Eine Person geht durch einen dunklen Tunnel und man sieht auch Fußspuren im Schnee.

SAD: Mehr als ein Winterblues?

Saisonale Verstimmung oder Depression? Wenn die Tage kürzer werden, verändert der Licht­mangel den Hormon­haushalt – mit Folgen für Laune, Schlaf und Antrieb.

Format:
Im Fokus
Autor:
Arndt Müller
zuletzt geändert:
02.01.2026
Lesezeit:
4 Minuten

IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …

  • was der Unterschied zwischen Winterblues und Winterdepression (SAD) ist.
  • dass körperliche Aktivität, Licht und soziale Routinen dagegen helfen. 
  • dass Depression eine behandelbare Erkrankung ist, keine Charakterschwäche.

Du fühlst dich abge­schlagen, hast auf nichts Lust, kommst morgens nicht aus dem Bett und könntest dich aus­schließlich von Schoko­lade ernähren? Das könnte eine Winter­depression sein. Oder doch ein normales Winter­tief? Ein solches zeigt sich durch vorüber­gehende Antriebs­losigkeit und leichte Stimmungs­schwan­kungen, die von selbst wieder ver­schwinden. Die Winter­depression, im Fach­jargon saisonale affektive Störung (SAD) genannt, ist hin­gegen eine diagnosti­zierbare Form der Depression mit einem klaren Muster: Die Symptome treten jedes Jahr im Herbst oder Winter auf, halten über Wochen an und beein­trächtigen Alltag, Arbeit und soziale Kontakte spürbar. Mit zunehmen­dem Tages­licht im Frühjahr klingen sie wieder ab. Typisch sind gedrückte Stimmung, Interessen­verlust, vermehrter Schlaf, gestei­gerter Appetit auf Kohlen­hydrate und sozialer Rückzug.

Warum Lichtmangel den Körper aus dem Takt bringt

„Der winterliche Licht­mangel kann den Tag-Nacht-Rhythmus und das Gleich­gewicht zwischen Serotonin und Melatonin stören“, erklärt Lukas Pezawas, Psychiater an der MedUni Wien. Die Mechanismen dahinter sind wissen­schaftlich gut belegt: Unsere innere Uhr wird haupt­sächlich durch Tages­licht gesteuert. Im Winter verschiebt sich dieser Rhythmus, weil wir deutlich weniger Licht­intensität abbe­kommen. Der Körper produziert mehr Melatonin (macht müde) und weniger Serotonin (hebt die Stimmung). Studien zeigen, dass Menschen mit SAD oft erhöhte Melatonin­spiegel und eine verringerte Serotonin­aktivität aufweisen. Ohne aus­reichend Sonnen­licht kann der Körper zudem weniger Vitamin D bilden, was zusätzlich auf Stimmung und Energie wirken kann.

Zum Vergleich: Ein bewölkter Wintertag im Freien liefert etwa 1.000 bis 5.000 Lux, ein heller Sommertag bis zu 100.000 Lux. Normale Innenraum­beleuchtung erreicht dagegen nur 300 bis 500 Lux – viel zu wenig für unsere biologische Uhr.

Wissen

Wie viele sind von einer Winterdepression betroffen?

In Österreich leiden etwa 2,4 Prozent der Bevölkerung an einer klinisch relevanten SAD – das entspricht rund 200.000 Menschen. Weitere 20 bis 25 Prozent erleben leichtere Formen. Besonders gefährdet sind Menschen, die tagsüber überwiegend in Innenräumen arbeiten.

Porträtfoto von Psychiater Lukas Pezawas, MedUni Wien
Der Psychiater und MedUni-Wien-Forscher Lukas Pezawas empfiehlt Lichttherapie und regelmäßige Bewegung gegen die Winterdepression.
© Wilke

Was nachweislich gegen SAD hilft

Die Licht­therapie gilt als Erstlinien­behandlung bei SAD mit der besten Evidenz. Täglich 30 Minuten vor einer zertifi­zierten Licht­therapie­lampe mit mindes­tens 10.000 Lux – am besten morgens innerhalb der ersten Stunde nach dem Auf­wachen – können den Melatonin­spiegel senken und das Serotonin-System aktivieren. Viele Betroffene berichten nach zwei Wochen von deutlicher Besserung. Wichtig: Gewöhn­liche Tageslicht­lampen reichen nicht aus. Achte auf medizinisch geprüfte Geräte mit UV-Filter.

Körperliche Aktivität wirkt nach­weislich anti­depressiv, idealer­weise kombiniert mit Tages­licht. Mindes­tens 30 Minuten täglich draußen, auch bei bewölktem Himmel, können die Stimmung ähnlich stark beein­flussen wie Anti­depressiva. Morgend­liche Spazier­gänge oder Sport im Freien helfen zusätzlich, den Tages­rhythmus zu stabilisieren.

Psycho­therapie wie die Kognitive Verhaltens­therapie hilft, negative Denk­muster zu erkennen und zu verändern. Sie kann als alleinige Behandlung oder in Kombination mit Licht­therapie eingesetzt werden. Bestimmte Apps, die als Medizin­produkte zertifiziert sind, können niedrig­schwelligen Zugang bieten und mit Tages­plänen sowie Selbst­reflexions­übungen unter­stützen. „Neben Licht­therapie und regelmäßiger Bewegung kann strukturierte digitale Unter­stützung helfen, den Verlauf günstig zu beeinflussen“, so Psychiater Pezawas. 

Bei leichten bis mittel­schweren Formen kann auch Johannis­kraut Linderung bringen. Sprich die Einnahme unbedingt ärztlich ab – es gibt Wechsel­wirkungen mit Verhütungs­mitteln, Blut­verdünnern und anderen Medi­kamenten. Bei schweren Verläufen können Anti­depressiva sinnvoll sein. Die Ent­scheidung trifft dein:e Ärzt:in gemeinsam mit dir.

Regel­mäßige Essens­zeiten helfen, den Tages­rhythmus zu stabilisieren. Omega-3-Fettsäuren aus fettem Fisch, Wal­nüssen oder Lein­samen können die Stimmung unterstützen. Der typische Heiß­hunger auf Kohlen­hydrate lässt sich besser mit komplexen Kohlen­hydraten, etwa Vollkorn­produkten, Haferflocken oder Hülsen­früchten, als mit Zucker stillen. Konstante Schlafzeiten – auch am Wochen­ende – verhindern, dass die innere Uhr zusätzlich durch­einander­gerät.

Soziale Kontakte gegen die Isolation

Wenn es draußen kalt und dunkel ist, fällt der soziale Rück­zug leicht – verstärkt aber depressive Symptome erheblich. Plane feste wöchent­liche Termine ein: Sport, Sauna, Spiele­abend, gemein­same Spazier­gänge. Verabrede dich verbindlich, nicht nur vage. Auch Video­anrufe können helfen, das Gefühl der Verbunden­heit zu erhalten. Suche dir Gruppen­aktivitäten, bei denen du nicht ständig über deine Stimmung reden musst. Soziale Routinen wirken stabili­sierend und schützen nach­weislich vor Einsam­keit – einem zentralen Risiko­faktor bei Winter­depression.

Gefühle anerkennen statt verdrängen

„Reiß dich zusammen!“ oder „Denk einfach positiv!“ – solche Rat­schläge sind nicht nur nutzlos, sondern können schaden. Diese Form der toxischen Positivität verkennt, dass echte psychische Gesund­heit nicht durch Verdrängen entsteht. Selbst­fürsorge bedeutet, eigene Gefühle wahrzu­nehmen und ernst zu nehmen, professionelle Hilfe zu suchen, wenn Symptome über Wochen anhalten, und zu verstehen, dass Depression eine behandelbare Erkrankung ist, keine Charakter­schwäche.

Kontaktiere umgehend professionelle Hilfe, wenn Symptome länger als zwei Wochen anhalten und den Alltag beein­trächtigen, wenn du Suizid­gedanken hast oder Licht­therapie und Bewegung nach vier Wochen keine Besserung bringen. Dein Haus­arzt oder deine Haus­ärztin ist eine gute erste Anlauf­stelle. 

Wissen

Hier findest du rasche Hilfe

In akuten Krisen erreichst du die Telefon­seelsorge unter 142 – kostenlos und rund um die Uhr. Außer­dem hat jedes Bundes­land psycho­soziale Dienste, an die du dich wenden kannst.

Mit Wissen durch die dunkle Jahreszeit

Winter­depression ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein biologisch erklärbares Phänomen mit wirksamen Behandlungs­möglich­keiten. Je früher du aktiv wirst, desto besser: Nutze jede Gelegen­heit für Tageslicht – besonders morgens. Etabliere Routinen für Bewegung und soziale Kontakte. Ziehe bei an­haltenden Beschwerden frühzeitig professionelle Hilfe hinzu. Sei geduldig mit dir selbst: Besserung braucht Zeit. Die dunkle Jahreszeit bleibt heraus­fordernd, lässt sich aber gestalten. Mit dem richtigen Wissen und konkreten Strategien kann der Winter zu einer Zeit der Ruhe werden – statt einer Phase der Erschöpfung.

edupression – Unterstützung bei depressiven Phasen

Die App edupression hilft dir mit Übungen, Wissenswertem und Tools, deine Stimmung besser zu verstehen und aktiv an deinem Wohlbefinden zu arbeiten. Beim Zusatzprodukt Besser Leben in der Rubrik Balance der Wiener Städtischen ist die digitale Psychotherapie mit dabei.