Krankheiten am Geruch erkennen
Unser Geruchssinn ist sensibler, als wir denken. Er hilft sogar dabei, Krankheiten zu erkennen.
IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …
- warum Krankheiten unseren Körpergeruch verändern.
- wie Forscher:innen daran arbeiten, Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes am Geruch zu erkennen.
- wie du Krankheiten am Geruch erkennen kannst.
Holzig und moschusartig war der Duft, den die Schottin Joy Milne über die Jahre immer stärker an ihrem Ehemann Les wahrnahm. Les hingegen verlor seinen Geruchssinn und litt zunehmend an Gleichgewichtsstörungen. Die niederschmetternde Diagnose: Parkinson. Als sich Joy Milne Jahre später auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten Betroffener wiederfand, traute sie ihrer Nase kaum. Der Raum war erfüllt von jenem charakteristischen Geruch, der ihr von zu Hause so vertraut war. Sie wandte sich an Forscher:innen der Universität Edinburgh, denn offensichtlich konnte sie die Krankheit riechen, lange bevor sich erste Symptome zeigen. Mit Milnes Hilfe versuchten die Forscher:innen, den speziellen Ausdünstungen von Parkinsonpatient:innen auf die Spur zu kommen, und tüftelten an einem biochemischen Früherkennungsverfahren, um die Geruchskomponenten der Krankheit zu erkennen.
Krankheiten können Körpergeruch verändern
Joy Milne mag mit ihrer ausgeprägten Spürnase eine Ausnahme sein. Doch wir alle kennen die Wucht olfaktorischer Eindrücke, die einem aus Krankenzimmern entgegenschlägt. Säuerlich, faulig, stechend, fischelnd: Krankheiten verändern den individuellen Körpergeruch. Bereits der griechische Arzt Hippokrates von Kos machte sich dieses Wissen zunutze und setzte auf seine Nase, um sich eine erste Meinung zum Leiden seiner Patientinnen und Patienten zu bilden. So rieche etwa ein Diabetes-Atem süßlich-fruchtig, während Leberkranke einen modrigen Geruch verströmen, konstatierte er schon vor 2.500 Jahren. Erst im 18. Jahrhundert geriet der Geruch der Krankheit zugunsten der Blickdiagnose und später auch bildgebender Verfahren ins Hintertreffen. Dabei lohnt es sich bis heute, darauf zu achten, ob unser Körpergeruch sich verändert – und, falls das der Fall ist, einen Checkup machen zu lassen.
Ekel schützt vor Krankheiten
Die persönliche Duftmarke setzt sich aus 100 bis 1.000 flüchtigen organischen Verbindungen zusammen und variiert je nach Gemütszustand, Alter, Ernährung und gesundheitlicher Verfassung. Kommt der Metabolismus durch Krankheit aus dem Tritt, werden einzelne Stoffwechselprodukte verstärkt produziert oder unzureichend abgebaut und setzen wie auch Krankheitserreger neue Substanzen frei. Ihr Geruch dringt buchstäblich aus jeder Pore. „Der Ekel davor lässt uns zurückweichen und ist ein Schutzmechanismus, um erst gar nicht mit schädlichen Keimen in Berührung zu kommen“, erklärt die Epidemiologin und Anthropologin Valerie Curtis von der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Ein evolutionäres Alarmsignal also, denn Geruch und Geschmack sind stammesgeschichtlich gesehen unsere ältesten Sinne. „Schon die ersten einzelligen Lebewesen nahmen damit ihre chemische Umgebung wahr und reagierten darauf, indem sie sich zu Nahrungsquellen hin- und von Gefahrenquellen wegbewegen“, erläutert Johannes Frasnelli, Geruchsforscher an der Universität Trois-Rivières im kanadischen Quebec und Autor des Buches „Wir riechen besser als wir denken“.
Mechanismen des Geruchssinns noch kaum entschlüsselt
Kein Wunder also, dass selbst untrainierte Nasen Krankheiten erschnüffeln können, wie eine 2017 veröffentlichte Doppelblindstudie des Karolinska-Institut in Stockholm zeigte. Probanden sollten dafür den Gesundheitszustand von 16 Personen erkennen. Einigen davon wurde im Vorfeld Toxin verabreicht, eine Substanz, die dem Immunsystem eine Erkrankung vortäuscht und „Infizierte“ einen halben Tag lang mit Erkältungssymptomen quält. Sowohl den Gesunden als auch den „Kranken“ wurde mittels Wattepad Schweiß abgenommen, dessen Geruch die Versuchspersonen beurteilen sollten. Je stärker die Immunreaktion der „Kranken“ ausfiel, die die Forschungsgruppe um den Neuropsychologen Mats J. Ollson zuvor anhand von Botenstoffen im Blut nachgewiesen hatten, desto abstoßender wurde ihr Körpergeruch empfunden.
Die Forschenden wollen nun jene Moleküle finden, die den typischen Geruch bei Infektionskrankheiten verursachen. Die Suche nach den Übeltätern gleicht bislang jener nach der Nadel im Heuhaufen, denn lange als „unwichtig“ abgetan, wurde der Geruchs- im Gegensatz zum Sehsinn erst vor 30 Jahren zum Forschungsgegenstand. Davor war er Anatomiebüchern allenfalls eine Randnotiz wert. „Der Code des Riechens ist daher noch nicht entschlüsselt“, sagt Geruchsforscher Frasnelli. Dass es noch dazu an Begrifflichkeiten fehlt, macht es nicht einfacher: „Zur Charakterisierung eines Geruchs sind wir auf Analogien angewiesen, denn die einzigen exakten Unterscheidungen sind Duft und Gestank. Unter ‚blumig‘ oder ‚muffig‘ versteht abhängig von den eigenen Erfahrungen jeder etwas anderes.“
„Die Wissenschaftler wollen nun jene Moleküle finden, die den typischen Geruch bei Infektionskrankheiten verursachen.“
Künstliche Nasen sollen Krankheiten erkennen
Verantwortlich für diese unterschiedlichen Assoziationen ist das limbische System – jene Hirnregion, die nicht nur Geruchsreize verarbeitet, sondern auch Zentrum der Emotionen ist. Zwischen diesem Hirnareal und dem Sprachzentrum gibt es kaum Verbindungen; in Folge fehlen Begriffe, um subtile Gerüche verbindlich zu katalogisieren. Daher schrecken faktenbasierte Mediziner:innen mitunter davor zurück, bestimmte Odeurs zur Krankheitserkennung zu nutzen – zu wenig weiß man bislang über die Mechanismen des Riechens und all die flüchtigen Verbindungen, die sich so erschnüffeln lassen. Dabei setzen selbst Tumorzellen Duftsubstanzen frei, für die zwar menschliche Nasen nicht mehr empfänglich sind, wohl aber die von Hunden.
Doch auch Hunde sind nicht die zuverlässigsten Schnüffler. Abhilfe sollen künftig elektronische Nasen schaffen, an denen bereits getüftelt wird. Doch gelte es zunächst, die Geruchscodes zu entschlüsseln und die künstliche Intelligenz damit zu füttern, erläutert Forscher Frasnelli. Forschergruppen, wie die von Sybelle Goedicke-Fritz, arbeiten bereits daran, sogenannte „Smellprints“ (Geruchs-Fingerabdrücke) von Krankheiten zu erfassen. Mit Hilfe von Gas-Sensorik-Messgeräten werden flüchtige organische Substanzen (VOC) gemessen, die bei bestimmten Krankheiten in Atem oder Schweiß auftreten. Aber: der Weg zur raschen – und vor allem zuverlässigen – Diagnose via Körpergeruch ist noch weit.
Dufte Diagnose
So kannst du Krankheiten am Geruch erkennen:
- Grippaler Infekt: Viren und Bakterien nähren sich von alten Schleimhautzellen. Das führt zu abgestandenem, muffeligem Atem.
- Schilddrüsen-Unterfunktion: Der Schweiß riecht essigsauer, da der Stoffwechsel nur gedrosselt arbeitet. Es sammeln sich Säuren, die der Köper auszuschwitzen versucht.
- Diabetes: Kein Zufall, dass Patienten nach Nagellackentferner riechen, denn dessen Inhaltsstoff Aceton bildet sich bei Unterzuckerung. Auch längeres Fasten sorgt für den spezifischen Geruch.
- Nierenleiden: Harnstoff und Kreatinin können nur unzureichend über die Nieren ausgeschieden werden. Schweiß springt als Ausscheidungsstoff ein und riecht entsprechend nach Urin.
- Lebererkrankungen: Die Leber wandelt Eiweiß in Harnstoff um. Funktioniert das nicht, bildet sich Ammoniak und Betroffene umweht das beißende Gas, das man auch von Haarfärbemitteln kennt.