
Typisch Mann, typisch Frau - es gibt ihn doch den kleinen Unterschied. Und zwar dann, wenn es um die Gangart geht. Das haben Biopsychologen an der Ruhr-Universität Bochum entdeckt. Sie entschlüsselten die Unterschiede in der Körpersprache und wie sie beim jeweils anderen Geschlecht ankommen.
Sie haben sich mit einer Freundin im Shoppingcenter verabredet. Menschenmassen drängen von Geschäft zu Geschäft. Sie warten und halten Ausschau. Plötzlich entdecken Sie Ihre Freundin, obwohl sie noch weit entfernt ist. Sie können weder ihr Gesicht noch ihre Frisur oder Kleidung erkennen, auch nicht ihre Stimme hören. Ihre einzige Informationsquelle ist die Art und Weise, wie sie sich bewegt. Und Sie sind sich ganz sicher, dass es sich um Ihre Bekannte handelt. Verantwortlich dafür ist ein intuitiver Sinn, der evolutionär sehr alt ist. Er lässt uns blitzschnell anhand typischer Bewegungsmuster Bekannte trotz großer Distanz mit hoher Treffsicherheit erkennen und Fremde beurteilen. Wir sehen den Bewegungen eines Menschen sofort an, ob es sich um Mann oder Frau, Kind oder Erwachsenen handelt. Bewegungen vermitteln uns einen ersten Eindruck. Wir entscheiden innerhalb von Sekunden, ob wir unser Gegenüber sympathisch, attraktiv oder sexuell anziehend finden. Das haben Psychologen der Fakultät für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum um Dr. Nikolaus F. Troje herausgefunden. Die Forscher steckten Männer und Frauen in hautenge, dunkle Anzüge und befestigten - wie auch bei Filmtricks üblich - Leuchtpunkte an Gelenken und Körper. Videokameras filmten die verschiedenen Gangarten der Versuchspersonen in einem abgedunkelten Raum aus mehreren Blickwinkeln. Die Leuchtpunkte wurden auf den Computer übertragen. An den daraus entstandenen Punktlicht-Displays war das Geschlecht nicht mehr an der Körpersilhouette zu erkennen. Testpersonen sollten nun herausfinden, ob die bewegten Punkte auf dem Monitor zu einem Mann oder einer Frau gehörten. Innerhalb von Sekunden ordneten die Probanden den laufenden Strichmännchen das richtige Geschlecht zu. Drei von vier Antworten waren richtig. Die Trefferquote hing davon ab, aus welcher Perspektive die Person gezeigt wurde. Die beste Erkennungsleistung zeigte sich nach Angaben von Troje bei Frontalansichten. Sahen die Testpersonen nur statische Gestalten, war die Zuordnung wesentlich schwieriger. Die Bewegung ist also entscheidend. Nicht die Figur.
Bewegungen sagen mehr als tausend Bilder
In einem nächsten Schritt filterte ein Computerprogramm aus den Bewegungsmustern der Männer und Frauen die typischen Elemente heraus und simulierte die männliche und weibliche Gangart am Computer. Die daraus entstandenen „Karikaturen“ bestätigen alt-bekannte Prototypen: „Richtige“ Männer gehen wie John Wayne, breitbeinig, fast O-beinig, mit einer starken seitlichen Bewegung und starrem Becken. Sie wiegen den Oberkörper und spreizen die Ellenbogen nach außen. „Der Mann setzt offenbar alles daran, so viel Platz einzunehmen wie möglich, sich größer und breiter zu machen, als er eigentlich ist“, analysiert Biopsychologe und Studienleiter Troje.
Ganz anders die „richtigen“ Frauen: Sie schreiten wie Models auf dem Laufsteg, machen sich schmal, halten die Ellenbogen nahe am starren Oberkörper, der in seiner Achse bleibt. Dafür wiegen und drehen sie die Hüften und bringen durch die eng schließenden Beine zum Ausdruck, dass sie sich nicht breit machen wollen. Sie setzen beide Füße auf fast einer Linie auf, überkreuzen sie im Extremfall.
Was Frauen so unwiderstehlich macht …
Da bleibt den Männern die Luft weg: Frauen, die wie Katzen dahinschleichen, eine schmale Gestalt haben, sich mit kleinen Schritten und geschlossenen Füßen bewegen. Dazu ein lasziver Hüftschwung, die Ellenbogen nah am Körper und ein Oberkörper, der kaum seitliche Bewegungen ausführt. Der Model-Gang spricht Männer an. Die Superfrau bewegt sich typisch weiblich.
Die Wirkung der Stereotype auf das männliche Auge sollte demnach nicht unterschätzt werden. Models wie Heidi Klum oder Claudia Schiffer kommen nicht nur wegen langer Beine und schöner Gesichter an. Ihr meist eintrainierter Gang verzückt die Herren. Die Experimente bestätigen altbekannte Klischees, aber nur wenn es um das andere Geschlecht geht. Frauen fühlen sich vom Catwalk weniger angesprochen. Sie finden schwungvolle Bewegungen attraktiv. Die Anziehungskraft ihres Ganges auf Männer schätzen sie selbst ganz anders ein: Sie meinen, dass sich Männer durch einen aufrechten, vitalen und schwungvollen Gang angezogen fühlen.
… und Westernhelden so anziehend
Über die Attraktivität der Männer hingegen herrscht zwischen den Geschlechtern Einigkeit. Der Supermann bewegt sich wie der Held im Westernklassiker. Mit weit gespreizten Ellenbogen, breitschultrig und mit breitbeinigem Gang macht er auf sich aufmerksam. Dynamische Merkmale wie Schwung, Kraft und Entschlossenheit beeindrucken das weibliche Geschlecht. Und das schätzen offenbar Frauen wie Männer gleichermaßen.
… und was die Medizin davon hat
Die Forscher wollen ihre Erkenntnisse zur Früherkennung und Therapie bestimmter neurologischer Krankheiten nützen und ausbauen, die oft mit Bewegungsstörungen einhergehen und Bewegungsmuster beeinträchtigen, vor allem bei Parkinson und Multipler Sklerose.
Text: Eva Mandl