Junge Frau mit braunen, lockigen Haaren im Profil, die lächelnd eine kleine Landschildkröte in beiden Händen hält.

Gesund altern: Was laut Mediziner wirklich hilft

Teures Biohacking und Longevity-Supplements versprechen ein längeres Leben – ohne wissenschaftlichen Beleg. Mediziner Hubert Trübel erklärt.

Format:
Interview
Autor:
Sonja Warter
zuletzt geändert:
07.10.2026
Lesezeit:
3 Minuten

Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel „Longevity – die Anti-Bullshit-Formel“ veröffent­licht: Warum brauchen wir eine Anti-Bullshit-Formel?

Weil im kommerziellen Longevity-Bereich viele Anbieter Produkte ohne nach­weisbare Wirkung verkaufen – einfach, weil sie es können. Mein Buch möchte hier Klarheit schaffen und den Leuten helfen, sich zu orientieren. 

Wir möchten möglichst viele Lebensjahre aktiv, selbst­bestimmt und gesund verbringen. Wie viel Einfluss haben wir selbst darauf – und welcher Anteil ist genetisch vorgegeben?

Neuere Studien legen nahe, dass wahrscheinlich eher 50 und nicht, wie bisher gedacht, 30 Prozent genetisch determi­niert sind. Dennoch kann man auch im genetisch bestimmten Bereich dagegen­halten, indem man etwa Risiken erkennt und gezielt adressiert.

Die restlichen 50 bis 70 Prozent haben wir alle selbst in der Hand. Man schätzt, dass wir im Mittel bis zu zehn Jahren gesundes Leben heraus­holen können. Manche von uns sogar mehr.

In welchem Alter sollte man sich spätestens mit dem Thema beschäftigen?

Die erste Stellschraube ist die Vorsorge. Auch junge Menschen sollten ihr Risiko­profil kennen. Das beginnt damit, dass man sich fragt, welche Verwandten in welchem Alter gestorben sind – und woran. Wenn ein Verwandter früh an Herz-Kreislauf-Versagen verstorben ist, gibt es vielleicht ein familiäres Risiko. In diesem Fall ist es gut, über den eigenen Cholesterin­spiegel und andere Marker wie das Lipoprotein Lp(a) Bescheid zu wissen. Das Pareto-Prinzip besagt: Mit 20 Prozent Aufwand können wir 80 Prozent Risiko identifizieren.

Ein Mann im dunklen Anzug und hellblauem Hemd, sitzt entspannt mit verschränkten Händen auf einer Steintreppe.
Hubert Trübel, Mediziner und Pharma­forscher, befasst sich schon lange mit dem Thema Longevity. In seinem Buch „Longevity – Die Anti-Bullshit-Formel“ plädiert er für alltags­taugliche Maßnahmen mit nachweis­barer Wirkung statt teurer Biohacks ohne belegbaren Nutzen.
© Studioline

Wie wichtig sind Nahrungsergänzungs­mittel?

Die Frage ist, wie und wann man sie einsetzt. Ein Neu­geborenes braucht Vitamin-K-Tropfen, damit die Blut­gerinnung funktioniert. Schwangere und Frauen, die schwanger werden möchten, sollten Folsäure zuführen, um Neuralrohr­defekte (Anm.: embryonale Fehl­bildungen) zu verhindern. Das macht Sinn. Das Problem ist aber, dass Menschen oft Multi­vitamine nehmen und glauben, damit schon etwas für die Gesund­heit getan zu haben. In der Regel schadet das nicht, aber wichtiger wäre, sich zu überlegen, ob mehr Bewegung oder bessere Ernährung nicht besser wären.
 

Ein Mann mit Brille, kurzem ergrauendem Haar und dunklem Sakko, lächelnd in die Kamera.
„Man schätzt, dass wir im Mittel bis zu zehn Jahre gesundes Leben herausholen können. Manche von uns sogar mehr.“
Hubert Trübel
© Studioline

Vorbeugung, Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Sozialkontakte – diese Stel­lschrauben beschreiben Sie in Ihrem Buch. Sind alle gleich wichtig?

Das ist ganz individuell: Wer ohnehin sportlich lebt, hat eher keinen zusätzlichen Bewegungs­bedarf – kann sich aber beispiels­weise überlegen, ob er genug schläft. Prinzipiell muss man in allen Bereichen zumindest ein bisschen ansetzen. 

Warum schaffen es viele nicht, die weithin bekannten Empfehlungen für ein längeres Leben umzusetzen?

Weil ihnen der momentane Genuss wichtiger ist als der zukünftige Benefit des Genussverzichts.

Macht ein komplett vernünftiges und gesundheits­bewusstes Leben überhaupt noch Spaß?

Den Spaß am Leben sollten wir uns nie verderben lassen! Daher ist das oben erwähnte Pareto-Prinzip so wichtig: Wir müssen die 20 Prozent Auf­wand ver­stehen, mit denen wir 80 Prozent Benefit erzielen können.

Buchcover „Longevity – Die Anti-Bullshit-Formel“ von Prof. Dr. med. Hubert Trübel vom Kneipp Verlag.
Dieses Buch richtet sich laut Verlag „an alle, die fundierte Orientierung suchen statt unseriöser Heils­versprechen.“
Hubert Trübel
Longevity – Die Anti-Bullshit-Formel
248 Seiten, ISBN: 978-3-7088-0884-0
Erscheinungstermin: 16. März 2026
© Kneipp Verlag

Welche Strategien helfen mir, gesund zu altern?

Drei Tipps von Longevity-Forscher Hubert Trübel

  • Odysseus-Strategie: Das ist eine Selbstver­pflichtung, zum Beispiel durch einen „Verpflichtungs­vertrag“ mit sich selbst oder anderen. Apps wie stickK tracken das Verhalten und ziehen Usern sogar Geld ab, wenn sie ihren eigenen guten Vorsätzen untreu werden.  
  • Burn-the-ships-Strategie: Sie besagt, dass man so planen soll, dass es keine Alterna­tive gibt. Zum Beispiel, indem man den Arbeits­weg so gestaltet, dass man das Fahrrad nehmen muss. 
  • Misogi-Prinzip: Dieses alte japanische Kaltwasser-Reinigungs­ritual bedeutet in die moderne Welt übersetzt – und als natürliches Biohacking verstanden –, einmal im Jahr etwas zu tun, das uns körperlich und mental an unsere Grenzen bringt. Körperlich kann das bedeuten, 24 Stunden ununter­brochen zu wandern, mental, eine Woche komplett offline zu sein, oder kreativ, eine neue Fähig­keit öffentlich auszu­probieren – etwa das erste Mal auf einer Bühne zu stehen.
Wissen

Wer ein hohes Alter erreichen will, hat einen langen Weg vor sich. Am besten beschrei­tet man den gut abge­sichert – unter diesem Link findet ihr eine Liste der Kranken­versicherungs­ange­bote der Wiener Städtischen.