
Johannes Frasnelli

Künstliche Nasen sollen Krankheiten erkennen

Verantwortlich für diese unter­schied­lichen Assozia­tionen ist das limbi­sche System – jene Hirnregion, die nicht nur Geruchs­reize verarbeitet, sondern auch Zentrum der Emotionen ist. Zwischen diesem Hirnareal und dem Sprach­zentrum gibt es kaum Verbindungen; in Folge fehlen Begriffe, um subtile Gerüche verbindlich zu katalo­gisieren. Daher schrecken fakten­basierte Mediziner:innen mitunter davor zurück, bestimmte Odeurs zur Krankheits­erkennung zu nutzen – zu wenig weiß man bislang über die Mechanismen des Riechens und all die flüchtigen Verbin­dungen, die sich so erschnüffeln lassen. Dabei setzen selbst Tumor­zellen Duft­substanzen frei, für die zwar menschliche Nasen nicht mehr empfänglich sind, wohl aber die von Hunden.

Doch auch Hunde sind nicht die zuver­lässigsten Schnüffler. Abhilfe sollen künftig elek­tronische Nasen schaffen, an denen bereits getüftelt wird. Doch gelte es zunächst, die Geruchs­codes zu entschlüsseln und die künstliche Intelligenz damit zu füttern, erläutert Forscher Frasnelli. Forscher­gruppen, wie die von Sybelle Goedicke-Fritz, arbeiten bereits daran, sogenannte „Smellprints“ (Geruchs-Finger­abdrücke) von Krank­heiten zu erfassen. Mit Hilfe von Gas-Sensorik-Mess­geräten werden flüchtige organische Substanzen (VOC) gemessen, die bei bestimmten Krank­heiten in Atem oder Schweiß auftreten. Aber: der Weg zur raschen – und vor allem zuverlässigen – Diagnose via Körper­geruch ist noch weit. 

Dufte Diagnose

© Egger & Lerch

So kannst du Krankheiten am Geruch erkennen:

  • Grippaler Infekt: Viren und Bakterien nähren sich von alten Schleim­haut­zellen. Das führt zu abge­standenem, muffeligem Atem.
  • Schilddrüsen-Unterfunktion: Der Schweiß riecht essigsauer, da der Stoff­wechsel nur gedrosselt arbeitet. Es sammeln sich Säuren, die der Köper auszu­schwitzen versucht.
  • Diabetes: Kein Zufall, dass Patienten nach Nagel­lack­entferner riechen, denn dessen Inhalts­stoff Aceton bildet sich bei Unter­zuckerung. Auch längeres Fasten sorgt für den spezifischen Geruch.
  • Nierenleiden: Harnstoff und Kreatinin können nur unzureichend über die Nieren ausgeschieden werden. Schweiß springt als Aus­scheidungs­stoff ein und riecht entsprechend nach Urin.
  • Lebererkrankungen: Die Leber wandelt Eiweiß in Harnstoff um. Funktioniert das nicht, bildet sich Ammoniak und Betroffene umweht das beißende Gas, das man auch von Haar­färbe­mitteln kennt.