SAD: Mehr als ein Winterblues?
Saisonale Verstimmung oder Depression? Wenn die Tage kürzer werden, verändert der Lichtmangel den Hormonhaushalt – mit Folgen für Laune, Schlaf und Antrieb.
IN DIESEM TEXT ERFÄHRST DU, …
- was der Unterschied zwischen Winterblues und Winterdepression (SAD) ist.
- dass körperliche Aktivität, Licht und soziale Routinen dagegen helfen.
- dass Depression eine behandelbare Erkrankung ist, keine Charakterschwäche.
Du fühlst dich abgeschlagen, hast auf nichts Lust, kommst morgens nicht aus dem Bett und könntest dich ausschließlich von Schokolade ernähren? Das könnte eine Winterdepression sein. Oder doch ein normales Wintertief? Ein solches zeigt sich durch vorübergehende Antriebslosigkeit und leichte Stimmungsschwankungen, die von selbst wieder verschwinden. Die Winterdepression, im Fachjargon saisonale affektive Störung (SAD) genannt, ist hingegen eine diagnostizierbare Form der Depression mit einem klaren Muster: Die Symptome treten jedes Jahr im Herbst oder Winter auf, halten über Wochen an und beeinträchtigen Alltag, Arbeit und soziale Kontakte spürbar. Mit zunehmendem Tageslicht im Frühjahr klingen sie wieder ab. Typisch sind gedrückte Stimmung, Interessenverlust, vermehrter Schlaf, gesteigerter Appetit auf Kohlenhydrate und sozialer Rückzug.
Warum Lichtmangel den Körper aus dem Takt bringt
„Der winterliche Lichtmangel kann den Tag-Nacht-Rhythmus und das Gleichgewicht zwischen Serotonin und Melatonin stören“, erklärt Lukas Pezawas, Psychiater an der MedUni Wien. Die Mechanismen dahinter sind wissenschaftlich gut belegt: Unsere innere Uhr wird hauptsächlich durch Tageslicht gesteuert. Im Winter verschiebt sich dieser Rhythmus, weil wir deutlich weniger Lichtintensität abbekommen. Der Körper produziert mehr Melatonin (macht müde) und weniger Serotonin (hebt die Stimmung). Studien zeigen, dass Menschen mit SAD oft erhöhte Melatoninspiegel und eine verringerte Serotoninaktivität aufweisen. Ohne ausreichend Sonnenlicht kann der Körper zudem weniger Vitamin D bilden, was zusätzlich auf Stimmung und Energie wirken kann.
Zum Vergleich: Ein bewölkter Wintertag im Freien liefert etwa 1.000 bis 5.000 Lux, ein heller Sommertag bis zu 100.000 Lux. Normale Innenraumbeleuchtung erreicht dagegen nur 300 bis 500 Lux – viel zu wenig für unsere biologische Uhr.
Wie viele sind von einer Winterdepression betroffen?
In Österreich leiden etwa 2,4 Prozent der Bevölkerung an einer klinisch relevanten SAD – das entspricht rund 200.000 Menschen. Weitere 20 bis 25 Prozent erleben leichtere Formen. Besonders gefährdet sind Menschen, die tagsüber überwiegend in Innenräumen arbeiten.
Was nachweislich gegen SAD hilft
Die Lichttherapie gilt als Erstlinienbehandlung bei SAD mit der besten Evidenz. Täglich 30 Minuten vor einer zertifizierten Lichttherapielampe mit mindestens 10.000 Lux – am besten morgens innerhalb der ersten Stunde nach dem Aufwachen – können den Melatoninspiegel senken und das Serotonin-System aktivieren. Viele Betroffene berichten nach zwei Wochen von deutlicher Besserung. Wichtig: Gewöhnliche Tageslichtlampen reichen nicht aus. Achte auf medizinisch geprüfte Geräte mit UV-Filter.
Körperliche Aktivität wirkt nachweislich antidepressiv, idealerweise kombiniert mit Tageslicht. Mindestens 30 Minuten täglich draußen, auch bei bewölktem Himmel, können die Stimmung ähnlich stark beeinflussen wie Antidepressiva. Morgendliche Spaziergänge oder Sport im Freien helfen zusätzlich, den Tagesrhythmus zu stabilisieren.
Psychotherapie wie die Kognitive Verhaltenstherapie hilft, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern. Sie kann als alleinige Behandlung oder in Kombination mit Lichttherapie eingesetzt werden. Bestimmte Apps, die als Medizinprodukte zertifiziert sind, können niedrigschwelligen Zugang bieten und mit Tagesplänen sowie Selbstreflexionsübungen unterstützen. „Neben Lichttherapie und regelmäßiger Bewegung kann strukturierte digitale Unterstützung helfen, den Verlauf günstig zu beeinflussen“, so Psychiater Pezawas.
Bei leichten bis mittelschweren Formen kann auch Johanniskraut Linderung bringen. Sprich die Einnahme unbedingt ärztlich ab – es gibt Wechselwirkungen mit Verhütungsmitteln, Blutverdünnern und anderen Medikamenten. Bei schweren Verläufen können Antidepressiva sinnvoll sein. Die Entscheidung trifft dein:e Ärzt:in gemeinsam mit dir.
Regelmäßige Essenszeiten helfen, den Tagesrhythmus zu stabilisieren. Omega-3-Fettsäuren aus fettem Fisch, Walnüssen oder Leinsamen können die Stimmung unterstützen. Der typische Heißhunger auf Kohlenhydrate lässt sich besser mit komplexen Kohlenhydraten, etwa Vollkornprodukten, Haferflocken oder Hülsenfrüchten, als mit Zucker stillen. Konstante Schlafzeiten – auch am Wochenende – verhindern, dass die innere Uhr zusätzlich durcheinandergerät.
Soziale Kontakte gegen die Isolation
Wenn es draußen kalt und dunkel ist, fällt der soziale Rückzug leicht – verstärkt aber depressive Symptome erheblich. Plane feste wöchentliche Termine ein: Sport, Sauna, Spieleabend, gemeinsame Spaziergänge. Verabrede dich verbindlich, nicht nur vage. Auch Videoanrufe können helfen, das Gefühl der Verbundenheit zu erhalten. Suche dir Gruppenaktivitäten, bei denen du nicht ständig über deine Stimmung reden musst. Soziale Routinen wirken stabilisierend und schützen nachweislich vor Einsamkeit – einem zentralen Risikofaktor bei Winterdepression.
Gefühle anerkennen statt verdrängen
„Reiß dich zusammen!“ oder „Denk einfach positiv!“ – solche Ratschläge sind nicht nur nutzlos, sondern können schaden. Diese Form der toxischen Positivität verkennt, dass echte psychische Gesundheit nicht durch Verdrängen entsteht. Selbstfürsorge bedeutet, eigene Gefühle wahrzunehmen und ernst zu nehmen, professionelle Hilfe zu suchen, wenn Symptome über Wochen anhalten, und zu verstehen, dass Depression eine behandelbare Erkrankung ist, keine Charakterschwäche.
Kontaktiere umgehend professionelle Hilfe, wenn Symptome länger als zwei Wochen anhalten und den Alltag beeinträchtigen, wenn du Suizidgedanken hast oder Lichttherapie und Bewegung nach vier Wochen keine Besserung bringen. Dein Hausarzt oder deine Hausärztin ist eine gute erste Anlaufstelle.
Hier findest du rasche Hilfe
In akuten Krisen erreichst du die Telefonseelsorge unter 142 – kostenlos und rund um die Uhr. Außerdem hat jedes Bundesland psychosoziale Dienste, an die du dich wenden kannst.
Mit Wissen durch die dunkle Jahreszeit
Winterdepression ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein biologisch erklärbares Phänomen mit wirksamen Behandlungsmöglichkeiten. Je früher du aktiv wirst, desto besser: Nutze jede Gelegenheit für Tageslicht – besonders morgens. Etabliere Routinen für Bewegung und soziale Kontakte. Ziehe bei anhaltenden Beschwerden frühzeitig professionelle Hilfe hinzu. Sei geduldig mit dir selbst: Besserung braucht Zeit. Die dunkle Jahreszeit bleibt herausfordernd, lässt sich aber gestalten. Mit dem richtigen Wissen und konkreten Strategien kann der Winter zu einer Zeit der Ruhe werden – statt einer Phase der Erschöpfung.
edupression – Unterstützung bei depressiven Phasen
Die App edupression hilft dir mit Übungen, Wissenswertem und Tools, deine Stimmung besser zu verstehen und aktiv an deinem Wohlbefinden zu arbeiten. Beim Zusatzprodukt Besser Leben in der Rubrik Balance der Wiener Städtischen ist die digitale Psychotherapie mit dabei.