Collage mit Kopf einer Person mit verdecktem Gesicht und vielen unkenntlichen Porträtbildern

Prosopagnosie: „Und wer bist bitte du?“

Wer flüchtige Bekannte auf der Straße nicht erkennt, leidet womöglich an Gesichts­blindheit – einem Handicap, das oft zu peinlichen Situationen führt.

Format:
Im Fokus
Autor:
Maya McKechneay
zuletzt geändert:
02.01.2026
Lesezeit:
5 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, ... 

  • dass etwa jeder Fünfzigste von Gesichtsblindheit betroffen ist.
  • dass es zwei Arten davon gibt, eine angeborene und eine erworbene.
  • dass die Diagnose oft große Erleichterung bringt.

Stell dir vor: Du gehst spazieren. Eine andere Person fällt dir um den Hals. „Schön, dich zu treffen, wie geht’s den Kindern?“ – Offensichtlich weiß das Gegenüber eine Menge über dich. Doch du hast keine Ahnung, wer die:der andere ist. Menschen mit Gesichts­blindheit kennen solche Situationen. Einige versuchen, die eigene Unsicherheit zu überspielen, indem sie im Gespräch nach Hinweisen tasten, wer der oder die andere sein könnte. Andere gehen offensiver damit um und fragen: „Und wer bist bitte du?“ 

Prosopagnosie beim Namen nennen

Beides legitime Strategien, sagt Ulrike Willinger, Professorin an der Universitäts­klinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien am Wiener AKH, im Gespräch. Auch mache es in einigen Situationen durchaus Sinn, die Wahrnehmungs­störung Prosopagnosie beim Namen zu nennen, damit das Gegenüber sich auskennt. Denn allzu leicht wird das Handicap von anderen Personen heruntergespielt, nach dem Motto: „Ich kann mich auch schlecht an Namen erinnern.“ 

Dabei hat eine echte Gesichts­blindheit mit klassischen Gedächtnis­problemen ebenso wenig zu tun wie mit einer Sehschwäche. Vielmehr leidet jeder Fünfzigste unter dieser Wahrnehmungs­störung, die angeboren oder erworben sein kann: Personen mit Gesichts­blindheit können die Gesichtszüge anderer nicht erkennen. In schweren Fällen erkennen sie nicht einmal ihr eigenes Spiegel­bild, die eigene Schwester, das eigene Kind.

Wussten sie, dass ...


… es neben der Gesichts­blindheit auch ihr Gegenteil gibt? Manche Menschen haben die Fähigkeit, sich jedes Gesicht, das sie einmal gesehen haben, zu merken. Diese „Super Recognizer“ werden unter anderem von der Polizei und Geheim­diensten eingesetzt, etwa um Verdächtige in den Auf­zeichnungen öffentlicher Kameras wieder­zuerkennen. 

… es nicht nur Face Blindness, sondern auch Change Blindness (Veränderungs­blindheit) gibt? Betroffene erkennen beispiels­weise nicht, wenn sie ein Beamter am Schalter bedient und es nach kurzer Unter­brechung des Sicht­kontakts ein anderer Kollege ist, der das Gespräch fortführt. Change Blindness kann sich auch auf Objekte beziehen. 

Unbekannte Verwandte

Erstmals als eigenes Krankheitsbild beschrieben wurde Gesichts­blindheit 1947 vom deutschen Neurologen Joachim Bodamer. Er beobachtete Patient:innen, die nach einer Gehirn­verletzung nicht mehr in der Lage waren, das Pflege­personal des Kranken­hauses oder ihre nächsten Verwandten zu erkennen, und nannte ihren Zustand „Prosopagnosie“ (von Altgriechisch: prosopon, das Gesicht, und agnosia, Nicht-Erkennen). 

Neuropsychologin über Gesichtsblindheit

Ulrike Willinger leitet mit der neuro­psycho­logischen Ambulanz am AKH Wien eine mögliche erste Anlaufstelle für Menschen, die vermuten, gesichts­blind zu sein. Kommt jemand mit diesem Verdacht zu ihr, gibt es ein aufwendiges Prozedere: „Zunächst testen wir in einem Computer­verfahren die Fähigkeit zur Gesichts­erkennung“, erzählt die Neuro­psychologin. „Dabei muss man auch auf andere kognitive Variablen achten, schließlich könnte es auch an den Aufmerksamkeits- oder Gedächtnis­leistungen liegen, wenn jemand schlechter abschneidet. Zur Sicherheit prüfen wir auch, ob Beeinträchtigungen in der affektiven Informations­verarbeitung vorliegen, wie sie etwa bei einer Depression vorkommen können.“ 

Anschließend wird eine Reihe körperlicher Unter­suchungen wie neurologische Untersuchungen (inkl. MRT) durchgeführt, denn, so Willinger: „Man muss andere Ursachen ausschließen, auch dramatische Erkrankungen, wie etwa einen Gehirntumor. Es folgt eine augenärztliche Untersuchung, damit wir wissen, dass es nicht an der Sehkraft liegt.“

Wie entsteht Gesichtsblindheit?

Es gibt zwei Arten von Prosopagnosie: 

→ Eine angeborene Gesichtsblindheit

Sie entsteht ohne vorausgegangene Kopf- oder Gehirnverletzung und macht die Mehrzahl der dokumentierten Fälle aus. Vielen Patient:innen, die an angeborener Gesichtsblindheit leiden, ist ihre Störung lange Zeit nicht bewusst. 

→ Eine erworbene Gesichtsblindheit

Sie ist Folge einer Hirnverletzung, etwa nach einem Schlaganfall oder Unfall. Auch COVID-19 wird als Auslöser diskutiert. 

Diagnose schafft Erleichterung

Durch dieses langsame Herantasten und Ausschließen anderer Ursachen kann eine – oft angeborene – Prosopagnosie diagnostiziert werden. Ist das einmal geschehen, wissen Betroffene, warum viele Situationen im Alltag schwerer fallen. Allein das schafft Erleichterung. Therapie im klassischen Sinn gibt es jedoch keine, nur viele Wege, die Wahrnehmungs­schwäche im Alltag zu kompensieren. „Am Arbeits­platz kann man es etwa den Betroffenen leichter machen, indem die Kollegen Namens­schilder tragen“, zählt Willinger eine von vielen möglichen Strategien auf. 

Sie vergleicht die Situation, in der Menschen mit Prosopagnosie leben, mit dem Alltag am Wiener AKH, wo während Corona Masken­pflicht herrschte. Damals habe sie bei sich selbst bemerkt, wie sie mitunter kompensierte und neue Kolleg:innen etwa an ihrem besonderen Gang oder ihrer Körper­haltung identifizierte. Eine geradezu detektiv­ische Kompensations­leistung, wie sie viele Gesichts­blinde täglich vollbrächten. So etwas kostet Energie. 

Oliver Sacks: Gesichtsblinder Experte

„Wer dieses Kompensieren sehr gut beschreibt, ist Oliver Sacks“, sagt Willinger und empfiehlt seinen kurzweiligen Artikel im Magazin „The New Yorker“. Der britische Neurologe litt selbst unter einer ausgeprägten Gesichts­blindheit und entschuldigte sich einmal bei seinem Spiegelbild, als er mit ihm zusammenstieß. Neben dem Magazin­artikel empfiehlt Willinger auch Oliver Sacks’ ebenso kluges und unterhaltsames Sachbuch „Das Innere Auge“ („The Mind’s Eye“). Im englisch­sprachigen Raum, insbesondere in den USA und in Großbritannien, ist das Thema Face Blindness übrigens viel präsenter als hier in Österreich. Das habe zur Folge, so Willinger, dass hierzulande, wenn einmal ein Artikel zum Thema in der Zeitung erscheine, sich ein ganzer Schwung von Verdachts­fällen in ihrer Ambulanz melde. Vielleicht – und das ist ja gut so – wird das auch nach diesem Beitrag passieren. 

Wissen

Gesichtsblindheit: Symptome


Die Tendenz … 

  • Personen zu verwechseln, wenn sie ähnliche äußere Merkmale teilen (Schnurrbart, Hut, Uniform) 
  • andere zu bewundern, wenn sie Gesichter erkennen 


Schwierigkeiten …

  • Bekannte auf der Straße oder in unerwarteten Kontexten zu erkennen
  • Charaktere in Film und Fernsehen auseinanderzuhalten 
  • Personen, auch Prominente, auf Abbildungen zu erkennen 
  • sich selbst auf Fotos zu erkennen 
  • sich die Gesichtszüge anderer in deren Abwesenheit vorzustellen 

Fun Facts zur Gesichtsblindheit

Jeder kennt diese VIPs, doch sie selbst tun sich schwer mit dem Erkennen.

Foto von Prinzessin Victoria von Schweden © Shutterstock/Michael715

Prinzessin Victoria von Schweden

Sie geht offen mit ihrer Krankheit um und macht Betroffenen Mut. Bei öffentlichen Auftritten hat sie Menschen an ihrer Seite, die ihr die Namen ihres Gegenübers zuflüstern.

Bild von Schauspieler Brat Pitt © Shutterstock/Andrea Raffin

Brad Pitt

Man glaubt es kaum, doch auch Hollywoods scheinbar so selbstbewusster Beau ist überfordert von sozialen Situationen.

Mehr gesichtsblinde Prominente finden Sie in dieser CNN-Slideshow