Gesund altern: Was laut Mediziner wirklich hilft
Teures Biohacking und Longevity-Supplements versprechen ein längeres Leben – ohne wissenschaftlichen Beleg. Mediziner Hubert Trübel erklärt.
Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel „Longevity – die Anti-Bullshit-Formel“ veröffentlicht: Warum brauchen wir eine Anti-Bullshit-Formel?
Weil im kommerziellen Longevity-Bereich viele Anbieter Produkte ohne nachweisbare Wirkung verkaufen – einfach, weil sie es können. Mein Buch möchte hier Klarheit schaffen und den Leuten helfen, sich zu orientieren.
Wir möchten möglichst viele Lebensjahre aktiv, selbstbestimmt und gesund verbringen. Wie viel Einfluss haben wir selbst darauf – und welcher Anteil ist genetisch vorgegeben?
Neuere Studien legen nahe, dass wahrscheinlich eher 50 und nicht, wie bisher gedacht, 30 Prozent genetisch determiniert sind. Dennoch kann man auch im genetisch bestimmten Bereich dagegenhalten, indem man etwa Risiken erkennt und gezielt adressiert.
Die restlichen 50 bis 70 Prozent haben wir alle selbst in der Hand. Man schätzt, dass wir im Mittel bis zu zehn Jahren gesundes Leben herausholen können. Manche von uns sogar mehr.
In welchem Alter sollte man sich spätestens mit dem Thema beschäftigen?
Die erste Stellschraube ist die Vorsorge. Auch junge Menschen sollten ihr Risikoprofil kennen. Das beginnt damit, dass man sich fragt, welche Verwandten in welchem Alter gestorben sind – und woran. Wenn ein Verwandter früh an Herz-Kreislauf-Versagen verstorben ist, gibt es vielleicht ein familiäres Risiko. In diesem Fall ist es gut, über den eigenen Cholesterinspiegel und andere Marker wie das Lipoprotein Lp(a) Bescheid zu wissen. Das Pareto-Prinzip besagt: Mit 20 Prozent Aufwand können wir 80 Prozent Risiko identifizieren.
Wie wichtig sind Nahrungsergänzungsmittel?
Die Frage ist, wie und wann man sie einsetzt. Ein Neugeborenes braucht Vitamin-K-Tropfen, damit die Blutgerinnung funktioniert. Schwangere und Frauen, die schwanger werden möchten, sollten Folsäure zuführen, um Neuralrohrdefekte (Anm.: embryonale Fehlbildungen) zu verhindern. Das macht Sinn. Das Problem ist aber, dass Menschen oft Multivitamine nehmen und glauben, damit schon etwas für die Gesundheit getan zu haben. In der Regel schadet das nicht, aber wichtiger wäre, sich zu überlegen, ob mehr Bewegung oder bessere Ernährung nicht besser wären.
„Man schätzt, dass wir im Mittel bis zu zehn Jahre gesundes Leben herausholen können. Manche von uns sogar mehr.“
Vorbeugung, Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Sozialkontakte – diese Stellschrauben beschreiben Sie in Ihrem Buch. Sind alle gleich wichtig?
Das ist ganz individuell: Wer ohnehin sportlich lebt, hat eher keinen zusätzlichen Bewegungsbedarf – kann sich aber beispielsweise überlegen, ob er genug schläft. Prinzipiell muss man in allen Bereichen zumindest ein bisschen ansetzen.
Warum schaffen es viele nicht, die weithin bekannten Empfehlungen für ein längeres Leben umzusetzen?
Weil ihnen der momentane Genuss wichtiger ist als der zukünftige Benefit des Genussverzichts.
Macht ein komplett vernünftiges und gesundheitsbewusstes Leben überhaupt noch Spaß?
Den Spaß am Leben sollten wir uns nie verderben lassen! Daher ist das oben erwähnte Pareto-Prinzip so wichtig: Wir müssen die 20 Prozent Aufwand verstehen, mit denen wir 80 Prozent Benefit erzielen können.
Hubert Trübel
Longevity – Die Anti-Bullshit-Formel
248 Seiten, ISBN: 978-3-7088-0884-0
Erscheinungstermin: 16. März 2026
Welche Strategien helfen mir, gesund zu altern?
Drei Tipps von Longevity-Forscher Hubert Trübel
- Odysseus-Strategie: Das ist eine Selbstverpflichtung, zum Beispiel durch einen „Verpflichtungsvertrag“ mit sich selbst oder anderen. Apps wie stickK tracken das Verhalten und ziehen Usern sogar Geld ab, wenn sie ihren eigenen guten Vorsätzen untreu werden.
- Burn-the-ships-Strategie: Sie besagt, dass man so planen soll, dass es keine Alternative gibt. Zum Beispiel, indem man den Arbeitsweg so gestaltet, dass man das Fahrrad nehmen muss.
- Misogi-Prinzip: Dieses alte japanische Kaltwasser-Reinigungsritual bedeutet in die moderne Welt übersetzt – und als natürliches Biohacking verstanden –, einmal im Jahr etwas zu tun, das uns körperlich und mental an unsere Grenzen bringt. Körperlich kann das bedeuten, 24 Stunden ununterbrochen zu wandern, mental, eine Woche komplett offline zu sein, oder kreativ, eine neue Fähigkeit öffentlich auszuprobieren – etwa das erste Mal auf einer Bühne zu stehen.
Wer ein hohes Alter erreichen will, hat einen langen Weg vor sich. Am besten beschreitet man den gut abgesichert – unter diesem Link findet ihr eine Liste der Krankenversicherungsangebote der Wiener Städtischen.